Beschleu­ni­gungs­ge­bot in Haft­sa­chen – der Ver­tei­di­ger ist schuld!

Das in Haft­sa­chen gel­ten­de ver­fas­sungs­recht­li­che Beschleu­ni­gungs­ge­bot ver­langt, dass die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Straf­ge­rich­te alle mög­li­chen und zumut­ba­ren Maß­nah­men ergrei­fen, um mit der gebo­te­nen Schnel­lig­keit die not­wen­di­gen Ermitt­lun­gen abzu­schlie­ßen und eine gericht­li­che Ent­schei­dung über die einem Beschul­dig­ten vor­ge­wor­fe­nen Taten her­bei­zu­füh­ren.

Beschleu­ni­gungs­ge­bot in Haft­sa­chen – der Ver­tei­di­ger ist schuld!

Bei abseh­bar umfang­rei­che­ren Ver­fah­ren ist stets eine vor­aus­schau­en­de, auch grö­ße­re Zeit­räu­me umgrei­fen­de Haupt­ver­hand­lungs­pla­nung mit im Grund­satz durch­schnitt­lich mehr als einem Haupt­ver­hand­lungs­tag pro Woche erfor­der­lich.

Von dem Beschul­dig­ten nicht zu ver­tre­ten­de, sach­lich nicht gerecht­fer­tig­te und ver­meid­ba­re erheb­li­che Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen ste­hen regel­mä­ßig einer wei­te­ren Auf­recht­erhal­tung der Unter­su­chungs­haft ent­ge­gen.

Ins­ge­samt ist eine auf den Ein­zel­fall bezo­ge­ne Prü­fung des Ver­fah­rens­ab­laufs erfor­der­lich, bei der es in ers­ter Linie auf die durch objek­ti­ve Kri­te­ri­en bestimm­te Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er ankommt. Sie kann abhän­gig sein von der Kom­ple­xi­tät der Rechts­sa­che, der Viel­zahl der betei­lig­ten Per­so­nen oder dem Pro­zess­ver­hal­ten des Ange­klag­ten und des Ver­tei­di­gers, ohne dass es in die­sem Zusam­men­hang maß­geb­lich dar­auf ankommt, inwie­weit es sich um sach­dien­li­ches Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten han­delt oder des­sen Gren­zen über­schrit­ten sind 1.

Zu wür­di­gen sind auch die vor­aus­sicht­li­che Gesamt­dau­er des Ver­fah­rens und die für den Fall einer Ver­ur­tei­lung kon­kret im Raum ste­hen­de Stra­fe 2.

Gemes­sen hier­an ist das Ver­fah­ren und ins­be­son­de­re die Haupt­ver­hand­lung in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­ten Fall nach des­sen Auf­fas­sung mit der in Haft­sa­chen gebo­te­nen beson­de­ren Beschleu­ni­gung geführt wor­den:

Die Haupt­ver­hand­lung hat am 8.01.2016 begon­nen. Am 4.01.2017 hat der 56. Ver­hand­lungs­tag statt­ge­fun­den. Nach­dem das gericht­li­che Beweis­pro­gramm seit meh­re­ren Mona­ten abge­schlos­sen, das Ver­fah­ren schon län­ge­re Zeit durch eine kon­ti­nu­ier­li­che Viel­zahl von Beweis­an­trä­gen, ermitt­lungs­an­trä­gen und anre­gun­gen sei­tens der Ver­tei­di­gung geprägt und die Beant­wor­tung eines antrags­ge­mäß gestell­ten Rechts­hil­fe­er­su­chens an die Repu­blik Tür­kei abzu­war­ten ist, erweist sich die Ter­mi­nie­rung als hin­rei­chend straff. Dabei berück­sich­tigt der Bun­des­ge­richts­hof auch, dass das Kam­mer­ge­richt bereits anbe­raum­te Ter­mi­ne auf zahl­rei­che Anträ­ge der Ver­tei­di­gung wegen Ver­hin­de­rung jeweils bei­der Ver­tei­di­ger auf­ge­ho­ben hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Febru­ar 2017 – StB 2/​17

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 04.02.2016 – StB 1/​16 25; vom 22.09.2016 – StB 29/​16, NStZ-RR 2017, 18, 19
  2. vgl. zum Gan­zen BVerfG, Beschluss vom 17.01.2013 – 2 BvR 2098/​12, StV 2013, 640; BGH, Beschlüs­se vom 21.04.2016 – StB 5/​16, NStZ-RR 2016, 217, 218; vom 01.12 2016 – StB 37/​16, Rn. 10