Bestech­lich­keit – und die anste­hen­de Kommunalwahl

Das Anbie­ten oder Gewäh­ren von Vor­tei­len für künf­ti­ge Dienst­hand­lun­gen an einen Amts­trä­ger, der sich für ein ande­res Amt bei dem­sel­ben Dienst­herrn bewirbt, kann dem Anwen­dungs­be­reich der Bestechungs­de­lik­te unter­fal­len, wenn dem Vor­teils­neh­mer im Zeit­punkt der Tat­hand­lung bereits all­ge­mein auf­grund sei­ner Stel­lung ein weit­rei­chen­der Auf­ga­ben­kreis zuge­wie­sen ist.

Bestech­lich­keit – und die anste­hen­de Kommunalwahl

Wäh­rend sich Vor­teils­an­nah­me und gewäh­rung auf die Dienst­aus­übung, d.h. Hand­lun­gen, durch die der Amts­trä­ger im öffent­li­chen Dienst die ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben wahr­nimmt, mit­hin die Dienst­hand­lun­gen im All­ge­mei­nen, bezie­hen1, ist Gegen­stand der Bestechung und Bestech­lich­keit ein kon­kre­tes Ver­hal­ten im Rah­men der Dienst­aus­übung2. Dienst­aus­übung und Dienst­hand­lung unter­schei­den sich dem­nach ledig­lich durch den Grad ihrer Konkretisierung.

Eine Dienst­hand­lung liegt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs jeden­falls vor, wenn das Han­deln zu den dienst­li­chen Oblie­gen­hei­ten des Amts­trä­gers gehört und von ihm in die­ser Eigen­schaft wahr­ge­nom­men wird3. Nicht erfasst sind dem­ge­gen­über Pri­vat­hand­lun­gen4, gleich­falls nicht die Annah­me von Vor­tei­len, die nur „im Zusam­men­hang mit dem Amt“, also nicht in einem Bezie­hungs­ver­hält­nis zur Dienst­aus­übung ste­hen5.

Ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die Bestechungs­de­lik­te auch die künf­ti­ge Dienst­aus­übung im Hin­blick auf ein zum Zeit­punkt der Tat­hand­lung noch nicht aus­ge­üb­tes Amt erfas­sen, hat der Bun­des­ge­richts­hof bis­lang aus­drück­lich offen­ge­las­sen6. Er hat es aller­dings als tat­be­stands­mä­ßig im Sin­ne von § 331 StGB erach­tet, wenn ein Amts­trä­ger für den Fall sei­ner Wie­der­wahl Wahl­kampf­spen­den annimmt7. Denn die Lau­ter­keit des öffent­li­chen Diens­tes und das Ver­trau­en der All­ge­mein­heit in die­se wür­den durch das Sich­ver­spre­chen­las­sen von Vor­tei­len für eine künf­ti­ge Dienst­aus­übung unab­hän­gig davon beein­träch­tigt, ob die Amts­trä­ger­stel­lung und damit die Mög­lich­keit der Dienst­aus­übung erst durch eine erfolg­rei­che Wie­der­wahl zu errei­chen sei­en8.

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Über Kon­stel­la­tio­nen der Kon­ti­nui­tät des aus­ge­üb­ten Amtes hin­aus kann nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs auch das Anbie­ten oder Gewäh­ren von Spen­den an einen Amts­trä­ger, der sich für ein ande­res Amt bei dem­sel­ben Dienst­herrn bewirbt, dem Anwen­dungs­be­reich der Bestechungs­de­lik­te unter­fal­len. Dies gilt jeden­falls dann, wenn dem Vor­teils­neh­mer im Zeit­punkt der Tat­hand­lung bereits all­ge­mein auf Grund sei­ner Stel­lung ein weit­rei­chen­der Auf­ga­ben­kreis zuge­wie­sen ist.

Ein Amts­trä­ger, der sich zur Wie­der­wahl stellt und hier­für in einem Gegen­sei­tig­keits­ver­hält­nis mit sei­nen nach sei­ner Wahl vor­zu­neh­men­den Dienst­hand­lun­gen ste­hen­de Vor­tei­le annimmt, ver­stößt bereits mit deren Annah­me gegen die ihm auf­grund sei­ner Stel­lung oblie­gen­den Son­der­pflich­ten zum Schut­ze der Lau­ter­keit des öffent­li­chen Diens­tes. Er gefähr­det das Ver­trau­en der All­ge­mein­heit in die­se Lau­ter­keit, weil er mit sei­nem Ver­hal­ten den Anschein der Käuf­lich­keit öffent­li­cher Ent­schei­dun­gen erweckt. Die­sem Anschein sol­len die Bestechungs­de­lik­te ent­ge­gen­wir­ken9.

Die­se Grund­sät­ze kön­nen auch dann Gel­tung bean­spru­chen, wenn sich ein Amts­trä­ger um ein ande­res Amt bei dem­sel­ben Dienst­herrn bewirbt. Auch er kann sich durch die Annah­me der Vor­tei­le gewillt zei­gen, sich im Fal­le sei­ner Wahl durch den Vor­teil beein­flus­sen zu las­sen. Bereits zum Zeit­punkt der Tat­hand­lung unter­liegt er als Amts­trä­ger beson­de­ren Pflich­ten. Die­se unter­schei­den sich von denen des Amts­in­ha­bers ledig­lich durch den kon­kret über­tra­ge­nen Auf­ga­ben­be­reich, sind aber nicht auf die­sen beschränkt und bestehen gegen­über dem­sel­ben Dienstherrn.

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In der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist aner­kannt, dass der Amts­trä­ger für die zum Gegen­stand der Dienst­aus­übung gemach­te Dienst­hand­lung nicht nach der inter­nen Geschäfts­ver­tei­lung kon­kret zustän­dig sein muss. Aus­rei­chend ist viel­mehr, dass die Tätig­keit zum all­ge­mei­nen Auf­ga­ben­be­reich des Amts­trä­gers gehört und mit die­sem in einem unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang steht10. Die hier­mit beschrie­be­ne Gren­ze zur Pri­vat­hand­lung ist unbe­se­hen ver­blei­ben­der Unschär­fen im Rand­be­reich11 erst über­schrit­ten, wenn die Tätig­keit in kei­ner­lei funk­tio­na­lem Zusam­men­hang mit dienst­li­chen Auf­ga­ben mehr steht12.

So auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Als Amts­trä­ger (hier: Drit­ter Bür­ger­meis­ter) im Dienst der Stadt R. bestand, unab­hän­gig von inter­nen Zustän­dig­keits­ver­tei­lun­gen, eine all­ge­mei­ne Zustän­dig­keit des W. für Auf­ga­ben, die sich mit dem Tätig­keits­be­reich der Sc. GmbH über­schnei­den konn­ten. Denn nach Art. 39 Abs. 2 Bay­GO bestand die Mög­lich­keit, ihn als drit­ten Bür­ger­meis­ter mit Ver­wal­tungs­auf­ga­ben zu betrau­en, die auch die­ses Unter­neh­men betref­fen konn­ten. Eine kon­kre­te Zustän­dig­keit bestand sogar, wenn er den Ober­bür­ger­meis­ter im Pla­nungs­aus­schuss der Stadt R. ver­trat (Art. 39 Abs. 1 BayGO).

Ein Stel­len­wech­sel inner­halb der Stadt­ver­wal­tung vom Amt des drit­ten Bür­ger­meis­ters zum Amt des Ober­bür­ger­meis­ters führt ledig­lich dazu, dass sich der kon­kre­te Auf­ga­ben­be­reich gemäß der inter­nen Orga­ni­sa­ti­ons­ver­tei­lung ändert, wäh­rend der all­ge­mei­ne Auf­ga­ben­be­reich in Form der Wahr­neh­mung von Ver­wal­tungs­auf­ga­ben unver­än­dert bleibt. Für einen objek­ti­ven Betrach­ter stellt sich des­halb die Gewäh­rung von Spen­den an einen sol­chen Amts­trä­ger unab­hän­gig von der dienst­li­chen Auf­ga­ben­ver­tei­lung als Gefahr für die Lau­ter­keit der Amts­füh­rung dar. Denn der Anschein der Käuf­lich­keit amt­li­cher Ent­schei­dun­gen ent­steht auch dann, wenn Spen­der oder Amts­trä­ger davon aus­ge­hen, dass der Amts­trä­ger im Lau­fe der künf­ti­gen Amts­zeit mit im Inter­es­se des Spen­ders lie­gen­den Vor­ha­ben befasst sein wird und ein unbe­tei­lig­ter Betrach­ter den Ein­druck gewinnt, dass mit der Spen­de Ein­fluss auf anfal­len­de Ent­schei­dun­gen genom­men wer­den soll13.

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Dies gilt umso mehr, als die Anfor­de­run­gen an die Bestimmt­heit der zukünf­ti­gen Dienst­hand­lung nicht all­zu eng gefasst sein dür­fen, weil ansons­ten sol­che Amts­trä­ger pri­vi­le­giert wür­den, die sich nicht nur im Hin­blick auf eine ein­zel­ne kon­kre­te Dienst­hand­lung, son­dern für wei­te Berei­che ihres Wir­kens als käuf­lich erwei­sen14. Erach­ten Vor­teils­ge­ber und Vor­teils­neh­mer die Mög­lich­keit als gege­ben, dass der Amts­trä­ger im Bereich sei­nes Dienst­herrn zukünf­tig mit sol­chen Auf­ga­ben betraut sein wird, die Grund der Vor­teils­ge­wäh­rung sind, will der Spen­der nicht nur die all­ge­mei­ne Aus­rich­tung der Poli­tik des Wahl­be­wer­bers unter­stüt­zen, son­dern sich des­sen Gewo­gen­heit auch für sei­ne Indi­vi­dual­in­ter­es­sen sichern13.

Mit der Annah­me des Vor­teils ver­stößt der Amts­trä­ger des­halb gegen die ihm über­tra­ge­nen Son­der­pflich­ten und begrün­det damit wie der sich um sei­ne Wie­der­wahl bewer­ben­de Amts­trä­ger die abs­trak­te Gefahr, dass die Ver­wal­tung, für die er tätig wird, als käuf­lich ange­se­hen wird. Hier­durch doku­men­tiert er die grund­sätz­li­che Bereit­schaft, sei­ne Amts­füh­rung am Wil­len des gewäh­ren­den Vor­teils­ge­bers aus­zu­rich­ten und unab­hän­gig von der ihm zuge­wie­se­nen Stel­lung inner­halb sei­nes Dienst­herrn sei­ne Amts­pflich­ten für des­sen Inter­es­sen zu miss­brau­chen. Dies genügt für eine Straf­bar­keit wegen Bestechung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Juni 2021 – 6 StR 119/​21

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.03.1999 – 5 StR 470/​98, NStZ 1999, 561; vom 18.11.2020 – 2 StR 317/​19; LKStGB/​Sowada, 12. Aufl., § 331 Rn. 52; Münch­Komm-StGB/­Kor­te, 3. Aufl., § 331 Rn. 106[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 18.11.2020 – 2 StR 317/​19[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.03.1983 – 4 StR 375/​82, BGHSt 31, 264, 280; vom 22.03.2018 5 StR 566/​17, BGHSt 63, 107, 110; Beschluss vom 07.04.2020 6 StR 52/​20, BGHSt 64, 301, 303[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.07.1980 – 3 StR 201/​80; BGHSt 29, 300, 302; vom 13.06.2001 – 3 StR 131/​01, BGHR StGB § 332 Abs. 1 Satz 1 Dienst­hand­lung 3; LKStGB/​Sowada, aaO, § 332 Rn. 6[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.10.2008 – 1 StR 260/​08, BGHSt 53, 6, 15; vom 18.11.2020 2 StR 317/​19[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 28.10.2004 – 3 StR 301/​03, aaO, S. 284[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.10.2004 – 3 StR 301/​03, aaO; vom 28.08.2007 3 StR 212/​07, NJW 2007, 3446, 3447 f.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 28.10.2004 – 3 StR 301/​03[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.10.2004 – 3 StR 301/​03, aaO, S. 283 f.; vom 28.08.2007 – 3 StR 212/​07, aaO, S. 3448; Münch­Komm-StGB/­Kor­te, aaO, § 331 Rn. 8[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 03.12.1997 – 2 StR 267/​97, NStZ 1998, 194; zum Waf­fen­recht BGH, Urteil vom 19.02.2003 – 2 StR 371/​02, BGHSt 48, 213, 220 f.; vgl. auch Urteil vom 05.10.1960 – 2 StR 427/​60, BGHSt 16, 37, 38; LKStGB/​Sowada, aaO, § 331 Rn. 56; Münch­Komm-StGB/­Kor­te, aaO, § 331 Rn. 109; NKStGB/​Kuhlen, 5. Aufl., § 331 Rn. 67[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 14.10.2008 – 1 StR 260/​08, BGHSt 53, 6, 17[]
  12. BGH, Urteil vom 17.03.2015 2 StR 281/​14, NStZ 2015, 451, 453[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 28.08.2007 – 3 StR 212/​07, aaO, S. 3448[][]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 29.02.1984 – 2 StR 560/​83, BGHSt 32, 290, 291[]

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