Betrug – als unei­gent­li­ches Orga­ni­sa­ti­ons­de­likt

Nach den Grund­sät­ze des sog. unei­gent­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­de­likts kön­nen ein­zel­ne Bei­trä­ge eines Mit­tä­ters, mit­tel­ba­ren Täters oder Gehil­fen, die der Errich­tung, Auf­recht­erhal­tung und dem Ablauf eines auf Straf­ta­ten aus­ge­rich­te­ten Geschäfts­be­triebs die­nen, zu einer Tat im Rechts­sin­ne zusam­men­ge­fasst wer­den, indem die aus der Unter­neh­mens­struk­tur her­aus began­ge­nen Tat­hand­lun­gen in der Per­son des betref­fen­den Tat­be­tei­lig­ten zu einer ein­heit­li­chen Tat im Sin­ne des § 52 Abs. 1 StGB zusam­men­ge­führt wer­den 1.

Betrug – als unei­gent­li­ches Orga­ni­sa­ti­ons­de­likt

Dies gilt nament­lich für wie­der­keh­ren­de gleich­ar­ti­ge Ein­zel­be­trug­s­ta­ten im Rah­men einer betrieb­li­chen Orga­ni­sa­ti­on 2.

Aber auch bei Straf­ta­ten, die unter Schaf­fung und Aus­nut­zung einer Unter­neh­mens­struk­tur "orga­ni­siert" began­gen wer­den, sind im Urteil hin­rei­chend kon­kre­te Fest­stel­lun­gen zu den Ein­zel­ak­ten der­ge­stalt zu tref­fen, dass das Revi­si­ons­ge­richt auch in die Lage ver­setzt wird zu beur­tei­len, ob der Tatrich­ter von einem zutref­fen­den Schuld­um­fang aus­ge­gan­gen ist 3.

Der Annah­me eines voll­ende­ten Betru­ges steht die Mit­ur­säch­lich­keit für den täu­schungs­be­ding­ten Irr­tum selbst dann nicht ent­ge­gen, wenn dane­ben noch ein ande­rer Beweg­grund bestand, der für sich allein zu dem­sel­ben Ent­schluss geführt hät­te 4.

Der Umstand einer beträcht­li­chen und den Ange­klag­ten bekann­ten Rück­last­schrift­quo­te ist bei Prü­fung der sub­jek­ti­ven Tat­sei­te in Bezug auf eine durch­gän­gi­ge Unkennt­nis der Täter von einem teil­wei­se tat­plan­wid­ri­gen Vor­ge­hen der Call­cen­ter-Mit­ar­bei­ter beson­de­res Augen­merk zuzu­wen­den. Ist von einer sol­chen Unkennt­nis aus­zu­ge­hen, wird sich die Prü­fung der Fra­ge auf­drän­gen, ob sich das Ver­hal­ten der Call­cen­ter-Mit­ar­bei­ter als unwe­sent­li­che Abwei­chung des tat­säch­li­chen vom vor­ge­stell­ten Kau­sal­ver­lauf dar­stellt 5.

Sol­len meh­re­re Per­so­nen durch eine Täu­schung dazu ver­an­lasst wer­den, wie­der­hol­te (hier monat­lich erfol­gen­de) Last­schrift­ein­zü­ge zu dul­den und damit selbst­schä­di­gend über ihr Ver­mö­gen zu ver­fü­gen, bestimmt sich die Zahl der ein­zel­nen Betrug­s­ta­ten nicht nach der Zahl der Last­schrif­ten, son­dern nach der Zahl der getäusch­ten Per­so­nen 6.

Soll­te mit Blick auf die unter­schied­li­chen Täu­schungs­va­ri­an­ten die Auf­klä­rung der genau­en Zahl der jewei­li­gen Ein­zel­ak­te des voll­ende­ten bzw. ver­such­ten Betru­ges auch im Wege einer Schät­zung eine umfang­rei­che Beweis­auf­nah­me erfor­dern, wird eine Ver­fah­rens­be­schrän­kung nach § 154a Abs. 2 StPO zu erwä­gen sein 7. Eine ein­sei­ti­ge Beschrän­kung der Straf­ver­fol­gung auf den blo­ßen Tat­ver­such ohne Zustim­mung der Staats­an­walt­schaft sieht die Straf­pro­zess­ord­nung nicht vor 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Novem­ber 2016 – 4 StR 87/​16

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 26.08.2003 – 5 StR 145/​03, BGHSt 48, 331, 341; Beschluss vom 29.07.2009 – 2 StR 160/​09, BGHR StPO § 267 Abs. 1 Satz 1 Sach­dar­stel­lung 15; Beschluss vom 03.03.2016 – 4 StR 134/​15, wis­tra 2016, 309, 310[]
  2. BGH, Urteil vom 17.06.2004 – 3 StR 344/​03, BGHSt 49, 177, 184[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 29.07.2009 – 2 StR 160/​09 aaO, Tz. 7 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 24.02.1959 – 5 StR 618/​58, BGHSt 13, 13, 14 f.; und vom 14.07.1999 – 3 StR 188/​99, NStZ 1999, 558, 559; Fischer, StGB, 64. Aufl., § 263 Rn. 87; Münch­Komm-StG­B/He­fen­dehl, 2. Aufl., § 263 Rn. 276[]
  5. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 11.07.1991 – 1 StR 357/​91, BGHSt 38, 32, 34; BGH, Urteil vom 03.12 2015 – 4 StR 223/​15, BGHR StGB § 16 Abs. 1 Kau­sal­ver­lauf 4; SSW-StG­B/Kud­lich, 3. Aufl., vor §§ 13 ff. Rn. 61 f.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 02.04.1987 – 4 StR 81/​87, wis­tra 1987, 257 für meh­re­re, durch eine Täu­schung ver­an­lass­te Über­wei­sun­gen[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.2014 ? 4 StR 430/​13, NStZ 2014, 459, 460 f.[]
  8. BGH, Beschluss vom 06.02.2013 – 1 StR 263/​12, NJW 2013, 1545, 1546[]