Betrug – und die Urteils­fest­stel­lun­gen zum erreg­ten Irr­tum

Da der Betrug­s­tat­be­stand vor­aus­setzt, dass die Ver­mö­gens­ver­fü­gung durch den Irr­tum des Getäusch­ten ver­an­lasst wor­den ist, müs­sen die Urteils­grün­de regel­mä­ßig erge­ben, wer die durch Täu­schung ver­ur­sach­te Ver­mö­gens­ver­fü­gung getrof­fen hat und wel­che irr­tüm­li­chen Vor­stel­lun­gen die­ser Geschä­dig­te dabei hat­te 1.

Betrug – und die Urteils­fest­stel­lun­gen zum erreg­ten Irr­tum

Die Über­zeu­gung des Gerichts setzt dazu in der Regel die Ver­neh­mung der Geschä­dig­ten vor­aus 2.

Aller­dings stößt die Fest­stel­lung des Irr­tums bis­wei­len auf Schwie­rig­kei­ten, die dazu füh­ren kön­nen, dass ein Tat­ge­richt im Bereich gleich­för­mi­ger, mas­sen­haf­ter oder rou­ti­ne­mä­ßi­ger Geschäf­te, die von selbst­ver­ständ­li­chen Erwar­tun­gen geprägt sind, sei­ne Über­zeu­gung von täu­schungs­be­ding­ten Fehl­vor­stel­lun­gen auf der Grund­la­ge eines sach­ge­dank­li­chen Mit­be­wusst­seins auf Indi­zi­en stüt­zen kann 3.

In Fäl­len eines nor­ma­tiv gepräg­ten Vor­stel­lungs­bil­des kann es des­halb nach der Recht­spre­chung aus­rei­chen, ein­zel­ne Zeu­gen zu ver­neh­men und aus einem regel­haf­ten Vor­stel­lungs­bild auf einen Irr­tum auch bei wei­te­ren Geschä­dig­ten zu schlie­ßen oder der Ver­ur­tei­lung wegen eines Orga­ni­sa­ti­ons­de­likts zur Bemes­sung des Schuld­um­fangs eine bestimm­te Irr­tums­quo­te zugrun­de zu legen 4.

Pro­zes­sua­le Ver­ein­fa­chun­gen der Tat­sa­chen­fest­stel­lung kön­nen sich im Ein­zel­fall dadurch errei­chen las­sen, dass Geschä­dig­te schrift­lich befragt wer­den, wor­auf das Ergeb­nis unter den Vor­aus­set­zun­gen gemäß § 251 StPO in die Haupt­ver­hand­lung ein­ge­führt wer­den kann 5.

Han­delt es sich um Tat­se­ri­en, bei denen nicht erst durch die Viel­zahl von Ein­zel­ta­ten mit jeweils klei­nen Scha­dens­be­trä­gen der Unrechts- und Schuld­ge­halt des Gesamt­ge­sche­hens gekenn­zeich­net wird, kön­nen pro­zess­öko­no­mi­sche Ergeb­nis­se durch sach­ge­mä­ße Anwen­dung der §§ 154, 154a StPO erzielt wer­den 6.

Im hier ent­schie­de­nen Fall konn­te der Bun­des­ge­richts­hof offen las­sen, ob in bestimm­ten Mas­sen­be­trugs­fäl­len auf jede Befra­gung von Geschä­dig­ten ganz ver­zich­tet und deren Irr­tum ins­ge­samt nur aus Beweis­schlüs­sen auf­grund von äuße­ren Umstän­den fest­ge­stellt wer­den kann 7. Ein Fall mit Betrugs­hand­lun­gen zum Nach­teil von tau­sen­den Geschä­dig­ten, deren Befra­gung zum Zweck der Fest­stel­lung des indi­vi­du­el­len Irr­tums auf­grund von Täu­schungs­hand­lun­gen prak­tisch unmög­lich wäre, liegt nicht vor. Auch ver­steht es sich nicht bereits auf­grund der Art der Vor­täu­schung von Tat­sa­chen von selbst, dass sich die Anle­ger bei dem Fonds der VSI KG selbst­ver­ständ­lich über bestimm­te Punk­te geirrt haben müs­sen. Wie die ein­zel­nen Anle­ger von dem Fonds­mo­dell erfahr- en haben, auf wel­che Wei­se sie von den unrich­ti­ge Anga­ben ent­hal­ten­den Fly­ern oder dem Wer­be­pro­spekt Kennt­nis hat­ten und ob etwa täu­schen­de Anga­ben der von den Ange­klag­ten ange­wie­se­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen der Ge- schäfts­stel­len Ein­fluss auf die jewei­li­ge Anla­ge­ent­schei­dung gehabt haben, lässt sich den Urteils­grün­den nicht ent­neh­men. Da inso­weit indi­vi­du­el­le Vor­stel­lungs­bil­der zu ver­schie­de­nen Aspek­ten des Anla­ge­mo­dells denk­bar sind, bleibt letzt­lich offen, ob und inwie­weit die Geschä­dig­ten sich bei der Zeich­nung der Anla­gen auf­grund einer dem Ange­klag­ten zuzu­rech­nen­den Täu­schung geirrt haben.

Allein aus der durch Anga­ben der Mit­ar­bei­ter­in­nern der Geschäfts­stel­len der Kreis­ver­bän­de getrof­fe­nen Fest­stel­lung des Land­ge­richts, Rück­fra­gen durch Inter­es­sen­ten sei­en sel­ten gewe­sen und hät­ten sich gege­be­nen­falls zumeist auf die Fra­ge des Miet­an­spruchs für einen Platz in einem Senio­ren­heim bezo­gen, konn­te auch nicht trag­fä­hig dar­auf geschlos­sen wer­den, die Anle­ger hät­ten "regel­haft" ihre Kapi­tal­an­la­gen auf­grund eines Irr­tums über das tat­säch- liche Bestehen eines durch­setz­ba­ren Miet­an­spruchs getä­tigt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Mai 2017 – 2 StR 169/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.2014 – 4 StR 430/​13, NJW 2014, 2132, 2133; BGH, Urteil vom 22.02.2017 – 2 StR 573/​15, Rn. 30 mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 17.06.2014 – 2 StR 658/​13, NStZ 2014, 644, 645[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 04.09.2014 – 1 StR 314/​14, NStZ 2015, 98, 100; krit. Beulke/​Berghäuser in Fest­schrift für Breit­ling, 2017, S. 13, 27; Cef­fi­na­to, ZStW 128 [2016], 804, 810 ff.; Krehl, NStZ 2015, 101 f.; Kud­lich, ZWH 2015, 105 f.; Kuhli, StV 2016, 40, 44 ff.; Trüg, HRRS 2015, 106, 115 ff.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.2014 – 4 StR 430/​13, NJW 2014, 2132, 2133; krit. Cef­fi­na­to, ZStW 128 [2016], 804, 818 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 22.02.2017 – 2 StR 573/​15; krit. Beulke/​Berghäuser, aaO S. 13, 26 f.[]
  6. krit. zur Beschrän­kung auf eine Ver­ur­tei­lung nur wegen ver­such­ten Betru­ges Beulke/​Berghäuser in Fest­schrift für Breit­ling, 2017, S. 13, 16 ff.; Kuhli, StV 2016, 40, 42 f.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 04.09.2014 – 1 StR 314/​14, NStZ 2015, 98, 100 mit Anm. Krehl[]