Bewaff­ne­tes Han­del­trei­ben mit Betäu­bungs­mit­teln – und die Schreck­schuß­pis­to­le

Für den Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stand des bewaff­ne­ten Han­del­trei­bens mit Betäu­bungs­mit­teln muss der Täter die Waf­fe oder den gefähr­li­chen Gegen­stand bei der Tat­be­ge­hung bewusst gebrauchs­be­reit in der Wei­se bei sich haben, dass er sich sei­ner jeder­zeit bedie­nen kann.

Bewaff­ne­tes Han­del­trei­ben mit Betäu­bungs­mit­teln – und die Schreck­schuß­pis­to­le

Setzt sich die Tat aus meh­re­ren Ein­zel­ak­ten zusam­men, so reicht es nach stän­di­ger Recht­spre­chung zur Tat­be­stands­er­fül­lung aus, wenn der qua­li­fi­zie­ren­de Umstand auch nur bei einem Ein­zel­akt ver­wirk­licht ist [1].

Ein Base­ball­schlä­ger ist grund­sätz­lich zur Erfül­lung der Qua­li­fi­ka­ti­on geeig­net [2]. Glei­ches gilt für eine gela­de­ne Schreck­schuß­pis­to­le:

Die gela­de­ne Gas­druck­pis­to­le kann durch den Bun­des­ge­richts­hof unge­ach­tet feh­len­der Fest­stel­lun­gen zur Bau­art auf­grund ihrer Bezeich­nung („Colt Defen­der“) wegen All­ge­mein­kun­dig­keit [3] als Schuss­waf­fe im Sin­ne des § 30a Abs. 2 Nr. 2 BtMG ein­ge­stuft wer­den, da bei ihr der Gas­druck nach vor­ne aus­tritt [4].

Für den Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stand gemäß § 30a Abs. 2 Nr. 2 BtMG genügt es schließ­lich, dass die Schuss­waf­fe bzw. der gefähr­li­che Gegen­stand sich so in der räum­li­chen Nähe des Täters befin­den, dass er sich ihrer jeder­zeit, also ohne nen­nens­wer­ten Zeit­auf­wand und ohne beson­de­re Schwie­rig­kei­ten bedie­nen kann [5]. Ein Tra­gen der Waf­fe oder des Gegen­stan­des am Kör­per ist nicht erfor­der­lich [6]; es genügt, wenn sie sich in Griff­wei­te befin­det [7].

Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sind, kann ange­sichts der Viel­ge­stal­tig­keit der in Fra­ge kom­men­den Lebens­ver­hält­nis­se ledig­lich anhand der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls beur­teilt wer­den [8]. Zu die­sen Umstän­den gehört etwa außer den indi­vi­du­el­len Fähig­kei­ten des Täters und den tat­säch­li­chen Mög­lich­kei­ten sei­nes Zugriffs ein­schließ­lich mög­li­cher Zugangs­er­schwer­nis­se auch die räum­li­che Nähe des Täters zu der Schuss­waf­fe oder zu dem gefähr­li­chen Gegen­stand wäh­rend irgend­ei­nes Sta­di­ums der Tat­aus­füh­rung.

Die in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Kon­kre­ti­sie­rung der räum­li­chen Kom­po­nen­te des Mit­sich­füh­rens ver­wen­de­te For­mu­lie­rung, es genü­ge, wenn sich die Schuss­waf­fe bzw. der Gegen­stand in Griff­wei­te befin­de [9], ist dabei als stets hin­rei­chen­de, aber nicht als not­wen­di­ge Bedin­gung des Mit­sich­füh­rens ver­stan­den wor­den. Denn der Bun­des­ge­richts­hof hat die Annah­me des Merk­mals, „Griff­wei­te“ im Rah­men der gebo­te­nen ein­zel­fall­be­zo­ge­nen Betrach­tung auch in Kon­stel­la­tio­nen für mög­lich gehal­ten, in denen sich inner­halb der­sel­ben Woh­nung die zum Han­del­trei­ben bestimm­ten Betäu­bungs­mit­tel und die Waf­fe bzw. der Gegen­stand in unter­schied­li­chen Räu­men befan­den [10]. Aller­dings ist der Tatrich­ter bei der­ar­ti­gen Fall­ge­stal­tun­gen räum­lich getrenn­ter Auf­be­wah­rung von Betäu­bungs­mit­teln und Waf­fen gehal­ten, die kon­kre­ten räum­li­chen Ver­hält­nis­se und die Orte, an denen die Betäu­bungs­mit­tel sowie die Waf­fen bzw. die gefähr­li­chen Gegen­stän­de auf­be­wahrt wur­den, näher im Urteil dar­zu­le­gen [11]. Bei getrenn­ter Auf­be­wah­rung in ver­schie­de­nen Räu­men einer Woh­nung ist ein Mit­sich­füh­ren regel­mä­ßig dann ver­neint wor­den, wenn sich die Waf­fe in einem sei­ner­seits ver­schlos­se­nen Behält­nis befin­det und das Öff­nen eine Zeit­span­ne in Anspruch nimmt, die es aus­schließt, von einer Zugriffs­mög­lich­keit „ohne nen­nens­wer­ten Zeit­auf­wand“ und „ohne grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten“ spre­chen zu kön­nen [12].

Die räum­li­che Ent­fer­nung zwi­schen dem Auf­be­wah­rungs­ort der Betäu­bungs­mit­tel und dem der Waf­fe bzw. des gefähr­li­chen Gegen­stan­des zu einem bestimm­ten Zeit­punkt – etwa dem der Durch­su­chung einer Woh­nung – hat aller­dings ledig­lich indi­zi­el­le Bedeu­tung für die Beur­tei­lung einer jeder­zei­ti­gen ohne nen­nens­wer­ten Zeit­auf­wand und ohne grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten zu rea­li­sie­ren­den Zugriffs­mög­lich­keit des Täters. Denn für das Mit­sich­füh­ren ist ange­sichts des Zwecks der Qua­li­fi­ka­ti­on [13] die Zugriffs­mög­lich­keit des Täters des Betäu­bungs­mit­tel­de­likts auf Waf­fen oder sons­ti­ge Gegen­stän­de gemäß § 30a Abs. 2 Nr. 2 Var. 2 BtMG wäh­rend irgend­ei­nes, aber näher zu bestim­men­den Zeit­punkts im gesam­ten Tat­ver­lauf aus­schlag­ge­bend [8].

Die­se Maß­stä­be hat­te das Land­ge­richt im vor­lie­gen­den FAll im Rah­men sei­ner Wür­di­gung nicht aus­rei­chend in den Blick genom­men:

Nach den Fest­stel­lun­gen befan­den sich die Gas­druck­pis­to­le und der Base­ball­schlä­ger zum Zeit­punkt der Durch­su­chung zwar in einem ande­ren Raum als die zum Han­del­trei­ben bestimm­ten Betäu­bungs­mit­tel. Die räum­li­che Distanz hat aber – wie aus­ge­führt – ledig­lich indi­zi­el­le Bedeu­tung für die jeder­zei­ti­ge Zugriffs­mög­lich­keit des Täters wäh­rend der Tat. Für ein kon­kre­tes Ver­kaufs­ge­schäft mit dem auf der außen­lie­gen­den Fens­ter­bank des Bal­kon­fens­ters auf­be­wahr­ten Hero­ins hät­te es ohne­hin des Her­vor­ho­lens wenigs­tens eines Teils davon bedurft, so dass dem Auf­be­wah­rungs­ort zum Zeit­punkt der Durch­su­chung für das Mit­sich­füh­ren der Waf­fe bzw. des Gegen­stan­des für sich genom­men kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung zukom­men kann [14]. Inso­weit ver­hält es sich anders als in Kon­stel­la­tio­nen, in denen die Waf­fe bzw. der gefähr­li­che Gegen­stand in einer Art und Wei­se gela­gert wird, die – wie etwa bei Auf­be­wah­rung in einem ver­schlos­se­nen Behält­nis [15] – den Zugriff auf die Waf­fe erschwert. Der­ar­ti­ge Schwie­rig­kei­ten des Zugangs zu der fer­tig gela­de­nen Gas­druck­pis­to­le und dem Base­ball­schlä­ger sind in objek­ti­ver Hin­sicht gera­de nicht fest­ge­stellt. Die Fest­stel­lung, dass die Waf­fe und der Base­ball­schlä­ger im Flur unmit­tel­bar in Nähe der Woh­nungs­ein­gangs­tür lagen, legt viel­mehr nahe, dass der zum Han­del vor­ge­se­he­ne Betäu­bungs­mit­tel­vor­rat durch das durch Waf­fen ver­mit­tel­te Gefühl von Sicher­heit und Über­le­gen­heit abge­si­chert wer­den soll­te, was der gesetz­ge­be­ri­schen Zweck­be­stim­mung der Qua­li­fi­ka­ti­on ent­sprä­che [16].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Okto­ber 2019 – 2 StR 294/​19

  1. vgl. BGH, Urteil vom 15.11.2017 – 2 StR 74/​17, Beck­RS 2017, 139279; BGH, Beschluss vom 28.11.2013 – 5 StR 576/​13, BGHR BtMG § 30a Abs. 2 Nr. 2 Gegen­stand 1; BGH, Urteil vom 28.02.1997 – 2 StR 556/​96, BGHSt 43, 8, 10 f., jeweils mwN[]
  2. zum Base­ball­schlä­ger aus Holz vgl. nur BGH, Urteil vom 18.07.2018 – 5 StR 547/​17, Beck­RS 2018, 17706[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 11.11.2014 – 3 StR 451/​14, Beck­RS 2015, 464 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 12.10.2005 – 2 StR 298/​05, NJW 2006, 73, 74[]
  5. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 05.04.2016 – 1 StR 38/​16, BGHR BtMG § 30a Abs. 2 Mit­sich­füh­ren 13 mwN[]
  6. BGH, Beschluss vom 23.06.2010 – 2 StR 203/​10, NStZ 2011, 99[]
  7. BGH, Beschluss vom 10.02.2015 – 5 StR 594/​14, NStZ 2015, 349[]
  8. BGH, Urteil vom 12.01.2017 – 1 StR 394/​16, BGHR BtMG § 30a Abs. 2 Mit­sich­füh­ren 14 mwN[][]
  9. vgl. BGH, aaO, mwN[]
  10. BGH, aaO, mit zahlr. Nachw.[]
  11. BGH, aaO[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 23.06.2010 – 2 StR 203/​10, NStZ 201, 99 f.: Waf­fe in einem mit Zah­len­code gesi­cher­ten Tre­sor; Urteil vom 12.03.2002 – 3 StR 404/​01, StV 2002, 489 f.: Gas­pis­to­le unter einem hoch­zu­klap­pen­den Sofa[]
  13. dazu näher BGH, Beschluss vom 05.04.2016 – 1 StR 38/​16, BGHR BtMG § 30a Abs. 2 Mit­sich­füh­ren 13[]
  14. vgl. auch BGH aaO[]
  15. vgl. BGH, Beschluss vom 23.06.2010 – 2 StR 203/​10, NStZ 2011, 99 f.[]
  16. dazu BGH, Beschluss vom 05.04.2016 – 1 StR 38/​16, BGHR BtMG § 30a Abs. 2 Mit­sich­füh­ren 13[]