Beweis­wür­di­gung – und die sach­lich-recht­li­che Begrün­dungs­pflicht

Die Beweis­wür­di­gung ist Sache des Tatrich­ters (§ 261 StPO). Ihm allein obliegt es, sich auf­grund des umfas­sen­den Ein­drucks der Haupt­ver­hand­lung ein Urteil über die Schuld oder Unschuld des Ange­klag­ten zu bil­den.

Beweis­wür­di­gung – und die sach­lich-recht­li­che Begrün­dungs­pflicht

Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Kon­trol­le ist auf die Prü­fung beschränkt, ob dem Tatrich­ter dabei ein Rechts­feh­ler unter­lau­fen ist. Dies ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist, gegen Denk­ge­set­ze oder gesi­cher­te Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt oder der Tatrich­ter an die Über­zeu­gung von der Schuld des Ange­klag­ten über­höh­te Anfor­de­run­gen stellt. Die Über­zeu­gung des Tatrich­ters muss dar­über hin­aus in den Fest­stel­lun­gen und der den Fest­stel­lun­gen zugrun­de lie­gen­den Beweis­wür­di­gung eine aus­rei­chen­de objek­ti­ve Grund­la­ge fin­den1.

Die schrift­li­chen Urteils­grün­de müs­sen des­halb nicht nur die für erwie­sen erach­te­ten Tat­sa­chen, ihre recht­li­che Wür­di­gung sowie die für die Ent­schei­dung der Straf­fra­ge maß­geb­li­chen Erwä­gun­gen wie­der­ge­ben (vgl. § 267 StPO); der Tatrich­ter ist außer­dem ver­pflich­tet, sei­ne Beweis­er­wä­gun­gen so geschlos­sen und aus sich her­aus ver­ständ­lich in den schrift­li­chen Urteils­grün­den nie­der­zu­le­gen, dass die Beweis­wür­di­gung einer revi­si­ons­ge­richt­li­chen Kon­trol­le anhand des genann­ten Maß­sta­bes einer sach­lich­recht­li­chen Über­prü­fung zugäng­lich ist2.

Die sach­lich­recht­li­che Begrün­dungs­pflicht umfasst auch die Ver­pflich­tung, die Ein­las­sung des Ange­klag­ten jeden­falls in ihrem wesent­li­chen Inhalt wie­der­zu­ge­ben. Dies gilt auch in Fäl­len, in denen der Ange­klag­te ein Geständ­nis ablegt3, denn ein Geständ­nis ent­hebt den Tatrich­ter nicht von sei­ner Pflicht, die­ses einer kri­ti­schen Prü­fung auf Plau­si­bi­li­tät und Trag­fä­hig­keit hin zu unter­zie­hen und zu den sons­ti­gen Beweis­mit­teln in Bezie­hung zu set­zen. Legt der Tatrich­ter das Geständ­nis des Ange­klag­ten sei­nen Fest­stel­lun­gen in vol­lem Umfan­ge zugrun­de, weil er es für glaub­haft erach­tet, so ist er zwar grund­sätz­lich nicht ver­pflich­tet, es in den Urteils­grün­den in allen sei­nen Ein­zel­hei­ten zu doku­men­tie­ren, um dem Revi­si­ons­ge­richt eine Kon­trol­le sei­ner Ent­schei­dung zu ermög­li­chen. Es kann viel­mehr – je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls – genü­gen, auf die Fest­stel­lun­gen Bezug zu neh­men. Erfor­der­lich ist außer­dem, dass der Tatrich­ter in den Urteils­grün­den für das Revi­si­ons­ge­richt nach­voll­zieh­bar dar­legt und begrün­det, aus wel­chen Grün­den er das Geständ­nis des Ange­klag­ten für glaub­haft erach­tet. Decken sich die Anga­ben des Ange­klag­ten mit sons­ti­gen Beweis­ergeb­nis­sen und stützt der Tatrich­ter sei­ne Über­zeu­gung von der Glaub­haf­tig­keit des Geständ­nis­ses auch auf die­se Beweis­ergeb­nis­se, so ist er zu deren jeden­falls gedräng­ter Wie­der­ga­be ver­pflich­tet, da ande­ren­falls eine revi­si­ons­ge­richt­li­che Über­prü­fung sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung nicht mög­lich ist. Die­se Maß­stä­be gel­ten auch in Fäl­len, in denen der Ange­klag­te im Rah­men einer Ver­fah­rens­ver­stän­di­gung ein Geständ­nis ablegt.

Zwar ist es regel­mä­ßig weder erfor­der­lich noch zweck­mä­ßig, das Revi­si­ons­ge­richt im Ein­zel­nen dar­über zu unter­rich­ten, wel­che Ergeb­nis­se die im Haupt­ver­hand­lungs­pro­to­koll ver­zeich­ne­ten Beweis­erhe­bun­gen erbracht haben4. Stützt der Tatrich­ter sei­ne Über­zeu­gung von der Glaub­haf­tig­keit der Geständ­nis­se jedoch auf außer­halb der Anga­ben der Ange­klag­ten lie­gen­de Beweis­ergeb­nis­se, so ist er gehal­ten, die­se in den Urteils­grün­den – jeden­falls gedrängt – wie­der­zu­ge­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Dezem­ber 2015 – 2 StR 322/​15

  1. BGH, Beschluss vom 22.08.2013 – 1 StR 378/​13, NStZ-RR 2013, 387, 388
  2. st. Rspr; BGH, Beschluss vom 21.07.2015 – 2 StR 75/​14, juris; Beschluss vom 23.06.2010 – 2 StR 222/​10; vgl. BGH, Urteil vom 07.08.2014 – 3 StR 224/​14 mwN; BGH, Beschluss vom 25.02.2015 – 4 StR 39/​15, NStZ-RR 2015, 180
  3. BGH, Beschluss vom 21.07.2015 – 2 StR 75/​14
  4. BGH, Urteil vom 07.08.2014 – 3 StR 224/​14 mwN