Bewer­tung von­ein­an­der abwei­chen­der Gut­ach­ten – und die Urteils­grün­de

Bei der Bewer­tung von­ein­an­der abwei­chen­der Gut­ach­ten ist es erfor­der­lich, dass der Tatrich­ter die wesent­li­chen Anknüp­fungs­tat­sa­chen und Dar­le­gun­gen der Sach­ver­stän­di­gen im Urteil wie­der­gibt, also die wesent­li­chen tat­säch­li­chen Grund­la­gen, an die die Schluss­fol­ge­run­gen eines Gut­ach­tens anknüp­fen, und die Schluss­fol­ge­run­gen selbst wenigs­tens soweit im Urteil mit­teilt, als dies zum Ver­ständ­nis der Gut­ach­ten und zur Beur­tei­lung ihrer gedank­li­chen Schlüs­sig­keit für das Revi­si­ons­ge­richt erfor­der­lich ist 1.

Bewer­tung von­ein­an­der abwei­chen­der Gut­ach­ten – und die Urteils­grün­de

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist die Straf­kam­mer von einer Schuld­un­fä­hig­keit der Ange­klag­ten infol­ge einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung in Form einer schwe­ren depres­si­ven Epi­so­de aus­ge­gan­gen, hat aber die wesent­li­chen tat­säch­li­chen Grund­la­gen, an die die Schluss­fol­ge­run­gen der bei­den Sach­ver­stän­di­gen anknüp­fen, nicht aus­rei­chend im Urteil wie­der­ge­ge­ben. Dies wäre jedoch ins­be­son­de­re ange­sichts einer für die Annah­me einer voll­stän­di­gen Auf­he­bung der Steue­rungs­fä­hig­keit nicht typi­schen Sym­pto­ma­tik erfor­der­lich gewe­sen, weil die Gut­ach­ten, jeden­falls soweit sie das Aus­maß der mög­li­chen Beein­träch­ti­gung der Steue­rungs­fä­hig­keit der Ange­klag­ten betref­fen, in Wider­spruch zuein­an­der ste­hen. Dem Revi­si­ons­ge­richt ist es dadurch nicht mög­lich, deren gedank­li­che Schlüs­sig­keit zu über­prü­fen. Die Straf­kam­mer wäre inso­fern gehal­ten gewe­sen, dar­zu­le­gen, wie sich die Sach­ver­stän­di­gen kon­kret zu den Aus­füh­run­gen des jeweils ande­ren Gut­ach­ters ver­hal­ten haben. Die Straf­kam­mer beschränkt sich jedoch dar­auf, fest­zu­stel­len, der Sach­ver­stän­di­ge G habe sich zu den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen S. nicht nach­voll­zieh­bar äußern kön­nen. Dies genügt für eine inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung der Straf­kam­mer mit den von­ein­an­der abwei­chen­den Inhal­ten der Gut­ach­ten nicht. Es hät­te zumin­dest dar­ge­stellt wer­den müs­sen, was die Straf­kam­mer als nicht nach­voll­zieh­bar ange­se­hen hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Janu­ar 2019 – 1 StR 445/​18

  1. BGH, Beschluss vom 11.01.2006 – 5 StR 372/​05, NStZ 2006, 296 mwN[]