BGH-Straf­se­na­te – und die Siche­rung der Unein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung

Eine Sitz­grup­pe eines anfra­gen­den Bun­des­ge­richts­hofs ist nicht gehin­dert, wäh­rend der Dau­er des von einer ande­ren Sitz­grup­pe des­sel­ben Bun­des­ge­richts­hofs beschlos­se­nen Anfra­ge­ver­fah­rens auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zu ent­schei­den. Eine Bin­dungs­wir­kung ent­steht erst durch den Ant­wort­be­schluss des ange­frag­ten Bun­des­ge­richts­hofs, wenn die­ser sei­ne Zustim­mung zu einer Ände­rung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung erteilt. Meint zumin­dest eine Sit­zungs­grup­pe des 2. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs.

BGH-Straf­se­na­te – und die Siche­rung der Unein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung

In einer ande­ren Beset­zung hat­te der 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs mit Beschluss vom 01.06.2016 die Revi­si­ons­haupt­ver­hand­lung unter­bro­chen und, ver­bun­den mit einer Anfra­ge an die übri­gen Straf­se­na­te des Bun­des­ge­richts­hofs, ob an bis­he­ri­ger Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten wer­de, aus­ge­führt, er beab­sich­ti­ge zu ent­schei­den: "Die Nöti­gung zur Her­aus­ga­be von Betäu­bungs­mit­teln rich­tet sich nicht gegen das Ver­mö­gen des Geschä­dig­ten und erfüllt daher nicht den Tat­be­stand der Erpres­sung." 1

Jedoch hin­dert ein sol­ches Anfra­ge­ver­fah­ren nach § 132 GVG nach Ansicht der hier ent­schei­den­den Spruch­grup­pe des 2. Straf­se­nats nicht eine Sach­ent­schei­dung auf Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs. Dass ein Anfra­ge­be­schluss die ange­frag­ten Bun­des­ge­richts­ho­fe, die an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung fest­hal­ten wol­len, nicht hin­dert, auf die­ser Grund­la­ge wei­ter zu ent­schei­den, hat der Bun­des­ge­richts­hof unter Hin­weis auf eine feh­len­de Sperr­wir­kung bereits ent­schie­den 2. Eben­so wenig ist ein anfra­gen­der Bun­des­ge­richts­hof gehin­dert, bei Vor­lie­gen einer Bin­nen­di­ver­genz zwi­schen ver­schie­de­nen Sitz­grup­pen abwei­chend von sei­ner eige­nen Anfra­ge zu ent­schei­den.

Der Anfra­ge­be­schluss ent­fal­tet kei­ne Sperr­wir­kung. Er dient ledig­lich der Vor­be­rei­tung der Her­bei­füh­rung einer Recht­spre­chungs­än­de­rung, ist aber selbst kei­ne bin­den­de Ent­schei­dung, von der nicht abge­wi­chen wer­den könn­te.

Eine Bin­dungs­wir­kung ent­steht erst durch den Ant­wort­be­schluss des ange­frag­ten Bun­des­ge­richts­hofs, der sei­ne Zustim­mung zu einer Ände­rung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung erteilt 3. Dann kann der anfra­gen­de Bun­des­ge­richts­hof nicht mehr zu sei­ner ursprüng­li­chen Recht­spre­chung zurück­keh­ren, ohne den Gro­ßen Bun­des­ge­richts­hof für Straf­sa­chen anzu­ru­fen; dies des­halb, weil die Ent­schlie­ßung über die Ant­wort des ange­frag­ten Bun­des­ge­richts­hofs, er hal­te an der frü­he­ren Rechts­auf­fas­sung nicht mehr fest, die glei­che Bedeu­tung hat wie eine Revi­si­ons­ent­schei­dung, in der er sei­ne frü­he­re Auf­fas­sung auf­gibt 4.

Eine Bin­nen­di­ver­genz führt auch nicht zu der Ver­pflich­tung, eine Ent­schei­dung des – in der Sache unzu­stän­di­gen – Bun­des­ge­richts­hofsple­nums her­bei­zu­füh­ren. Eine sol­che "Ent­schei­dung" hät­te für die zustän­di­ge Sitz­grup­pe kei­ne recht­li­che Bin­dungs­wir­kung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Sep­tem­ber 2016 – 2 StR 27/​16

  1. BGH, Beschluss vom 01.06.2016 – 2 StR 335/​15[]
  2. BGH, Beschluss vom 24.08.2000 – 1 StR 349/​00, BGHR GVG § 132 Anfra­ge­ver­fah­ren 1; Beschluss vom 19.10.2004 – 1 StR 427/​04 mwN; sowie wenn die Rechts­fra­ge dem Gro­ßen Bun­des­ge­richts­hof zur Ent­schei­dung vor­ge­legt ist: BGH, Beschluss vom 09.12 2009 – 2 StR 433/​09, NStZ 2010, 227[]
  3. BGH, Beschluss vom 24.08.2000 – 1 StR 349/​00, aaO[]
  4. vgl. Heuß­ner, DRiZ 1972, 119 ff.[]