Blit­zer – aber nur mit Roh­mess­da­ten

Das Grund­recht auf wirk­sa­me Ver­tei­di­gung schließt auch in einem Buß­geld­ver­fah­ren über eine Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung ein, dass die Roh­mess­da­ten der Geschwin­dig­keits­mes­sung zur nach­träg­li­chen Plau­si­bi­li­täts­kon­trol­le zur Ver­fü­gung ste­hen.

Blit­zer – aber nur mit Roh­mess­da­ten

Gibt es kei­ne zwin­gen­den Grün­de, Roh­mess­da­ten nicht zu spei­chern, und erlaubt ihre Spei­che­rung, das Ergeb­nis eines Mess­vor­gangs nach­zu­voll­zie­hen, so ist es uner­heb­lich, dass es sich bei Buß­geld­ver­fah­ren um Mas­sen­ver­fah­ren von in aller Regel gerin­ge­rem Gewicht für einen Betrof­fe­nen han­delt, und dass in der weit über­wie­gen­den Zahl aller Fäl­le Geschwin­dig­keits­mes­sun­gen zutref­fend sind. Rechts­staat­li­che Bedin­gun­gen sind nicht nur in der weit­aus über­wie­gen­den Mehr­zahl aller Fäl­le zu beach­ten, son­dern in jedem Ein­zel­fall.

Der Aus­gangs­fall[↑]

In der hier vom Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Saar­lan­des ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de wand­te sich der Beschwer­de­füh­rer gegen sei­ne Ver­ur­tei­lung wegen fahr­läs­si­ger Über­schrei­tung der inner­orts zuläs­si­gen Höchst­ge­schwin­dig­keit zu einer Geld­bu­ße in Höhe von 100 €.

Gegen den Beschwer­de­füh­rer war mit Buß­geld­be­scheid des Lan­des­ver­wal­tungs­am­tes – Zen­tra­le Buß­geld­be­hör­de – vom 12.10.2016 wegen einer Über­schrei­tung der zuläs­si­gen Höchst­ge­schwin­dig­keit inner­halb geschlos­se­ner Ort­schaf­ten um 27 km/​h (nach Tole­ranz­ab­zug) eine Geld­bu­ße in Höhe von 100 € fest­ge­setzt wor­den. Dem lag eine Geschwin­dig­keits­mes­sung für das von ihm geführ­te Kraft­fahr­zeug am 17.06.2016 um 16:44 Uhr in Fried­richs­thal zugrun­de. Bei der ver­wen­de­ten Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge han­delt es sich um das Modell Traf­fistar S 350 der Fir­ma Jen­op­tik. Das Gerät misst die Geschwin­dig­keit auf der Grund­la­ge von Laser­im­puls­Lauf­zeit­mes­sun­gen. Für die sich im Erfas­sungs­be­reich der Laser­im­pul­se befin­den­den Objek­te lie­fert der Laser­scan­ner genaue Ent­fer­nungs­und Win­kel­in­for­ma­tio­nen, die die Berech­nung der Ent­fer­nungs­än­de­rung des Objekts über die Zeit erlau­ben.

Unter dem 24.10.2016 bean­trag­te der Ver­tei­di­ger des Beschwer­de­füh­rers bei dem Lan­des­ver­wal­tungs­amt die Her­aus­ga­be der Roh­mess­da­ten des Mess­ge­rä­tes in unver­schlüs­sel­ter Form und der gesam­ten Mess­se­rie des Tat­ta­ges sowie eine Kopie der Lebens­ak­te des ver­wen­de­ten Mess­ge­rä­tes und bezeich­ne­te dies am 03.11.2016 als Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung. Die Zen­tra­le Buß­geld­be­hör­de geneh­mig­te – soweit ersicht­lich – die Her­aus­ga­be der kon­kre­ten Mess­da­tei und der Lebens­ak­te des Mess­ge­rä­tes und lehn­te Akten­ein­sicht – ohne nähe­re Bezeich­nung der Akten, die davon betrof­fen sein soll­ten – ab. Über den an das Amts­ge­richt wei­ter­ge­lei­te­ten Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung wur­de nicht ent­schie­den.

Der nach Her­aus­ga­be der Mess­da­tei und der Lebens­ak­te von dem Beschwer­de­füh­rer beauf­trag­te Sach­ver­stän­di­ge teil­te mit, „anhand der Zusatz­da­ten zum Fall­da­ten­satz“ sei eine „unab­hän­gi­ge Geschwin­dig­keits­kon­trol­le nicht annä­he­rungs­wei­se mög­lich“. Die Weg­Zeit­Rech­nung sei nicht nach­voll­zieh­bar.

Gegen den Buß­geld­be­scheid leg­te der Beschwer­de­füh­rer Ein­spruch ein. In der Haupt­ver­hand­lung vor dem Amts­ge­richt Saar­brü­cken vom 28.03.2017, in der sich der Beschwer­de­füh­rer gestän­dig dazu ein­ließ, Fah­rer des erfass­ten Kraft­fahr­zeugs gewe­sen zu sein, wur­den sowohl der Eich­schein betref­fend das Geschwin­dig­keits­mess­ge­rät als auch das Mess­pro­to­koll zur Kennt­nis­nah­me vor­ge­legt.

Der Ver­tei­di­ger des Beschwer­de­füh­rers stell­te dar­auf­hin den Beweis­an­trag, ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zu der Behaup­tung ein­zu­ho­len, dass bei dem hier zum Ein­satz gekom­me­nen Mess­ge­rät des Typs Traf­fistar S 350 die Mög­lich­keit aus­ge­schlos­sen sei, die Mes­sung durch ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten über­prü­fen zu las­sen, so dass die Aner­ken­nung als stan­dar­di­sier­tes Mess­ver­fah­ren nicht mehr in Betracht kom­me.

Das Amts­ge­richt Saar­brü­cken lehn­te den Antrag gemäß § 77 Abs. 2 Nr. 1 OWiG ab, da die zum Beweis gestell­te Behaup­tung zur Erfor­schung der Wahr­heit nicht erfor­der­lich sei.

Gegen das Urteil des Amts­ge­richts Saar­brü­cken 1 leg­te der Beschwer­de­füh­rer for­mund frist­ge­recht Antrag auf Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de ein. Durch Beschluss vom 26.06.2017 2 ver­warf das Saar­län­di­sche Ober­lan­des­ge­richt den Antrag auf Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de gegen das Urteil als unbe­grün­det.

In den Grün­den führ­te das Saar­län­di­sche Ober­lan­des­ge­richt aus, das Mess­ge­rät Jen­op­tik Traf­fiStar S 350 sei durch die Phy­si­ka­lisch­Tech­ni­sche Bun­des­an­stalt (PTB) zuge­las­sen. Die mit ihm vor­ge­nom­me­nen Mes­sun­gen sei­en das Ergeb­nis eines stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens. Daher kön­ne sich die rich­ter­li­che Über­zeu­gung von der Geschwin­dig­keit des Fahr­zeugs allein auf die Geschwin­dig­keits­mes­sung durch das Mess­ge­rät stüt­zen. In den Urteils­grün­den bedür­fe es dann in der Regel ledig­lich der Mit­tei­lung der als erwie­sen erach­te­ten Geschwin­dig­keit nach dem ange­wand­ten Mess­ver­fah­ren und des berück­sich­tig­ten Tole­ranz­wer­tes. Dar­über hin­aus müs­se sich das Gericht von der Zuver­läs­sig­keit der Mes­sung nur bei Vor­lie­gen kon­kre­ter Anhalts­punk­te für Mess­feh­ler über­zeu­gen. Auf mög­li­che Feh­ler der Mes­sung in den Urteils­grün­den müs­se es nur ein­ge­hen, wenn der zu ent­schei­den­de Fall hier­zu Ver­an­las­sung gebe. Sol­che kon­kre­ten Anhalts­punk­te für Mess­feh­ler sei­en durch den Beschwer­de­füh­rer nicht vor­ge­tra­gen wor­den.

Eine Ver­let­zung des Grund­rechts auf recht­li­ches Gehör, ins­be­son­de­re des Gebots, erheb­li­che Beweis­an­trä­ge zu berück­sich­ti­gen, lie­ge nicht vor. Sei ein Mess­ge­rät von der PTB zuge­las­sen und wer­de es im Rah­men der Zulas­sungs­vor­ga­ben ver­wen­det, sei­en wei­te­re tech­ni­sche Prü­fun­gen der kon­kre­ten Funk­ti­ons­wei­se des Mess­ge­rä­tes ent­behr­lich. Nur wenn im Ein­zel­fall kon­kre­te Tat­sa­chen dem Gericht gegen­über vor­ge­tra­gen wür­den, die geeig­net sei­en, Zwei­fel an der Rich­tig­keit des zur Ver­hand­lung ste­hen­den kon­kre­ten Mess­ergeb­nis­ses zu wecken, kön­ne das Tat­ge­richt sich ver­an­lasst sehen, die­sen Zwei­feln sach­ver­stän­dig nach­zu­ge­hen.

Die gegen den Beschluss des Saar­län­di­schen Ober­lan­des­ge­richts vom 26.06.2017 erho­be­ne Anhö­rungs­rü­ge vom 10.07.2017 hat das Saar­län­di­sche Ober­lan­des­ge­richt durch Beschluss vom 27.07.2017 zurück­ge­wie­sen. Weder das Grund­recht auf recht­li­ches Gehör noch das Grund­recht auf ein fai­res Ver­fah­ren sei­en ver­letzt, da zum Nach­teil des Betrof­fe­nen weder Tat­sa­chen noch Beweis­ergeb­nis­se ver­wer­tet wor­den sei­en, zu denen der Betrof­fe­ne nicht gehört wor­den sei.

Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de rügt der Betrof­fe­ne, in sei­nem Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren aus Art. 60 Abs. 1 i.V.m. Art 12 Abs. 1 SVerf ver­letzt zu sein, weil sein Beweis­an­trag über­gan­gen wor­den sei, bau­art­be­dingt sei eine Über­prü­fung des Mess­ergeb­nis­ses durch ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nicht mög­lich, da das Mess­ge­rät die ent­spre­chen­den Roh­mess­da­ten nicht spei­che­re. Das Gericht habe damit nicht zur Kennt­nis genom­men, dass die Annah­me eines stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens als sol­che nicht grund­sätz­lich ange­grif­fen wer­de, son­dern die Tat­sa­che, dass durch die feh­len­de Spei­che­rung von Mess­da­ten dem Betrof­fe­nen die Mög­lich­keit genom­men wer­de, die bestehen­den hohen Anfor­de­run­gen an einen Vor­trag zu Mess­feh­lern zu erfül­len. Der Betrof­fe­ne kön­ne näm­lich sei­nen Anspruch auf Ein­sicht in die Mess­da­tei­en tat­säch­lich nicht effek­tiv zur tech­ni­schen Über­prü­fung nut­zen.

Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz und Bin­dungs­wir­kung der lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fung[↑]

Die Auf­ga­be der Ver­fas­sungs­ge­rich­te der Län­der besteht nicht dar­in, die „rich­ti­ge“ Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts, sei es des mate­ri­el­len oder des for­mel­len Rechts, zu unter­su­chen. Sei­ne Auf­ga­be ist es allein, die Ver­let­zung spe­zi­fi­schen Ver­fas­sungs­rechts, soweit es dem Bun­des­recht nicht wider­strei­tet, durch Ent­schei­dun­gen von Gerich­ten des Saar­lan­des, die kei­ne Ver­fas­sungs­ge­rich­te sind, zu prü­fen. Dazu gehört vor allem die Prü­fung der Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs, die Prü­fung der Fair­ness des Ver­fah­rens und die Prü­fung, ob – objek­tiv – will­kür­lich ver­fah­ren und ent­schie­den wor­den ist.

Soweit eine Rechts­fra­ge bun­des­recht­li­cher Natur ist, besteht kei­ne Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs des Saar­lan­des, wenn sich ihre Beant­wor­tung aus bun­des­recht­lich kla­ren oder bun­des­ge­richt­lich geklär­ten oder aus den das for­mel­le und mate­ri­el­le Bun­des­recht im Wesent­li­chen über­ein­stim­mend aus­le­gen­den judi­ka­ti­ven Auf­fas­sun­gen oder Lehr­mei­nun­gen ergibt. Ent­schei­dun­gen des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs des Saar­lan­des bin­den im Übri­gen nur die saar­län­di­schen – und nur die­se – Gerich­te im Streit­fall. Die­se Bin­dung gilt auch dann, wenn Gerich­te eines ande­ren Bun­des­lan­des abwei­chen­de ver­fas­sungs­recht­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten soll­ten. Gerich­te des Saar­lan­des sind – vor­be­halt­lich einer abwei­chen­den spä­te­ren Ent­schei­dung eines Bun­des­ge­richts oder des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts – an die Ent­schei­dun­gen des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs des Saar­lan­des gebun­den. Soweit dies ledig­lich einen kon­kre­ten Streit­fall betrifft, ist aller­dings aus gege­be­nem Anlass dar­auf hin­zu­wei­sen, dass in gleich gela­ger­ten Streit­fäl­len – vor­be­halt­lich der Zulas­sung eines Rechts­be­helfs zu einem Bun­des­ge­richt – der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Saar­lan­des abwei­chen­de Ent­schei­dun­gen saar­län­di­scher Instanz­ge­rich­te kor­ri­gie­ren wird.

Stan­dar­di­sier­te Mess­ver­fah­ren[↑]

Bun­des­recht­lich vor­ge­ge­ben und durch den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof nicht hin­ter­frag­bar – und im Übri­gen auch ohne Wei­te­res ver­ständ­lich – sind die Grund­sät­ze der judi­ka­ti­ven Ver­ar­bei­tung der Ergeb­nis­se stan­dar­di­sier­ter Mess­ver­fah­ren auf der Grund­la­ge der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 3.

Sie bedeu­ten zwei­er­lei:

  • Zum einen sind – mate­ri­ell­recht­lich – die Ergeb­nis­se stan­dar­di­sier­ter Mess­ver­fah­ren einer gericht­li­chen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung zugrun­de zu legen, solan­ge und soweit kei­ne sub­stan­ti­ier­ten Ein­wän­de gegen ihre Vali­di­tät erho­ben wer­den.
  • Zum ande­ren sind – for­mell­recht­lich – Gerich­te nicht gehin­dert, die Ergeb­nis­se stan­dar­di­sier­ter Mess­ver­fah­ren ihren Ent­schei­dun­gen ohne nähe­re Dar­le­gung ihrer Vor­aus­set­zun­gen und ihrer Rich­tig­keit zugrun­de zu legen, solan­ge und soweit kei­ne sub­stan­ti­ier­ten Ein­wän­de gegen ihre Kor­rekt­heit erho­ben wer­den.

Von einem stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­ren ist – bun­des­recht­lich – dann aus­zu­ge­hen, wenn die Vor­aus­set­zun­gen einer Mes­sung und die Ver­ar­bei­tung ihrer Ergeb­nis­se der­art gestal­tet sind, dass die Mes­sun­gen unter den­sel­ben oder glei­chen Bedin­gun­gen nach wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis repro­du­zier­bar sind, sie also bei glei­chen Gesche­hens­ab­läu­fen zu glei­chen Resul­ta­ten füh­ren 3.

Vor die­sem Hin­ter­grund stellt der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof nicht in Fra­ge, dass die Geschwin­dig­keits­mes­sung durch das Gerät Jen­op­tik Traf­fistar S 350 ein stan­dar­di­sier­tes Mess­ver­fah­ren dar­stellt, auch wenn sich seit den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs zu die­ser Fra­ge ins Gewicht fal­len­de tech­no­lo­gi­sche und recht­li­che Ände­run­gen erge­ben haben.

Daher kön­nen die in einem sol­chen Ver­fah­ren gewon­ne­nen Ergeb­nis­se einer Ver­ur­tei­lung – grund­sätz­lich – als tra­gend zugrun­de gelegt wer­den. Davon unbe­rührt bleibt die Beach­tung der ver­fah­rens­recht­li­chen Grund­rech­te.

Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist zuläs­sig.

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Saar­lan­des ist für die Ent­schei­dung über die vor­lie­gen­de Ver­fas­sungs­be­schwer­de zustän­dig, weil sie sich gegen die Ent­schei­dun­gen des Saar­län­di­schen Ober­lan­des­ge­richts und des Amts­ge­richts Saar­brü­cken und damit gemäß Art. 97 Nr. 4 SVerf i.V.m. § 9 Nr.13 SVerfGHG gegen Maß­nah­men der saar­län­di­schen öffent­li­chen Gewalt mit der Rüge wen­det, der Beschwer­de­füh­rer sei durch sie in sei­nen Grund­rech­ten oder sons­ti­gen ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­ten ver­letzt (§ 55 Abs 1 SVerfGHG).

Sie ist recht­zei­tig in der Monats­frist nach Zustel­lung der Ent­schei­dung über die Gehörs­rü­ge beim Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Saar­lan­des ein­ge­gan­gen (§ 56 Abs. 1 SVerfGHG). Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Beschwer­de­füh­rer nicht die Ver­let­zung sei­nes Grund­rechts auf recht­li­ches Gehör rügt. Denn in Fäl­len einer wie hier nicht offen­sicht­lich unzu­läs­si­gen Anhö­rungs­rü­ge beginnt die Frist für die Ein­le­gung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ins­ge­samt erst mit der Zustel­lung der Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge 4.

Der Rechts­weg ist erschöpft, weil das Saar­län­di­sche Ober­lan­des­ge­richt durch Beschluss vom 26.06.2017 den Antrag auf Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de als unbe­grün­det ver­wor­fen hat. Das gilt unab­hän­gig davon, dass über den Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung gegen die Teil­ver­sa­gung von Akten­ein­sicht bis­lang nicht ent­schie­den wor­den ist. Denn eine sol­che Ent­schei­dung kann nicht mehr dazu füh­ren, dass eine grund­recht­li­che Beschwer des Beschwer­de­füh­rers besei­tigt wür­de. Die von dem Beschwer­de­füh­rer in ers­ter Linie wei­ter ver­folg­te Infor­ma­ti­on über die Roh­mess­da­ten kann ihm im Übri­gen nicht gewährt wer­den, weil kei­ne wei­te­ren Mess­da­ten vor­lie­gen.

Begründ­etheit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist begrün­det. Der Beschluss des Saar­län­di­schen Ober­lan­des­ge­richts vom 26.06.2017 und das Urteil des Amts­ge­richts Saar­brü­cken vom 28.03.2017 ver­let­zen das Grund­recht des Beschwer­de­füh­rers auf ein fai­res gericht­li­ches Ver­fah­ren (Art. 60 Abs. 1 SVerf i.V.m. Art. 20 SVerf), das – in Ver­bin­dung mit Art. 14 Abs. 3 SVerf – ein Grund­recht auf effek­ti­ve Ver­tei­di­gung ein­schließt.

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ver­kennt nicht, dass sich bei­de Ent­schei­dun­gen im Rah­men der Recht­spre­chung der Buß­geld­ge­rich­te und Buß­geld­se­na­te hal­ten. Vor allem der Beschluss des Saar­län­di­schen Ober­lan­des­ge­richts setzt sich außer­or­dent­lich gründ­lich mit den Ein­wän­den des Beschwer­de­füh­rers aus­ein­an­der und hält sich – in aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht nicht zu bean­stan­den­der Wei­se – peni­bel an die straf­pro­zess­recht­li­chen und ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Ver­fah­rens­füh­rung und Rechts­mit­tel­zu­las­sung in einem Buß­geld­ver­fah­ren wegen der dem Beschwer­de­füh­rer vor­ge­wor­fe­nen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung.

Die­se den Ent­schei­dun­gen zugrun­de lie­gen­den und von ihnen beach­te­ten bun­des­recht­li­chen und bun­des­ge­richt­li­chen Grund­sät­ze sind indes­sen – soweit ersicht­lich – durch­weg für Fäl­le ent­wi­ckelt wor­den, in denen Roh­mess­da­ten für den kon­kre­ten Mess­vor­gang zur Ver­fü­gung stan­den. Fehlt es an ihnen und ver­mag sich eine Ver­ur­tei­lung nur auf das doku­men­tier­te Mess­ergeb­nis und das Licht­bild des auf­ge­nom­me­nen Kraft­fahr­zeugs und sei­nes Fah­rers zu stüt­zen, so fehlt es nach Auf­fas­sung des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs an einem fai­ren rechts­staat­li­chen Ver­fah­ren, wenn sich ein Betrof­fe­ner wie hier – selbst ohne nähe­re Begrün­dung – gegen das Mess­ergeb­nis wen­det und ein Feh­len von Roh­mess­da­ten rügt. Eine Ver­ur­tei­lung kann dann auf die­ser Grund­la­ge nicht erfol­gen.

Lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­gen[↑]

Die Ver­fas­sung des Saar­lan­des gewährt – nicht anders als das Grund­ge­setz und inhalts­gleich mit des­sen Garan­ti­en – ein Grund­recht auf ein fai­res gericht­li­ches Ver­fah­ren, das ein Grund­recht auf wirk­sa­me Ver­tei­di­gung ein­schließt. Die lan­des­ver­fas­sungs­recht­lich aus­drück­lich genann­te Gewähr­leis­tung, nach der sich jeder Beschul­dig­te des Bei­stands eines Ver­tei­di­gers bedie­nen kann (Art. 14 Abs. 3 SVerf), die zugleich Teil des Rechts­staats­prin­zips ist, ent­behr­te weit­ge­hend des Gehalts, wür­de nur die for­ma­le Beglei­tung durch einen Ver­tei­di­ger, nicht aber zugleich die mate­ri­el­le Ermög­li­chung einer wirk­sa­men Ver­tei­di­gung gewähr­leis­tet. Sie zählt daher zu den rechts­staat­li­chen jus­ti­zi­el­len Garan­ti­en, wie sie sich auch aus dem als Bun­des­recht die Inter­pre­ta­ti­on des saar­län­di­schen Ver­fas­sungs­recht lei­ten­den Art. 6 Abs. 3 EMRK erge­ben.

Zu ihnen zäh­len das Recht, sich – gege­be­nen­falls kon­fron­ta­tiv – mit den von Straf­ver­fol­gungs­und Buß­geld­be­hör­den auf­ge­führ­ten Beweis­mit­teln aus­ein­an­der­set­zen zu dür­fen und „Waf­fen­gleich­heit“ zwi­schen Straf­ver­fol­gungs­und Buß­geld­be­hör­den und Ver­tei­di­gung ein­for­dern zu dür­fen.

Zugleich gehört zu den Grund­sät­zen eines frei­heit­li­chen und rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens, dass ein Beschul­dig­ter sich zur Sache nicht ein­las­sen muss, also nicht selbst gehal­ten ist, in irgend­ei­ner Wei­se die staat­li­che Beweis­füh­rung zu erleich­tern oder sich gar zu ent­las­ten.

Dar­aus folgt, dass der Ver­tei­di­ger eines von einem Stra­fo­der Buß­geld­ver­fah­ren Betrof­fe­nen nicht nur die Mög­lich­keit haben muss, sich mit den recht­li­chen Grund­la­gen des gegen sei­nen Man­dan­ten erho­be­nen Vor­wurfs aus­ein­an­der­zu­set­zen, son­dern auch des­sen tat­säch­li­che Grund­la­gen auf ihr Vor­lie­gen und ihre Vali­di­tät prü­fen zu dür­fen. Dazu gehört zunächst, dass ihm alle Infor­ma­tio­nen, die dem Gericht vor­lie­gen und auf die das Gericht sei­ne Ent­schei­dung stüt­zen kann, zur Ver­fü­gung gestellt wer­den müs­sen. Ist ein Gericht – im Rah­men von Mas­sen­ver­fah­ren – befugt, sich auf stan­dar­di­sier­te Beweis­erhe­bun­gen zu stüt­zen, ohne sie anlass­los hin­ter­fra­gen zu müs­sen, so muss zu einer wirk­sa­men Ver­tei­di­gung gehö­ren, etwai­ge Anläs­se, sie in Zwei­fel zu zie­hen, recher­chie­ren zu dür­fen, sich also der Berech­ti­gung der Beweis­kraft der dem Gericht vor­lie­gen­den Umstän­de zu ver­ge­wis­sern.

Hin­zu kommt: Die Ergeb­nis­se stan­dar­di­sier­ter Mess­ver­fah­ren erlau­ben einem Gericht, von ihrer regel­mä­ßi­gen – nur in Aus­nah­me­fäl­len bei beson­de­rem Anlass zu hin­ter­fra­gen­den – Rich­tig­keit aus­zu­ge­hen. Sie zwin­gen ein Gericht indes­sen recht­lich nicht zu einem sol­chen Vor­ge­hen, auch wenn es sich fak­tisch typi­scher­wei­se anbie­ten wird.

Ist ein Gericht aber recht­lich nicht gehin­dert zu ver­su­chen, sich mög­li­cher­wei­se bes­se­re Erkennt­nis­se zu ver­schaf­fen, so darf dies einem Ver­tei­di­ger – im Lich­te des Prin­zips der Waf­fen­gleich­heit – nicht des­halb ver­sagt wer­den, weil ein Gericht ange­sichts der Fül­le der von ihm zu bear­bei­ten­den Fäl­le und ange­sichts der typi­scher­wei­se bestehen­den Ver­läss­lich­keit von stan­dar­di­siert ermit­tel­ten Mess­ergeb­nis­sen dar­auf ver­zich­tet.

Nor­ma­ti­ve Bin­dung an das Ergeb­nis eines stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens[↑]

Mess­ergeb­nis­se eines stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens haben – wie bun­des­recht­lich unbe­strit­ten ist – kei­ne nor­ma­tiv bin­den­de Kraft. Sie stel­len – ähn­lich anti­zi­pier­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten – eine belast­ba­re wis­sen­schaft­li­che Grund­la­ge einer Ver­ur­tei­lung dar, erzwin­gen sie aller­dings nicht. Solan­ge der (Bundes-)Gesetzgeber, sofern er das bun­des­ver­fas­sungs­recht­lich dürf­te, eine Ver­ur­tei­lung nicht allein von dem Ergeb­nis einer stan­dar­di­sier­ten Mes­sung abhän­gig macht, dür­fen Gerich­te – jeden­falls des Saar­lan­des – einen Betrof­fe­nen nicht ver­ur­tei­len, ohne ihm eine effek­ti­ve Ver­tei­di­gung zu erlau­ben und ihm zu gestat­ten, die Vali­di­tät der stan­dar­di­sier­ten Mes­sung zu prü­fen.

So und nicht anders kön­nen die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs – und der ihm jeden­falls for­mal fol­gen­den Recht­spre­chung der deut­schen Ober­lan­des­ge­rich­te – ver­stan­den wer­den. Der Bun­des­ge­richts­hof hat inso­weit aus­ge­führt 5, der Anspruch, „nur auf­grund ord­nungs­ge­mäß gewon­ne­ner Mess­da­ten ver­ur­teilt zu wer­den“, blei­be „auch dann gewahrt, wenn ihm (d.i. dem Betrof­fe­nen) die Mög­lich­keit eröff­net ist, den Tatrich­ter im Rah­men sei­ner Ein­las­sung auf Zwei­fel auf­merk­sam zu machen und einen ent­spre­chen­den Beweis­an­trag zu stel­len“. Der Tatrich­ter müs­se sich nur dann von der Zuver­läs­sig­keit der Mes­sun­gen über­zeu­gen, wenn kon­kre­te Anhalts­punk­te für Mess­feh­ler gege­ben“ sei­en.

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Saar­lan­des legt die­se ihn bin­den­de – und über­zeu­gen­de – bun­des­recht­li­che Vor­ga­be sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de.

Zu den grund­le­gen­den rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen an die Ver­ur­tei­lung einer Bür­ge­rin oder eines Bür­gers gehört, dass er die tat­säch­li­chen Grund­la­gen sei­ner Ver­ur­tei­lung zur Kennt­nis neh­men, sie in Zwei­fel zie­hen und sie nach­prü­fen darf. Das gilt nicht nur in Fäl­len straf­recht­li­cher Sank­tio­nen, son­dern stets. Staat­li­ches Han­deln darf, so gering belas­tend es im Ein­zel­fall sein mag, und so sehr ein Bedarf an rou­ti­ni­sier­ten Ent­schei­dungs­pro­zes­sen besteht, in einem frei­heit­li­chen Rechts­staat für die Bür­ge­rin und den Bür­ger nicht undurch­schau­bar sein; eine Ver­wei­sung dar­auf, dass alles schon sei­ne Rich­tig­keit habe, wür­de ihn zum unmün­di­gen Objekt staat­li­cher Ver­füg­bar­keit machen. Daher gehö­ren auch die grund­sätz­li­che Nach­voll­zieh­bar­keit tech­ni­scher Pro­zes­se, die zu belas­ten­den Erkennt­nis­sen über eine Bür­ge­rin oder einen Bür­ger füh­ren, und ihre staats­fer­ne Prüf­bar­keit zu den Grund­vor­aus­set­zun­gen frei­heit­lich­rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat in sei­ner Ent­schei­dung zur Ver­wen­dung von Stimm­com­pu­tern 6 den Ein­satz elek­tro­ni­scher Wahl­ge­rä­te – unge­ach­tet ihrer vor­he­ri­gen gründ­li­chen und unter Betei­li­gung der Öffent­lich­keit erfol­gen­den Zulas­sungs­prü­fung durch die PTB und ihrer Zulas­sung durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um bür­ger­schaft­li­che des Innern nach­träg­li­che – davon abhän­gig Rich­tig­keits­kon­trol­le gemacht, gewähr­leis­tet dass ist. eine Die­se Ent­schei­dung beruht zwar im Wesent­li­chen auf dem dem repu­bli­ka­ni­schen Prin­zip ent­sprin­gen­den Grund­satz der Öffent­lich­keit der Wahl. Sei­ne Grund­la­ge ist indes­sen glei­cher­ma­ßen das Rechts­staats­prin­zip 7. Rechts­staat­lich­keit ver­langt näm­lich auch die Trans­pa­renz und Kon­trol­lier­bar­keit jeder staat­li­chen Macht­aus­übung 6.

Das zeigt, dass zu einem rechts­staat­li­chen Ver­fah­ren die grund­sätz­li­che Mög­lich­keit der Nach­prüf­bar­keit einer auf tech­ni­schen Abläu­fen und Algo­rith­men beru­hen­den Beschul­di­gung beruht. Nie­mand wür­de des­halb bezwei­feln, dass die Ergeb­nis­se einer Blut­ent­nah­me oder einer DNA­Pro­be nur dann Grund­la­ge einer gericht­li­chen Ent­schei­dung sein dür­fen, wenn die Blut­pro­be oder die DNA­Da­ten, die gleich­falls Gegen­stand eines stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens sind, auch ohne sub­stan­ti­ier­te, die „Dar­le­gungs­last“ für einen Vor­wurf ent­ge­gen der Unschulds­ver­mu­tung auf den Beschul­dig­ten ver­la­gern­den Ein­wän­de, noch zu einer die Mes­sung unab­hän­gig nach­voll­zie­hen­den Über­prü­fung zur Ver­fü­gung ste­hen.

Anwen­dung auf den Streit­fall[↑]

Vor die­sem Hin­ter­grund ist davon aus­zu­ge­hen, dass ein Ver­tei­di­ger die Grund­la­gen einer Geschwin­dig­keits­mes­sung eigen­ver­ant­wort­lich prü­fen darf. Das ist auch dann der Fall, wenn er zunächst kei­ne auf der Hand lie­gen­de Ein­wän­de – bei­spiels­wei­se die mit dem Mess­ergeb­nis unver­ein­ba­re bau­art­be­ding­te Geschwin­dig­keits­dros­se­lung oder sich aus dem Licht­bild offen­kun­dig erge­ben­de Unklar­hei­ten – vor­tra­gen kann. Denn zu einer wirk­sa­men Ver­tei­di­gung gehört nicht nur, ein Gericht auf sol­che ihm ohne­hin ins Auge fal­len­den Umstän­de auf­merk­sam zu machen, son­dern nach­for­schen zu kön­nen, ob es bis­lang gera­de nicht bekann­te Zwei­fel an der Trag­fä­hig­keit eines Vor­wurfs gibt. Wenn zu den recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen eines stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens zählt, sich mit Ein­wän­den gegen sei­ne Ergeb­nis­se wen­den zu dür­fen, so darf einem Betrof­fe­nen nicht von vorn­her­ein abge­schnit­ten wer­den, sol­che Ein­wän­de erst zu ermit­teln.

Muss das Gericht die nähe­ren tech­ni­schen und phy­si­ka­li­schen Umstän­de der Geschwin­dig­keits­mes­sung im Rah­men des stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens nicht auf­klä­ren und blie­be die Auf­klä­rung zugleich auch dem Betrof­fe­nen ver­wehrt, wür­de die Tat­sa­chen­grund­la­ge der Ver­ur­tei­lung letzt­lich jeder gericht­li­chen Über­prü­fung ent­zo­gen.

Danach bedarf die Ver­tei­di­gung eines Betrof­fe­nen der Roh­mess­da­ten nur dann nicht, wenn ihr ande­re, glei­cher­ma­ßen zuver­läs­si­ge Ver­tei­di­gungs­mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen. Das ist indes­sen – so außer­or­dent­lich sel­ten Feh­ler fest­ge­stellt wer­den mögen – nicht der Fall.

Mög­lich­keit der Spei­che­rung von Roh­mess­da­ten[↑]

Dass eine Spei­che­rung der Roh­mess­da­ten ohne grö­ße­ren Auf­wand tech­nisch mög­lich ist, ist nicht zu bezwei­feln. Es wird von allen Sach­ver­stän­di­gen bestä­tigt und folgt allein schon dar­aus, dass Mess­ge­rä­te ande­rer Her­stel­ler die Roh­mess­da­ten spei­chern und in frü­he­ren Ver­sio­nen des im Streit ste­hen­den Geräts eine sol­che Spei­che­rung gleich­falls erfolgt ist.

All­ge­mei­ne Ein­wän­de gegen die Ver­wend­bar­keit von Roh­mess­da­ten[↑]

Der Ein­wand, die Spei­che­rung von Mess­da­ten habe dazu geführt, dass in Buß­geld­ver­fah­ren aus wis­sen­schaft­li­cher Betrach­tung nicht halt­ba­re Zwei­fel an der Plau­si­bi­li­tät von Mess­ergeb­nis­sen geäu­ßert wor­den sei­en, trägt nicht. Die Ver­tei­di­gung eines von einem staat­li­chen Ver­fah­ren Betrof­fe­nen kann nicht allein mit dem Argu­ment abge­schnit­ten wer­den, sie wer­de den gegen ihn erho­be­nen Vor­wurf ohne­hin nicht ent­kräf­ten kön­nen. Zugleich kann – wie vor­sorg­lich bemerkt wird – eine wirk­sa­me Ver­tei­di­gung ohne nor­ma­ti­ve Ermäch­ti­gung nicht aus Grün­den der Belas­tung von Gerich­ten oder Rechts­schutz­ver­si­che­rern oder gar einer Beschrän­kung von Geschäfts­fel­dern von tech­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen beschränkt wer­den.

Ver­fah­ren der Zulas­sung durch die PTB[↑]

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof bezwei­felt in kei­ner Wei­se, dass die Ver­fah­ren der Zulas­sungs­o­der Kon­for­mi­täts­prü­fung der Phy­si­ka­lisch­tech­ni­schen Bun­des­an­stalt (PTB) außer­or­dent­lich sorg­fäl­tig und neu­tral erfol­gen und unter den glei­chen Bedin­gun­gen gewähr­leis­ten, zu glei­chen Ergeb­nis­sen zu gelan­gen.

Das folgt aus den bis­he­ri­gen – nicht in Zwei­fel zu zie­hen­den – Aus­künf­ten der PTB und den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen Dr. Ratsch­ko. Bei­de stel­len das sowohl in zeit­li­cher als auch in sach­li­cher Hin­sicht sehr gründ­li­che Ver­fah­ren der Zulas­sung eines – auch des im Streit befind­li­chen – Mess­ge­räts dar. Auch geht der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof davon aus, dass die­se Prü­fun­gen unter den glei­chen Bedin­gun­gen, die bei den Tes­tun­gen an den metro­lo­gisch rück­ge­führ­ten Mess­plät­zen der PTB bestan­den, grund­sätz­lich zuver­läs­si­ge Ergeb­nis­se bei spä­te­ren Mes­sun­gen im Stra­ßen­ver­kehr gewähr­leis­ten.

Das schließt indes­sen spä­te­re Feh­ler nicht aus, wie sich allein schon dar­aus ergibt, dass nach den Anga­ben des Sach­ver­stän­di­gen Dr. Ratsch­ko bei Bekannt­wer­den von Unrich­tig­kei­ten von Geschwin­dig­keits­mess­an­la­gen Mess­ge­rä­te nach dem jewei­li­gen Stand der Tech­nik neu bewer­tet wer­den. Schlös­se die Zulas­sungs­prü­fung spä­te­re Feh­ler aus, könn­te eine sol­che Not­wen­dig­keit nicht auf­tre­ten.

Das leuch­tet auch unmit­tel­bar ein. Die Kon­for­mi­täts­prü­fung eines Mess­ge­räts geht der kon­kre­ten Geschwin­dig­keits­mes­sung Jah­re vor­aus. Sie erfolgt unter den ört­li­chen, zeit­li­chen und sach­li­chen – vor allem wit­te­rungs­mä­ßi­gen – Bedin­gun­gen des metro­lo­gisch rück­ge­führ­ten Mess­plat­zes der PTB wäh­rend der Dau­er der Prü­fung. Damit wird, wie die Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten erge­ben haben, jedoch nicht rest­los aus­ge­schlos­sen, dass neue, zum Zeit­punkt der Zulas­sung noch nicht bekann­te Inter­fe­ren­zen mit ver­än­der­ten tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen von Kraft­fahr­zeu­gen ent­ste­hen kön­nen, Ver­än­de­run­gen der Spur­füh­rung von Stra­ßen den Bedin­gun­gen des Mess­plat­zes nicht mehr ent­spre­chen, ande­re als die berück­sich­tig­ten Wit­te­rungs­er­schei­nun­gen in den kon­kre­ten Mess­si­tua­tio­nen bestan­den oder sons­ti­ge, in der Kon­for­mi­täts­prü­fung nicht berück­sich­tig­te Stö­run­gen auf­ge­tre­ten sind.

Zwar mag es sein, dass sol­che Umstän­de zu einer auto­ma­ti­sier­ten, in der Soft­ware des Mess­ge­räts berück­sich­tig­ten Ver­wer­fung oder Kor­rek­tur einer Mes­sung füh­ren und ande­re Unge­nau­ig­kei­ten durch den Tole­ranz­ab­zug erfasst wer­den.

Annul­lie­rungs­kri­te­ri­en der Soft­ware mögen zwar feh­ler­be­haf­te­te Ein­zel­mes­sun­gen in einer Viel­zahl von Mess­si­tua­tio­nen aus­son­dern. Die Kon­for­mi­täts­prü­fung kann dies aber nicht mit der erfor­der­li­chen Gewiss­heit für alle – gege­be­nen­falls auch unvor­her­ge­se­he­nen – Mess­si­tua­tio­nen gewähr­leis­ten.

Solan­ge eine Mes­sung aber nicht durch die Bereit­stel­lung der Daten­sät­ze – ein­schließ­lich auch der Sta­tis­tik­da­tei – einer Nach­prü­fung durch die Ver­tei­di­gung des Betrof­fe­nen zugäng­lich ist, wür­de der allei­ni­ge Ver­weis auf die Ver­läss­lich­keit der Kon­for­mi­täts­prü­fung – die im Übri­gen kei­ner öffent­li­chen Trans­pa­renz und kei­ner Kon­trol­le der von der Ver­wen­dung der Mess­ge­rä­te Betrof­fe­nen unter­liegt – schlicht bedeu­ten, dass Recht­su­chen­de auf Gedeih und Ver­derb der amt­li­chen Bestä­ti­gung der Zuver­läs­sig­keit eines elek­tro­ni­schen Sys­tems und der es steu­ern­den Algo­rith­men aus­ge­lie­fert wären.

Das ist nach der Über­zeu­gung des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs weder bei Geschwin­dig­keits­mes­sun­gen noch in den Fäl­len ande­rer stan­dar­di­sier­ter Mess­ver­fah­ren – wie bei­spiels­wei­se der Blut­pro­ben­ana­ly­se und der DNAI­den­ti­täts­mus­ter­fest­stel­lung – rechts­staat­lich hin­nehm­bar. Auch in den genann­ten Bei­spiels­fäl­len käme nie­mand auf den Gedan­ken, dass die unter­such­ten gesi­cher­ten Sub­stan­zen sofort nach ihrer Ana­ly­se ver­nich­tet wer­den könn­ten und nach­träg­li­chen Zwei­feln eines Beschul­dig­ten an der Rich­tig­keit der Fest­stel­lun­gen nicht nach­ge­gan­gen wer­den müss­te, weil das Ergeb­nis der stan­dar­di­sier­ten Unter­su­chun­gen in aller Regel zutref­fend sei.

Nach­träg­li­che Befund­prü­fung[↑]

Eine nach­träg­li­che Befund­prü­fung ver­mag nach dem Ergeb­nis der Anhö­run­gen und der Beweis­auf­nah­me das Feh­len der Roh­mess­da­ten nicht aus­zu­glei­chen. Mit ihr kann ledig­lich fest­ge­stellt wer­den, ob das Mess­ge­rät zum Zeit­punkt der Befund­prü­fung – also län­ge­re Zeit nach der den Vor­wurf begrün­den­den Mes­sung – funk­ti­ons­fä­hig ist und den Anfor­de­run­gen der Eichung und Kon­for­mi­täts­prü­fung genügt. Weder sind ihr vor­über­ge­hen­de, kurz­fris­ti­ge Stö­run­gen des Betrie­bes des Mess­ge­räts in der Ver­gan­gen­heit zu ent­neh­men, noch ver­mag sie zuver­läs­sig abzu­bil­den, ob die kon­kre­te, in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Mes­sung kor­rekt erfolgt oder von im Rah­men der Eichung und Kon­for­mi­täts­prü­fung unvor­her­ge­se­he­nen Umstän­den beein­flusst wor­den war. Denn aus ihr ergibt sich ledig­lich, dass zum Zeit­punkt ihrer Vor­nah­me eine Mes­sung wei­ter­hin nach den ursprüng­li­chen Zulas­sungs­an­for­de­run­gen erfolgt ist. Die Sach­ver­stän­di­gen haben inso­weit über­ein­stim­mend bekun­det, dass die Ver­läss­lich­keit der im Streit ste­hen­den Mes­sung im Rah­men einer Befund­prü­fung nur dann zu bewei­sen wäre, wenn die Ver­kehrs­si­tua­ti­on und die Umwelt­be­din­gun­gen der Mes­sung iden­tisch nach­ge­stellt wer­den könn­ten. Das sei indes­sen aus­zu­schlie­ßen.

Eig­nung der Roh­mess­da­ten zur Veri­fi­zie­rung[↑]

Die feh­len­de Spei­che­rung der Roh­mess­da­ten wäre aller­dings auch dann kei­ne Beschrän­kung einer wirk­sa­men Ver­tei­di­gung, wenn die Roh­mess­da­ten völ­lig unge­eig­net wären, eine nach­träg­li­che Plau­si­bi­li­sie­rung des Mess­ergeb­nis­ses zu erlau­ben.

Das ist indes­sen – ent­ge­gen der Annah­me der PTB – nach der Über­zeu­gung des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs nicht der Fall.

Die PTB beruft sich zu Recht dar­auf, die Mess­ergeb­nis­se des Geräts Traf­fistar S 350 sei­en wesent­lich genau­er ermit­telt, als eine ein­fa­che Weg­Zeit­Be­rech­nung der Geschwin­dig­keit anhand von gespei­cher­ten Mess­wer­ten zu Anfang und zum Ende der Mes­sung dies zulie­ße. Dar­um geht es indes­sen nicht.

Inso­weit ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass eine bei abs­trak­ter Betrach­tung gro­ße Ver­läss­lich­keit der Ergeb­nis­se eines stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­rens kei­ner­lei Recht­fer­ti­gung dafür bie­tet, das Mess­ergeb­nis einer sach­ver­stän­di­gen Über­prü­fung zu ent­zie­hen, wenn Feh­ler im Ein­zel­fall nicht gänz­lich aus­zu­schlie­ßen sind, wovon – unbe­strit­te­ner­ma­ßen 8 – aus­zu­ge­hen ist. Dass eine Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie im Regel­fall kei­nen Erfolg ver­spricht, gestat­tet rechts­staat­lich nicht, sie von vorn­her­ein zu unter­bin­den. Sähe man das anders, wür­de man das Ergeb­nis stan­dar­di­sier­ter Mess­ver­fah­ren nor­ma­tiv ver­bind­lich machen, das Mess­ver­fah­ren also jeg­li­chen Ein­wän­den gegen­über immu­ni­sie­ren.

Stan­dar­di­sier­te Mess­ver­fah­ren haben recht­lich eine ähn­li­che Bedeu­tung wie anti­zi­pier­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten. Auch sol­che Gut­ach­ten bie­ten zwar in der Regel eine ver­läss­li­che tat­säch­li­che Grund­la­ge für eine rich­ter­li­che Ent­schei­dung. Es steht jedoch außer Fra­ge, dass sie im Ein­zel­fall eine nach­träg­li­che Kon­trol­le ihrer fak­ti­schen Grund­la­gen und wis­sen­schaft­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen nicht aus­schlie­ßen.

Zwar füh­ren die Aus­künf­te der PTB – und auch jene des Unter­neh­mens Jen­op­tik – sowie die Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen Dr. Ratsch­ko an, dass auch für den Fall der Spei­che­rung aller Roh­mess­da­ten ohne Kennt­nis des Algo­rith­mus des Her­stel­lers eine Prü­fung der Plau­si­bi­li­tät der kon­kre­ten Mes­sung nicht mög­lich sei.

Dem­ge­gen­über haben sowohl der Sach­ver­stän­di­ge Dr. Pries­ter als auch der Sach­ver­stän­di­ge Prof. Dr. Schüt­ze aus­ge­führt, das möge zwar so sein, wenn allein eine ein­zi­ge Geschwin­dig­keits­mes­sung und deren Roh­mess­da­ten zur Ver­fü­gung stün­den. Ver­fü­ge man aber über eine Mehr­zahl von Mes­sun­gen ver­schie­de­ner Gescheh­nis­se, sei es mög­lich, ein Modell zu ent­wi­ckeln, das die Plau­si­bi­li­sie­rung auch einer kon­kre­ten Mes­sung erlau­be. Vor­han­de­ne Roh­mess­da­ten erlaub­ten zugleich, mög­li­che Irre­gu­la­ri­tä­ten einer kon­kre­ten Mes­sung zu erken­nen. Der Sach­ver­stän­di­ge Dr. Ratsch­ko ist dem nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten.

Dass eine sol­che Kon­trol­le mög­lich ist, zeigt nicht zuletzt das Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen Dr. Pries­ter, das im Detail auf­zeigt, dass es bei der Kon­trol­le von kon­kre­ten Mess­vor­gän­gen nicht nur um eine schlich­te Weg­Zeit­Be­rech­nung unter Ver­wen­dung von Anfangs­und End­wer­ten geht, son­dern um den auf­wän­di­gen Ver­such einer Rekon­struk­ti­on eines kom­ple­xen Gesche­hens­ab­laufs und sei­ner phy­si­ka­li­schen Erfas­sung, der zwar nicht posi­tiv zu einer „höhe­ren Rich­tig­keit“ einer Geschwin­dig­keits­er­mitt­lung füh­ren muss, wohl aber – gewis­ser­ma­ßen fal­si­fi­zie­rend – Plau­si­bi­li­täts­ein­schät­zun­gen erlaubt.

Ergeb­nis[↑]

Gibt es aber kei­ne zwin­gen­den Grün­de, Roh­mess­da­ten nicht zu spei­chern, und erlaubt ihre Spei­che­rung, das Ergeb­nis eines Mess­vor­gangs nach­zu­voll­zie­hen, so ist es uner­heb­lich, dass es sich bei Buß­geld­ver­fah­ren um Mas­sen­ver­fah­ren von in aller Regel gerin­ge­rem Gewicht für einen Betrof­fe­nen – immer­hin kön­nen sie im Ein­zel­fall eben doch dazu füh­ren, dass erheb­li­che Ein­schrän­kun­gen der Mobi­li­tät und der beruf­li­chen Ein­satz­mög­lich­kei­ten ent­ste­hen – han­delt, und dass in der weit über­wie­gen­den Zahl aller Fäl­le Geschwin­dig­keits­mes­sun­gen zutref­fend sind. Rechts­staat­li­che Bedin­gun­gen sind nicht nur in der weit­aus über­wie­gen­den Mehr­zahl aller Fäl­le zu beach­ten, son­dern in jedem Ein­zel­fall.

Sind die Ergeb­nis­se des Mess­ver­fah­rens mit dem Mess­ge­rät Traf­fistar 350S folg­lich wegen einer ver­fas­sungs­wid­ri­gen Beschrän­kung des Rechts auf eine wirk­sa­me Ver­tei­di­gung unver­wert­bar, sind die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen auf­zu­he­ben.

Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Saar­lan­des, Urteil vom 5. Juli 2019 – Lv 7/​17

  1. AG Saar­brü­cken, Urteil vom 28.03.2017 – 22 OWI 8859/​16[]
  2. OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 26.06.2017 – Ss RS 22/​2017[]
  3. BGHSt 39, 291, 297; 43, 277[][]
  4. BVerfG, Beschluss vom 14.05.2007 – 1 BvR 730/​07 m.w.N.[]
  5. BGHSt 39, 291, 300/​301[]
  6. BVerfGE 123, 39 ff.[][]
  7. BVerfGE 123, 39 ff[]
  8. vgl. nur Cierniak/​Niehaus DAR 2014, 2[]