Bür­ger­krieg in Syri­en – und die Bil­li­gung der Ent­haup­tung von Gei­seln des IS

§ 8 Abs. 6 Nr. 1 VStGB betrifft allein den inter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Konflikt.

Bür­ger­krieg in Syri­en – und die Bil­li­gung der Ent­haup­tung von Gei­seln des IS

Dar­un­ter ist ein Krieg oder eine sons­ti­ge mit Waf­fen­ge­walt aus­ge­tra­ge­ne Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen zwei oder meh­re­ren Staa­ten zu ver­ste­hen, wäh­rend der nicht­in­ter­na­tio­na­le bewaff­ne­te Kon­flikt sol­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen erfasst, bei denen Streit­kräf­te inner­halb eines Staa­tes gegen orga­ni­sier­te bewaff­ne­te Grup­pen oder sol­che Grup­pen unter­ein­an­der kämp­fen, sofern die Kampf­hand­lun­gen von einer gewis­sen Dau­er und Inten­si­tät sind [1].

Danach war der Bür­ger­krieg in Syri­en zumin­dest anfäng­lich ein nicht­in­ter­na­tio­na­ler bewaff­ne­ter Konflikt.

Der Wort­laut des § 8 Abs. 6 Nr. 2 VStGB stellt unter ande­rem dar­auf ab, dass sich die Per­son, die nicht unmit­tel­bar an den Feind­se­lig­kei­ten teil­nimmt, „in der Gewalt der geg­ne­ri­schen Par­tei“ befin­det [2]. Ob der IS im Ver­hält­nis zu dem ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten als eine sol­che geg­ne­ri­sche Par­tei anzu­se­hen ist, ist fraglich.

Die Aus­le­gung der in § 8 Abs. 6 Nr. 2 VStGB nor­mier­ten Merk­ma­le „in der Gewalt der geg­ne­ri­schen Par­tei“ ist in der Recht­spre­chung bis­lang nicht geklärt [3]. Den ein­schrän­ken­den Zusatz hat der Gesetz­ge­ber in Anleh­nung an Art. 4 Abs. 1 des IV. Gen­fer Abkom­mens vom 12.08.1949 zum Schut­ze von Zivil­per­so­nen in Kriegs­zei­ten [4], auf den § 8 Abs. 6 Nr. 1 VStGB für den inter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt tat­be­stands­be­gren­zend ver­weist, in die Rege­lung des § 8 Abs. 6 Nr. 2 VStGB auf­ge­nom­men [5].

Abs. 1 des IV. Gen­fer Abkom­mens schützt in einem inter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt Per­so­nen, die sich im Macht­be­reich einer hier­an betei­lig­ten Par­tei oder einer Besat­zungs­macht befin­den, „deren Ange­hö­ri­ge sie nicht sind“. Ob dem­entspre­chend für den nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt die Legal­de­fi­ni­ti­on des § 8 Abs. 6 Nr. 2 VStGB sämt­li­che in der Gewalt einer Kon­flikt­par­tei befind­li­che Zivil­per­so­nen erfasst, soweit sie ihr – im Sin­ne einer allein nega­ti­ven Abgren­zung – nicht ange­hö­ren [6] oder ob etwa einer sol­chen Deu­tung der die äußers­te Gren­ze jeder Aus­le­gung bestim­men­de Wort­sinn der Vor­schrift („der geg­ne­ri­schen Par­tei“) ent­ge­gen­steht, kann der Bun­des­ge­richts­hof hier indes eben­falls offen lassen.

Kata­log­ta­ten im Sin­ne des § 126 Abs. 1 Nr. 2 StGB sind nicht nur bestimm­te Straf­ta­ten nach dem Völ­ker­straf­ge­setz­buch, son­dern auch Mord (§ 211 StGB) und Tot­schlag (§ 212 StGB). Vor­lie­gend begin­gen die Mit­glie­der des IS durch die Tötung des ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten jeden­falls einen Totschlag.

Auf die­ses – im Aus­land von Aus­län­dern an einem Aus­län­der began­ge­ne – Delikt ist zwar nach §§ 3 ff. StGB deut­sches Straf­recht nicht anwend­bar; die Vor­schrift des § 1 VStGB, nach der der feh­len­de Inlands­be­zug inso­weit unschäd­lich ist, gilt nur für die dort in Bezug genom­me­nen Tat­be­stän­de nach dem Völ­ker­straf­ge­setz­buch. Taug­li­ches Objekt der Bil­li­gung im Sin­ne von § 140 Nr. 2 StGB ist jedoch auch eine nicht dem Anwen­dungs­be­reich des deut­schen Straf­rechts unter­fal­len­de Aus­lands­ka­ta­log­tat, wenn sie zur Stö­rung des inlän­di­schen öffent­li­chen Frie­dens geeig­net ist. Denn es geht hier­bei nicht um die straf­recht­li­che Ahn­dung die­ser Kata­log­tat. Die Ver­herr­li­chung von Aus­land­s­ta­ten kann in glei­cher Wei­se wie die von Inland­s­ta­ten auch in Deutsch­land die all­ge­mei­ne Bereit­schaft zur Bege­hung ähn­li­cher Delik­te för­dern und das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in die öffent­li­che Sicher­heit erschüt­tern [7].

Für die Straf­bar­keit wegen Bil­li­gung von Straf­ta­ten ist daher die­se kri­mi­no­ge­ne Inlands­wir­kung einer Aus­land­s­tat erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend. Eine Straf­bar­keit schei­det dem­ge­gen­über aus, wenn auf Grund recht­li­cher oder tat­säch­li­cher Beson­der­hei­ten im Aus­land [8] eine sol­che Wir­kung aus­ge­schlos­sen erscheint [9].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2016 – 3 StR 435/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 17.11.2016 – AK 54/​16 23; Münch­Komm-StGB/­Zim­mer­man­n/­Geiß, 2. Aufl., § 8 VStGB Rn. 98, 108, 115 ff. mwN[]
  2. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 17.11.2016 – AK 54/​16, aaO Rn. 26[]
  3. vgl. auch BT-Drs. 14/​8524, S. 30: „in der geg­ne­ri­schen Gewalt befind­li­che Zivil­per­so­nen“[]
  4. BGBl.1954 II, S. 917[]
  5. vgl. Münch­Komm-StGB/­Zim­mer­man­n/­Geiß aaO, Rn. 91 f.[]
  6. so Münch­Komm-StGB/­Zim­mer­man­n/­Geiß aaO, Rn. 93[]
  7. zu den Schutz­rich­tun­gen des § 140 Nr. 2 StGB s. BGH, Urteil vom 09.08.1977 – 1 StR 74/​77, NJW 1978, 58, 59[]
  8. zum Süd­ti­rol-Kon­flikt s. BGH, Urteil vom 17.12 1968 – 1 StR 161/​68, BGHSt 22, 282, 283 ff.[]
  9. vgl. zum Gan­zen – zumin­dest im Ergeb­nis wie hier – LG Ber­lin, Urteil vom 12.05.2004 – (563) 81 Js 1640/​02 (20/​03); LK/​Hanack, StGB, 12. Aufl., § 140 Rn. 10; Münch­Komm-StGB/Hoh­mann, 2. Aufl., § 140 Rn. 9; NK-StGB-Osten­dorf, 4. Aufl., § 140 Rn. 10 f.; S/S‑­Stern­berg-Lie­ben, StGB, 29. Aufl., § 140 Rn. 2; offen gelas­sen von BGH, Urteil vom 17.12 1968 – 1 StR 161/​68, aaO; aA Fischer, StGB, 64. Aufl., § 140 Rn. 4; Beck­OK StGB/​Heuchemer, § 140 Rn. 9; SK-StGB/­Ru­dol­phi/Stein, 68. Lfg., § 140 Rn. 5[]