Das ärzt­li­che Attest im Straf­pro­zess

Die Ver­neh­mung eines Arz­tes kann auch dann durch die Ver­le­sung eines ärzt­li­chen Attests ersetzt wer­den, wenn die ärzt­li­che Sicht zu Schlüs­sen aus der attes­tier­ten Kör­per­ver­let­zung auf ein ande­res Delikt nichts bei­tra­gen kann. Dies ist regel­mä­ßig der Fall, wenn die Kör­per­ver­let­zung bei einer nach­fol­gen­den Sexu­al­straf­tat allein als Dro­hung fort­ge­wirkt haben kann.

Das ärzt­li­che Attest im Straf­pro­zess

§ 256 Abs. 1 Nr. 2 StPO erlaubt aus letzt­lich prag­ma­ti­schen Grün­den [1], ärzt­li­che Attes­te zu, wie hier, nicht schwe­ren Kör­per­ver­let­zun­gen (i.S.d. § 226 StGB) zu ver­le­sen, nicht aber zu Erkennt­nis­sen, die der Arzt nur bei Gele­gen­heit der Fest­stel­lung einer Ver­let­zung gewon­nen hat, z.B. über Anga­ben zur Ursa­che der Ver­let­zun­gen, wenn die­se eben­falls in dem Attest doku­men­tiert sind [2].

Die­ser Gesichts­punkt ist jedoch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht ein­schlä­gig: Der Arzt hat hin­sicht­lich der Dor­nen nicht etwa eine für ihn ohne Anga­ben der Geschä­dig­ten nicht erkenn­ba­re Ursa­che der Ver­let­zung in sei­nem Attest fest­ge­hal­ten, son­dern er hat attes­tiert, dass die Geschä­dig­te auch – für ihn sicht­bar – dadurch ver­letzt war, dass sich in ihrem Kör­per noch abge­bro­che­ne Dor­nen­stü­cke befan­den.

Im Übri­gen hat der Bun­des­ge­richts­hof wie­der­holt aus­ge­spro­chen, dass – über den Wort­laut von § 256 Abs. 1 Nr. 2 StPO hin­aus [3] – eine Ein­schrän­kung des Unmit­tel­bar­keits­grund­sat­zes (§ 250 StPO) durch Ver­le­sung eines Attes­tes nicht zuläs­sig ist, wenn sich die Bedeu­tung der aus dem Attest ersicht­li­chen Ver­let­zun­gen nicht in der Fest­stel­lung ihres Vor­lie­gens erschöpft [4].

Dies wird regel­mä­ßig ange­nom­men, wenn Gewalt nicht nur zu einer Kör­per­ver­let­zung geführt hat, son­dern zugleich auch ein Tat­be­stands­merk­mal für ein ande­res Delikt dar­stellt, etwa bei einem räu­be­ri­schen Dieb­stahl [5], oder, in der foren­si­schen Pra­xis nicht sel­ten, bei Sexu­al­de­lik­ten [6]. Regel­mä­ßig liegt dann neben Tat­ein­heit auch eine Indi­zwir­kung der Kör­per­ver­let­zung für das ande­re Delikt vor.

Tat­ein­heit zwi­schen der Kör­per­ver­let­zung und dem ande­ren Delikt schließt die Anwen­dung von § 256 Abs. 1 Nr. 2 StPO nicht zwin­gend aus, wie der Bun­des­ge­richts­hof im Blick auf „gene­rel­le Umschrei­bun­gen der Unzu­läs­sig­keit einer Ver­le­sung nach § 256 StPO, (die) über die jeweils zugrun­de lie­gen­den Fall­ge­stal­tun­gen hin­aus (gehen)“ prä­zi­sie­rend klar­ge­stellt hat [7]. Erfor­der­lich ist viel­mehr ein „über­zeu­gen­der Grund“ [8] für die Annah­me, nach Sinn und Zweck des Geset­zes [9] rei­che eine Ver­le­sung des Attests nicht aus.

Dies gilt nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs auch dann, wenn es um die Ver­neh­mung des Arz­tes im Blick auf Schluss­fol­ge­run­gen geht, die aus den Ver­let­zun­gen hin­sicht­lich des ande­ren Delikts gezo­gen wer­den kön­nen. Eine Ver­neh­mung ist nur dann erfor­der­lich, wenn der unmit­tel­ba­re Ein­druck eine zuver­läs­si­ge­re Grund­la­ge der rich­ter­li­chen Über­zeu­gungs­bil­dung sein kann als die Ver­le­sung des Attes­tes [10], etwa dazu, ob Ver­let­zun­gen im Bereich des Unter­leibs auf ein gewalt­sam began­ge­nes Sexu­al­de­likt hin­deu­ten. Kann ärzt­li­che Sicht zu Schluss­fol­ge­run­gen die­ser Art über die blo­ße Fest­stel­lung der attes­tier­ten Ver­let­zung hin­aus dage­gen nichts bei­tra­gen, so besteht regel­mä­ßig auch kein über­zeu­gen­der Grund für eine Ver­neh­mung des Arz­tes. Im Kern kommt es also dar­auf an, ob eine sol­che Ver­neh­mung Gebot der rich­ter­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht (§ 244 Abs. 2 StPO) ist, die (auch sonst) von § 256 StPO unbe­rührt bleibt [11].

Im vor­lie­gen­den Fall kann die ärzt­li­che Sicht zur Beant­wor­tung der Fra­ge, ob die attes­tier­ten Ver­let­zun­gen durch die Dor­nen die Ver­letz­te nach­fol­gend aus Furcht vor erneu­ter Miss­hand­lung zu Mani­pu­la­tio­nen am Geschlechts­teil des Ver­let­zers ver­an­lasst haben könn­ten, offen­sicht­lich nichts bei­tra­gen. Ande­res ist auch dem Revi­si­ons­vor­brin­gen nicht zu ent­neh­men. Die Ver­le­sung des Attes­tes über­schrei­tet daher die Gren­zen der Anwend­bar­keit von § 256 Abs. 1 Nr. 2 StPO nicht.

Von alle­dem abge­se­hen, beruh­te das Urteil ohne­hin nicht auf der Ver­le­sung des Attes­tes. Dies ergibt sich zwar nicht aus den Anga­ben des Ange­klag­ten, der bestrit­ten hat, zur Tat­zeit am Tat­ort gewe­sen zu sein, und auf die Mög­lich­keit ver­wie­sen hat, dass ihn die Geschä­dig­te mit einer ande­ren Per­son ver­wech­selt. Die Urteils­grün­de ver­wei­sen jedoch über die Anga­ben der Geschä­dig­ten hin­aus auf eine Rei­he gewich­ti­ger, von dem Attest unab­hän­gi­ger Indi­zi­en, wie etwa im Gesicht der Geschä­dig­ten gesi­cher­ter DNA-Abrieb, der dem Ange­klag­ten zuzu­ord­nen ist. Unter die­sen Umstän­den besteht, so im Ergeb­nis auch der Gene­ral­bun­des­an­walt, kein Anhalts­punkt für die Annah­me, die Straf­kam­mer wäre ent­ge­gen ihrer aus­drück­li­chen Fest­stel­lung, wonach das Attest (nur) ihre (ohne­hin getrof­fe­nen) Fest­stel­lun­gen „bestä­tigt“ [12], ohne das Attest mög­li­cher­wei­se zu ande­ren Fest­stel­lun­gen gelangt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Sep­tem­ber 2011 – 1 StR 367/​11

  1. vgl. LR-Goll­wit­zer, StPO, 25. Aufl., § 256 Rn. 1 und 3 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 23.04.1953 – 4 StR 667/​52, BGHSt 4, 155, 156; BGH bei Dal­lin­ger, MDR 1955, 397; BGH, Beschluss vom 30.11.1983 – 3 StR 370/​83, StV 1984, 142, 143; Mey­er-Goß­ner, StPO, 54. Aufl., § 256 Rn.19 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 27.11.1985 – 3 StR 438/​85, BGHSt 33, 389, 391[]
  4. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 06.10.1988 – 1 StR 569/​88, BGHR, StPO, § 256 Abs. 1 Kör­per­ver­let­zung 2[]
  5. BGH, Beschluss vom 11.07.1996 – 1 StR 392/​96, StV 1996, 649[]
  6. vgl. nur BGH, Urteil vom 07.11.1979 – 3 StR 16/​79, NJW 1980, 651; BGH, Beschluss vom 24.07.1984 – 5 StR 478/​84, bei Pfeif­fer NStZ 1985, 204, 206 ; BGH, Beschluss vom 04.03.2008 – 3 StR 559/​07, NStZ 2008, 474[]
  7. BGH, Urteil vom 27.11.1985 – 3 StR 438/​85, BGHSt 33, 389, 392[]
  8. BGHSt, aaO, 393[]
  9. BGHSt, aaO, 391, 393[]
  10. BGH, Urteil vom 09.04.1953 – 5 StR 824/​52, BGHSt 4, 155, 156; BGH bei Pfeif­fer, NStZ 1984, 209, 211, Nr. 21; BGH, Beschluss vom 04.03.2008 – 3 StR 559/​07, NStZ 2008, 474[]
  11. vgl. schon BGH, Urteil vom 04.04.1951 – 1 StR 54/​51, BGHSt 1, 94, 96; BGH, Urteil vom 16.03.1993 – 1 StR 829/​92, BGHR, StPO § 256 Abs. 1 Auf­klä­rungs­pflicht 1; BGH, Beschluss vom 24.04.1979 – 5 StR 513/​78, bei Pfeif­fer NStZ 1981, 93, 95 (zu § 244 Abs. 2 StPO); vgl. auch Mey­er-Goß­ner, StPO, 54. Aufl., § 256 Rn. 2 mit Hin­weis auf Nr. 111 Abs. 3 Satz 2 RiStBV[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 21.08.2002 – 2 StR 111/​02; BGH, Beschluss vom 13.09.2001 – 1 StR 378/​01 mwN[]