Das nicht voll­streck­te Ams­ter­da­mer Todes­ur­teil

Einem Straf­ur­teil steht nicht eine frü­he­re Ver­ur­tei­lung in den Nie­der­lan­den nicht ent­ge­gen, sofern das frü­he­re Urteil nicht voll­streckt wur­de. Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof eine Revi­si­on gegen ein Straf­ur­teil des Land­ge­richts Aachen ver­wor­fen.

Das nicht voll­streck­te Ams­ter­da­mer Todes­ur­teil

Das Land­ge­richt Aachen hat einen heu­te 89-jäh­ri­gen, ehe­mals nie­der­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen wegen im Som­mer 1944 began­ge­ner heim­tü­cki­scher Tötun­gen drei­er nie­der­län­di­scher Zivi­lis­ten zu einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt 1.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts war der Ange­klag­te im Zwei­ten Welt­krieg sowohl Mit­glied der deut­schen Waf­fen-SS, als auch wäh­rend der Beset­zung der Nie­der­lan­de durch die deut­sche Wehr­macht Mit­glied der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bewe­gung der Nie­der­lan­de (NSB) und Ange­hö­ri­ger ihres bewaff­ne­ten Arms, der sog. "Land­wacht". Die­se führ­te in enger Zusam­men­ar­beit mit dem deut­schen Sicher­heits­dienst (SD) Ver­gel­tungs­maß­nah­men für Anschlä­ge durch, die Mit­glie­der einer nie­der­län­di­schen Wider­stands­be­we­gung gegen die deut­sche Besat­zungs­macht unter­nom­men hat­ten. Ziel der ab Okto­ber 1943 unter dem Deck­na­men "Gehei­me Reichs­sa­che Sil­ber­tan­ne" durch­ge­führ­ten Ver­gel­tungs­ak­tio­nen war es, durch die meuch­le­ri­sche Tötung unschul­di­ger, der Wider­stands­be­we­gung nicht ange­hö­ren­der Zivi­lis­ten die Wider­ständ­ler und ihre Sym­pa­thi­san­ten ein­zu­schüch­tern und in der Zivil­be­völ­ke­rung ein Kli­ma der Ver­un­si­che­rung zu erzeu­gen. Im Rah­men sol­cher Rache­ak­te erschoss der Ange­klag­te auf ent­spre­chen­de Anord­nung sei­nes Vor­ge­setz­ten drei nie­der­län­di­sche Bür­ger, deren Per­so­na­li­en ihm durch Mit­ar­bei­ter der deut­schen SS bzw. des SD zuvor mit­ge­teilt wor­den waren.

Das Land­ge­richt hat die drei heim­tü­ckisch durch­ge­führ­ten Erschie­ßun­gen recht­lich jeweils als Mord gewer­tet. Durch den Umstand, dass der Ange­klag­te wegen der Taten bereits im Jahr 1949 durch den Son­der­ge­richts­hof Ams­ter­dam in Abwe­sen­heit zum Tode ver­ur­teilt wor­den war, hat es sich nicht an der Abur­tei­lung die­ser Taten gehin­dert gese­hen; die­se Stra­fe wur­de spä­ter in eine Gefäng­nis­stra­fe umge­wan­delt, die der Ange­klag­te aller­dings nicht antre­ten muss­te.

Der 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat die auf die Sach­rü­ge gestütz­te Revi­si­on des Ange­klag­ten ver­wor­fen. Der Senat hat sich in sei­ner Ent­schei­dung der Rechts­auf­fas­sung des 1. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs ange­schlos­sen 2, wonach das Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung nach Art. 50 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on nur nach Maß­ga­be von Art. 54 der Schen­ge­ner Durch­füh­rungs­ver­ein­ba­rung (SDÜ) gilt, sodass es auf dar­auf ankommt, ob die durch das frü­he­re Urteil ver­häng­te Sank­ti­on bereits voll­streckt wor­den ist, gera­de voll­streckt wird oder nicht mehr voll­streckt wer­den kann. Die­se Vor­aus­set­zun­gen waren hier nicht erfüllt, wes­halb ein Ver­stoß gegen das Dop­pel­be­stra­fungs­ver­bot nicht gege­ben war.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Dezem­ber 2010 – 2 StR 420/​10

  1. LG Aachen, Urteil vom 23.03.2010 – 252 Ks 45 Js 18/​83[]
  2. BGH, Beschluss vom 25.10.2010 – 1 StR 57/​10[]