Das Opfer als ein­zi­ger Belas­tungs­zeu­ge

Beruht die Über­zeu­gung des Gerichts von der Täter­schaft des Ange­klag­ten allein auf der Aus­sa­ge eines Belas­tungs­zeu­gen, ohne dass wei­te­re belas­ten­de Indi­zi­en vor­lie­gen, so sind an die Über­zeu­gungs­bil­dung des Tatrich­ters stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len.

Das Opfer als ein­zi­ger Belas­tungs­zeu­ge

Die Urteils­grün­de müs­sen in Fall­kon­stel­la­tio­nen der genann­ten Art erken­nen las­sen, dass der Tatrich­ter alle Umstän­de, wel­che sei­ne Ent­schei­dung beein­flus­sen kön­nen, erkannt und in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen hat 1.

Ins­be­son­de­re die Aus­sa­ge des Zeu­gen selbst ist einer sorg­fäl­ti­gen Glaub­wür­dig­keits­prü­fung zu unter­zie­hen 2.

Macht der ein­zi­ge Belas­tungs­zeu­ge in der Haupt­ver­hand­lung in einem wesent­li­chen Punkt von frü­he­ren Tat­schil­de­run­gen abwei­chen­de Anga­ben, so muss sich der Tatrich­ter mit die­sem Umstand aus­ein­an­der­set­zen und regel­mä­ßig dar­le­gen, dass und aus wel­chem Grund inso­weit kei­ne bewusst fal­schen Anga­ben vor­ge­le­gen haben 3.

Dar­über hin­aus ist es in Fall­kon­stel­la­tio­nen, in denen die Anga­ben des ein­zi­gen Belas­tungs­zeu­gen in der Haupt­ver­hand­lung in wesent­li­chen Tei­len von sei­nen frü­he­ren Anga­ben abwei­chen, gebo­ten, jeden­falls die ent­schei­den­den Tei­le sei­ner Aus­sa­gen in den Urteils­grün­den wie­der­zu­ge­ben, da dem Revi­si­ons­ge­richt ohne Kennt­nis des wesent­li­chen Aus­sa­ge­inhalts ansons­ten die sach­lich­recht­li­che Über­prü­fung der Beweis­wür­di­gung ver­wehrt ist 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2015 – 2 StR 101/​15

  1. BGH, Urteil vom 29.07.1998 – 1 StR 94/​98, BGHSt 44, 153, 159
  2. vgl. BGH, a.a.O., S. 158
  3. BGH, Urteil vom 17.11.1998 – 1 StR 450/​98, BGHSt 44, 256, 257
  4. vgl. BGH, Urteil vom 10.08.2011 – 1 StR 114/​11, NStZ 2012, 110, 111; Beschluss vom 24.04.2014 – 5 StR 113/​14, NStZ-RR 2014, 219