Das PoliScan-Speed-Mess­ver­fah­ren und der Sme­ar-Effekt

Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he neigt zu der Ansicht, dass bei der Anwen­dung des PoliScan-Speed-Mess­ver­fah­rens eine ver­läss­li­che Geschwin­dig­keits­mes­sung auch allein auf den sog. Sme­ar-Effekt gestützt wer­den kann.

Das PoliScan-Speed-Mess­ver­fah­ren und der Sme­ar-Effekt

Als Sme­ar-Effekt wer­den bei digi­ta­len Kame­ras Licht­spu­ren (hel­le Strei­fen) im Bild bezeich­net, die bei beson­ders hel­len Licht­quel­len im Bild­be­reich auf­tre­ten. Die Ursa­che für die­sen opti­schen Effekt ist die Art der Bild­aus­wer­tung bei sog. CCD-Sen­so­ren (Char­ge Cou­pled Device Sen­sor). Hier­bei han­delt es sich um licht­emp­find­li­che elek­tro­ni­sche Bau­ele­men­te, wobei der Sme­ar-Effekt dadurch auf­tritt, dass der CCD-Sen­sor nach der Belich­tung die in den Spei­chern vor­han­de­nen Ladun­gen schritt­wei­se in ver­ti­ka­ler Rich­tung ver­schiebt, bis sie als Ladungs­pa­ke­te einer nach dem ande­ren den Aus­le­se­ver­stär­ker errei­chen. Hat die Licht­quel­le kei­ne Eigen­ge­schwin­dig­keit, sind die­se Strei­fen senk­recht, anders jedoch, wenn die Licht­quel­le eine aus­rei­chen­de Geschwin­dig­keit besitzt. In die­sem Fal­le ver­lau­fen die­se Strei­fen in einem ent­spre­chen­den Win­kel zur Senk­rech­ten, wobei dann anhand des dabei ent­ste­hen­den sog. Sme­ar-Win­kels Rück­schlüs­se auf die Geschwin­dig­keit mög­lich sind.

Soweit ersicht­lich, ist die Fra­ge, ob und ggf. unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen bei der Anwen­dung des PoliScan-Speed-Mess­ver­fah­rens 1 eine ver­läss­li­che Geschwin­dig­keits­mes­sung allein auf den Sme­ar-Effekt gestützt wer­den kann, bis­lang nicht ober­ge­richt­lich ent­schie­den. Ledig­lich das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt hat aus­ge­spro­chen, dass beim PoliScan-Speed-Mess­ver­fah­ren auf­grund der sog. Sme­ar-Lini­en bei ein­ge­schal­te­ten Schein­wer­fern ansatz­wei­se eine nach­träg­li­che Über­prü­fung der kon­kre­ten Mes­sung mög­lich sei 2, wobei hier­ge­gen u.a. ein­ge­wandt wird, dass eine Über­prü­fung der PoliScan-Speed-Mes­sung mit­tels des Sme­ar-Effekts der­art gro­ße Geschwin­dig­keitsto­le­ranz­brei­ten auf­wei­se, dass die­ser für seriö­se Unter­su­chun­gen nicht her­an­ge­zo­gen wer­den soll­te 3.

Das vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in Auf­trag gege­be­ne Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten hat inso­weit zunächst erge­ben, dass es mathe­ma­tisch unter Ver­wen­dung einer dort im Ein­zel­nen dar­ge­leg­ten Berech­nungs­for­mel durch­aus mög­lich ist, die Geschwin­dig­keit eines Fahr­zeugs anhand der Stei­gung einer Sme­ar­li­nie eines zu einem ande­ren Fahr­zeug gehö­ren­den Licht­punk­tes zu bestim­men, wobei die Durch­füh­rung einer sol­chen Mes­sung jedoch an bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen geknüpft ist. So muss es sich bei dem Sen­sor der Kame­ra um einen CCD-Sen­sor han­deln, auf dem Fahr­zeug muss zur Aus­bil­dung des Sme­ar-Effekts zumin­dest ein hel­ler Licht­punkt vor­han­den sein, wel­cher sich mög­lichst weit vor­ne an der Front des Fahr­zeugs befin­den muss, die Licht­spur soll­te zur aus­rei­chen­den Mess­bar­keit von deren Stei­gung aus­rei­chend lang sein, der Kame­ra­typ nebst der jewei­li­gen Kame­ra­da­ten müs­sen bekannt sein, die Höhe der auf­ge­stell­ten Kame­ra über der Fahr­bahn soll­te sich nicht nen­nens­wert von der Höhe des Licht­punk­tes unter­schei­den, die Kame­ra­l­ängs­ach­se soll­te par­al­lel zur Fahr­bahn­ober­flä­che aus­ge­rich­tet sein und schließ­lich soll­te sich das Fahr­zeug, von dem der Licht­punkt stammt, par­al­lel zur Fahr­bahn­längs­rich­tung bewe­gen. Auch muss zur Berech­nung der Geschwin­dig­keit zunächst des­sen Abstand zur Kame­ra ermit­telt wer­den, wes­halb ein Ele­ment an der Fahr­zeug­front benö­tigt wird, des­sen räum­li­che Dimen­si­on – wie etwa beim vor­de­ren Kenn­zei­chen – bekannt ist.

Die wei­te­re Fra­ge, in wel­chem Umfang bei der Mes­sung Feh­ler­to­le­ran­zen – inso­weit han­delt es sich sowohl um sys­te­mi­sche Feh­ler als auch um Aus­wer­te­feh­ler – berück­sich­tigt wer­den müs­sen, hängt – so der Sach­ver­stän­di­ge – von der im Ein­zel­fall durch­ge­führ­ten Mes­sung ab. So kön­nen etwa eini­ge mög­li­che Tole­ran­zen, wie etwa die Bestim­mung des sog. Kame­ra­schwenk­win­kels, dadurch mini­miert wer­den, dass meh­re­re Mess­fo­tos einer Mess­se­rie aus­ge­wer­tet wer­den. So kön­nen sogar – so der Sach­ver­stän­di­ge – bei opti­ma­len Aus­gangs­be­din­gun­gen im Hin­blick auf die Qua­li­tät des Mess­fo­tos und der dar­aus zu ermit­teln­den Grö­ßen die für das PoliScan-Speed-Mess­ver­fah­ren übli­chen Tole­ran­zen (+/- 3 km bei Geschwin­dig­kei­ten unter 100 km/​h; +/- 3% der ange­zeig­ten Geschwin­dig­keit bei Geschwin­dig­kei­ten von mehr als 100 km/​h) zugrun­de gelegt wer­den, wenn meh­re­re Sme­ar­li­ni­en auf dem Mess­fo­to zur Ver­fü­gung ste­hen und meh­re­re sol­cher Mess­fo­tos einer Mess­se­rie aus­ge­wer­tet wer­den kön­nen. Dem­ge­gen­über wird man unter nor­ma­len Aus­gangs­be­din­gun­gen – was die Qua­li­tät des Mess­fo­tos und der dar­aus zu bestim­men­den Grö­ßen betrifft – für den Fall, das nur eine Sme­ar­li­nie, jedoch meh­re­re Mess­fo­tos vor­han­den sind, von Tole­ran­zen von +/- 10 % oder für den Fall, dass nur eine Sme­ar­li­nie eines ein­zi­gen Mess­fo­tos zur Ver­fü­gung steht, von Tole­ran­zen von +/- 10 – 15% und bei sehr ungüns­ti­gen Aus­gangs­be­din­gun­gen sogar von sol­chen von +/- 20 % aus­ge­hen kön­nen.

Unter Zugrun­de­le­gung die­ser sach­ver­stän­di­gen Exper­ti­se – an der Fach­kun­de des Gut­ach­ters, der wis­sen­schaft­li­cher Qua­li­tät sei­nes Gut­ach­tens und der Nach­voll­zieh­bar­keit sei­ner Exper­ti­se bestehen vor­lie­gend kei­ne Zwei­fel – neigt das Ober­lan­des­ge­richt zur Ansicht, dass bei der Anwen­dung des PoliScan-Speed-Mess­ver­fah­rens eine ver­läss­li­che Geschwin­dig­keits­mes­sung auch allein auf den sog. Sme­ar-Effekt gestützt wer­den kann. Vor­aus­set­zung einer sol­chen ver­läss­li­chen und ver­wert­ba­ren Berech­nung der Geschwin­dig­keit, auch im Hin­blick auf die kon­kret zugrun­de lie­gen­den Tole­ran­zen, ist jedoch eine in jedem Ein­zel­fall durch­zu­füh­ren­de sach­ver­stän­di­ge Über­prü­fung des Mess­vor­gangs, in wel­cher, wie oben dar­ge­legt, unter ande­rem die kon­kre­te Zei­len­aus­le­se­zeit, die Auf­stell­hö­he der Kame­ra und der Auf­stell­win­kel der Kame­ra sowohl bezo­gen auf die Fahr­bahn­ober­flä­che als auch auf das foto­gra­fier­te Objekt kon­kret ermit­telt und ein­be­zo­gen wer­den müs­sen.

Einer abschlie­ßen­den Ent­schei­dung die­ser Fra­ge, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf eine ergän­zend noch ein­zu­ho­len­de Bewer­tung der Phy­si­ka­lisch-Tech­ni­schen Bun­des­an­stalt (PTB) in Braun­schweig 4 bedurf­te es jedoch nicht. Aus der auf Anre­gung des Ver­tei­di­gers vom Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­hol­ten ergän­zen­den gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­me ergibt sich näm­lich, dass im vor­lie­gen­den Fall kon­kre­te Aus­sa­gen zur Ver­wert­bar­keit der Mes­sung und den zugrun­de zu legen­den Tole­ran­zen nicht mehr getrof­fen wer­den kön­nen, weil die Datei, auf wel­cher die Mes­sung des Fahr­zeugs des Betrof­fe­nen doku­men­tiert war, nach Aus­kunft des Regie­rungs­prä­si­di­ums Karls­ru­he zwi­schen­zeit­lich ver­nich­tet wor­den ist. Da sich die nach dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten inso­weit not­wen­di­gen Daten aber aus den Urteils­grün­den des Amts­ge­richts nicht bzw. nicht voll­um­fäng­lich erge­ben und auf­grund der Ver­nich­tung der rele­van­ten Datei­en auch davon aus­zu­ge­hen ist, dass sich die­se in einer neu­en Haupt­ver­hand­lung nicht mehr fest­stel­len las­sen, hat das Ober­lan­des­ge­richt von einer Auf­he­bung und Rück­ver­wei­sung des Urteils abge­se­hen und den Betrof­fe­nen sogleich frei­ge­spro­chen.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 29. Juli 2014 – 1 (3) SsRs 569/​11; 1 (3) SsRs 569/​11AK 145/​11

  1. vgl. zur Aner­ken­nung als stan­dar­di­sier­tes Mess­ver­fah­ren: KG VRS 118, 366; dass. DAR 2010, 331; OLG Frank­furt VRR 2010, 203: Schles­wig-Hol­stei­ni­sches Ober­lan­des­ge­richt SchlHA 2013, 450; OLG Bam­berg DAR 2014, 38; vgl. hier­zu auch OLG Karls­ru­he DAR 2010, 216[]
  2. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 12.09.2011 – 2 Ss-OWi 558/​11; vgl. hier­zu auch AG Aachen DAR 2013, 218[]
  3. Schmedding/​Neidel/​Reuß SVR 2012, 121 ff., 126[]
  4. vgl. hier­zu auch die Stel­lung­nah­me der PTB zu AG Aachen, Urteil vom 10.12.2012 – 444 Owi-606 Js 31/​12 – 93/​12[]