Das Rechts­ge­spräch ohne den Ange­klag­ten – Trans­pa­renz­ge­bot und fai­res Ver­fah­ren

Nach § 243 Abs. 4 Satz 2 StPO hat der Vor­sit­zen­de das Statt­fin­den und den wesent­li­chen Inhalt von wäh­rend des Ver­laufs der Haupt­ver­hand­lung geführ­ten Erör­te­run­gen (§§ 212 i.V.m.202a StPO) mit­zu­tei­len, sofern deren Gegen­stand die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung gewe­sen ist.

Das Rechts­ge­spräch ohne den Ange­klag­ten – Trans­pa­renz­ge­bot und fai­res Ver­fah­ren

Dies ist auch bei einem Gespräch der Fall, dass in Unter­bre­chung der Haupt­ver­hand­lung auf die aus­drück­li­che Fra­ge des Gerichts nach etwai­gem Ver­stän­di­gungs­in­ter­es­se hin erfolgt. Im vor­lie­gen­den Fall wur­den in des­sen Ver­lauf in Anwe­sen­heit aller Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten mit Aus­nah­me der Ange­klag­ten unter ande­rem mit dem Gesichts­punkt der Haft, der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung in Bezug auf die Toch­ter des Ange­klag­ten und von Scha­dens­er­satz­zah­lun­gen aller Ange­klag­ten The­men auf­ge­wor­fen, die einer Ver­stän­di­gung zugäng­lich sind [1]. Dies über­schrei­tet – anders als der ers­te Kon­takt zwi­schen dem bei­sit­zen­den Rich­ter und einem Ver­tei­di­ger – sowohl nach den äuße­ren Umstän­den als auch dem Inhalt der Unter­re­dung den Bereich einer „unver­bind­li­chen Füh­lungs­auf­nah­me“ [2]. Dass die Bespre­chung zum Inhalt einer Ver­stän­di­gung wenig kon­kret war, nament­lich von kei­nem Betei­lig­ten Straf­vor­stel­lun­gen zur Dis­kus­si­on gestellt wur­den, ver­mag dar­an nichts zu ändern.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te jedoch im hier ent­schie­de­nen Fall unter den hier gege­be­nen Umstän­den jedoch ein Beru­hen des Urteils auf dem Rechts­ver­stoß (§ 337 Abs. 1 StPO) sicher aus­schlie­ßen. Dass ein Aus­schluss des Beru­hens bei Ver­let­zung der Mit­tei­lungs- und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten, die einem Unter­lau­fen des Schutz­kon­zepts ent­ge­gen­wir­ken sol­len, in Aus­nah­me­fäl­len mög­lich ist, ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [3]. Ein sol­cher Aus­nah­me­fall liegt hier vor.

Aller­dings ist dem Land­ge­richt mit dem völ­li­gen Unter­las­sen der gebo­te­nen Mit­tei­lung unter dem Blick­win­kel des Trans­pa­renz­ge­bots in Ver­bin­dung mit dem Gebot des fai­ren Ver­fah­rens [4] eine gewich­ti­ge Rechts­ver­let­zung unter­lau­fen. Das Schutz­kon­zept der straf­pro­zes­sua­len Ver­stän­di­gungs­re­ge­lun­gen erfor­dert es, dass Erör­te­run­gen mit dem Ziel der Ver­stän­di­gung stets in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung zur Spra­che kom­men, um einem infor­mel­len und unkon­trol­lier­ba­ren Ver­hal­ten unter Umge­hung straf­pro­zes­sua­ler Grund­sät­ze mög­lichst kei­nen Raum zu las­sen [5].

Indes­sen sind hier bei der gebo­te­nen wer­ten­den Gesamt­be­trach­tung [6] Umstän­de vor­han­den, die die Rechts­ver­let­zung letzt­lich in einem mil­de­ren Licht erschei­nen las­sen. Ins­be­son­de­re erfolg­te die Initia­ti­ve für das Gespräch von Sei­ten des Gerichts in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung. Damit war sowohl für die Öffent­lich­keit als auch für sämt­li­che Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten offen­kun­dig, dass Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che durch­ge­führt wer­den wür­den. Fer­ner kann nach dem Revi­si­ons­vor­trag zum Ver­lauf des Gesprächs, der in dienst­li­chen Stel­lung­nah­men des Vor­sit­zen­den und der Sit­zungs­ver­tre­te­rin der Staats­an­walt­schaft sei­ne Bestä­ti­gung gefun­den hat, mit Gewiss­heit aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Gespräch auf eine gesetz­wid­ri­ge Abspra­che gerich­tet war. Es han­del­te sich auch nicht etwa um einen Ver­stän­di­gungs­ver­such, der auf­grund wider­strei­ten­der Inter­es­sen fehl­ge­schla­gen war. Viel­mehr wur­den eini­ge Posi­tio­nen ledig­lich eher abs­trakt the­ma­ti­siert. Dem­entspre­chend ist davon aus­zu­ge­hen, dass sich die Straf­kam­mer durch das Gespräch einen Ein­druck ver­schaf­fen woll­te, um in der Ver­hand­lungs­pau­se einen umfas­sen­den Ver­stän­di­gungs­vor­schlag ent­wi­ckeln zu kön­nen. Die­ser wur­de am dar­auf­fol­gen­den 34. Ver­hand­lungs­tag in öffent­li­cher Ver­hand­lung bekannt­ge­ge­ben, ohne dass Ver­lauf und Inhalt des Vor­ge­sprächs in irgend­ei­ner Wei­se für das öffent­li­che Ver­ständ­nis der Abspra­che Bedeu­tung erlan­gen konn­ten. Dem­ge­mäß hat sich die Ver­stän­di­gung trotz der Mit­tei­lungs- und Doku­men­ta­ti­ons­ver­let­zung in ihrer ent­schei­den­den Gestalt letzt­lich doch „im Lich­te der öffent­li­chen Haupt­ver­hand­lung offen­bart“ [7]. Vor die­sem Hin­ter­grund kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob nicht sogar – was durch­aus nicht fern­liegt, wozu aber die Revi­si­on nicht vor­trägt – der Gerichts­saal wäh­rend des Gesprächs vom 14.02.2014 der Öffent­lich­keit zugäng­lich gewe­sen ist.

Auf­grund die­ser Beson­der­hei­ten kann der Bun­des­ge­richts­hof dar­über hin­aus sicher aus­schlie­ßen, dass infol­ge der unter­las­se­nen gericht­li­chen Mit­tei­lung sowie Doku­men­ta­ti­on die Selbst­be­las­tungs­frei­heit des Ange­klag­ten in rele­van­ter Wei­se beein­träch­tigt wor­den ist und das Gericht bei ord­nungs­ge­mä­ßer Bekannt­ga­be sowie deren Pro­to­kol­lie­rung zu einem ande­ren Ergeb­nis gelangt wäre. Der Ange­klag­te war durch die am 33. Ver­hand­lungs­tag in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung erfolg­te gericht­li­che Anfra­ge und die von den ande­ren Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten bekun­de­te Ver­stän­di­gungs­be­reit­schaft dar­über infor­miert, dass es sogleich zu durch das Gericht initi­ier­ten Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­chen kom­men wer­de. Er wur­de nach dem Gespräch durch sei­nen Ver­tei­di­ger (zutref­fend) dar­über unter­rich­tet, dass es (noch) kein Ergeb­nis gege­ben habe. Der inhalt­lich nicht etwa auf bestimm­ten im Gespräch vom 14.02.2014 ver­tre­te­nen Posi­tio­nen fußen­de Ver­stän­di­gungs­vor­schlag wur­de am 18.02.2014 in der Haupt­ver­hand­lung bekannt­ge­ge­ben und mit ihm erör­tert, wor­auf­hin am 19.02.2014 nach ord­nungs­ge­mä­ßer Beleh­rung die Ver­stän­di­gung zustan­de kam. Unter die­sen Vor­zei­chen bestand nicht im Ansatz die Gefahr eines dem Ange­klag­ten abträg­li­chen Inter­es­sen­gleich­laufs von Gericht, Staats­an­walt­schaft und Ver­tei­di­gung [8]. Genau­so wenig kann ange­nom­men wer­den, dass das beim Ange­klag­ten bestehen­de Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit über Inhalt und Ver­lauf des Gesprächs vom 14.02.2014 des­sen Fähig­keit zu auto­no­mer Wil­lens­bil­dung vor allem in Rich­tung der Bege­bung sei­ner Selbst­be­las­tungs­frei­heit [9] in irgend­wie fass­ba­rer Wei­se beein­träch­tigt haben könn­te. Das gilt im Beson­de­ren für die durch die Revi­si­on her­vor­ge­ho­be­ne „Posi­ti­on der Staats­an­walt­schaft“, die sich ledig­lich in einer vor­läu­fi­gen recht­li­chen Bewer­tung zum (dann aus­ge­schie­de­nen) Ankla­ge­vor­wurf des Men­schen­han­dels erschöpf­te.

Soweit der Beschwer­de­füh­rer eine Ver­let­zung der Pro­to­kol­lie­rungs­pflicht aus § 273 Abs. 1a Satz 2 i.V.m. § 243 Abs. 4 Satz 2 StPO rügt, liegt bereits nach sei­nem Vor­trag ein Rechts­feh­ler nicht vor. Denn das zu einer – tat­säch­lich nicht erfolg­ten – Mit­tei­lung schwei­gen­de Pro­to­koll gibt den Gang der Haupt­ver­hand­lung gera­de zutref­fend wie­der [10].

Der Bun­des­ge­richts­hof muß­te vor­lie­gend nicht die – nahe­lie­gend zu ver­nei­nen­de – Fra­ge ent­schei­den, ob die ersicht­lich auf dem Ergeb­nis der zuvor über 30 Ver­hand­lungs­ta­ge andau­ern­den Haupt­ver­hand­lung und dabei vor allem der Ver­neh­mung von zwei Neben­klä­ge­rin­nen fußen­de Aus­kunft des Vor­sit­zen­den über den Gegen­stand des vom Ange­klag­ten erwar­te­ten Geständ­nis­ses als „Erör­te­rung“ im Sin­ne von § 243 Abs. 4 Satz 2 StPO gel­ten und damit Mit­tei­lungs- und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten aus­zu­lö­sen geeig­net sein könn­te. Denn eine sol­che Rechts­ver­let­zung macht die Revi­si­on nicht gel­tend. Die Angriffs­rich­tung bestimmt aber den Prü­fungs­um­fang des Revi­si­ons­ge­richts [11]. Ent­spre­chen­des gilt für die Fra­ge, ob die Ver­stän­di­gung sämt­li­chen Anfor­de­run­gen des § 257c StPO genügt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. April 2015 – 5 StR 20/​15

  1. vgl. KK-StPO/­Mol­den­hau­er/­Wens­ke, 7. Aufl., § 257c Rn. 15 mwN[]
  2. hier­zu Schmitt, Stra­Fo 2012, 386, 391; San­der, Karls­ru­her Straf­rechts­dia­log 2013, S. 53, 55[]
  3. vgl. BVerfGE 133, 168, 223 f. Rn. 98; BVerfG [Kam­mer], Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14 Rn. 28 f.; sie­he auch BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14 [zum Abdruck in BGHSt bestimmt], NJW 2015, 645 Rn. 14, 17 ff.[]
  4. vgl. BVerfG [Kam­mer], Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14 Rn.19 ff. mwN[]
  5. vgl. BVerfGE 133, 168, 223 f. Rn. 98; BVerfG [Kam­mer], Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14 Rn. 28[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, aaO Rn.19[]
  7. vgl. BVerfGE 133, 168, 215 Rn. 82[]
  8. vgl. BVerfGE 133, 168, 232 Rn. 114[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, aaO Rn. 21 f. mwN[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, aaO Rn. 12 mwN[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 03.09.2013 – 5 StR 318/​13, NStZ 2013, 671; Beschluss vom 20.10.2014 – 5 StR 176/​14 [zum Abdruck in BGHSt bestimmt], NJW 2015, 265, 266 Rn. 14; jeweils mwN[]