Das Risi­ko der Haus­ge­burt

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Ver­ur­tei­lung einer Heb­am­me wegen Tot­schlags durch Unter­las­sen bestä­tigt.

Das Risi­ko der Haus­ge­burt

Das Land­ge­richt Dort­mund hat­te die 62jährige Ange­klag­te wegen Tot­schlags (durch Unter­las­sen) zu einer Frei­heits­stra­fe von sechs Jah­ren und neun Mona­ten ver­ur­teilt, gegen sie ein lebens­lan­ges Berufs­ver­bot als Ärz­tin und Heb­am­me ver­hängt und eine Adhä­si­ons­ent­schei­dung zu Guns­ten der Eltern des Tat­op­fers getrof­fen 1. Gegen die­ses Urteil wand­te sich die Heb­am­me mit ihrer Revi­si­on, mit der sie Ver­fah­rens­feh­ler und sach­lich­recht­li­che Män­gel des Urteils gel­tend mach­te und die der Bun­des­ge­richts­hof jetzt als unbe­grün­det ver­warf. Das Urteil des Land­ge­richts Dort­mund ist damit rechts­kräf­tig.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts ist die Ange­klag­te, eine Heb­am­me und appro­bier­te Ärz­tin, eine Ver­fech­te­rin der Haus­ge­burt und bezeich­net sich selbst als Spe­zia­lis­tin für Becken­end­la­gen. Im Jahr 2008 über­nahm sie die Betreu­ung der schwan­ge­ren Neben­klä­ge­rin, bei der eine Becken­end­la­ge des Kin­des fest­ge­stellt wor­den war. Wegen der bei die­ser Kinds­la­ge deut­lich häu­fi­ger auf­tre­ten­den Kom­pli­ka­tio­nen und der gege­be­nen­falls ein­tre­ten­den Erfor­der­lich­keit eines Not­kai­ser­schnitts soll nach den berufs­recht­li­chen Vor­schrif­ten der Heb­am­men und den Leit­li­ni­en zur außer­kli­ni­schen Geburts­hil­fe in einem sol­chen Fall die Geburt nur unter kli­ni­schen Bedin­gun­gen erfol­gen. Obwohl die Ange­klag­te dies wuss­te, riet sie den aus dem Aus­land ange­reis­ten Eltern, die der Ange­klag­ten deut­lich gemacht hat­ten, trotz der gewünsch­ten außer­kli­ni­schen Geburt kein Risi­ko für das Kind ein­ge­hen zu wol­len und bei Kom­pli­ka­tio­nen auch mit einem Kai­ser­schnitt ein­ver­stan­den zu sein, auf­grund des von ihr ver­folg­ten Ent­bin­dungs­kon­zepts einer "natür­li­chen Geburt", unter Ver­harm­lo­sung der Geburts­ri­si­ken unein­ge­schränkt zu einer Haus­ge­burt. Die­se erfolg­te schließ­lich in einem Hotel­zim­mer in der Nähe der Pra­xis der Ange­klag­ten. Obwohl die Ange­klag­te von der Kinds­mut­ter eine Stun­de nach dem Frucht­bla­sen­sprung vom Beginn der Geburt benach­rich­tigt wor­den war, such­te sie die Eltern erst auf, als die Wehen bereits fast 12 Stun­den andau­er­ten. Als sich die Geburt auch nach dem Ein­tref­fen der Ange­klag­ten wei­ter­hin ver­zö­ger­te und es zum Geburts­still­stand kam, wes­halb sich die Gefahr einer lebens­ge­fähr­li­chen Sauer­stoff­man­gel­ver­sor­gung des Kin­des ste­tig ver­grö­ßer­te, ver­an­lass­te die Ange­klag­te in Kennt­nis der Gefahr für das Leben des Kin­des nicht die Been­di­gung der außer­kli­ni­schen Geburt und die Ver­le­gung in ein nahe gele­ge­nes Kran­ken­haus.

Das Kind wur­de nach ins­ge­samt 18stündigem Geburts­vor­gang schließ­lich auf­grund Sauer­stoff­man­gels unter der Geburt ster­bend gebo­ren und ver­starb kurz nach der Geburt.

Hät­te die Ange­klag­te noch bis vier Stun­den vor der Geburt die Ver­le­gung der Kinds­mut­ter in ein Kran­ken­haus ver­an­lasst, so wäre das Kind durch einen Kai­ser­schnitt lebend und gesund gebo­ren wor­den. Selbst wenn eine sol­che Maß­nah­me erst ein­ein­halb Stun­den vor der Geburt ergrif­fen wor­den wäre, hät­te das Leben des Kin­des noch geret­tet wer­den kön­nen. All dies war der Ange­klag­ten bewusst.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Mai 2016 – – 4 StR 428/​15

  1. LG Dort­mund, Urteil vom 01.10.2014 – 37 Ks 3/​11 (161 Js 173/​08) []