Das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zur Schuld­fä­hig­keit – und die Urteilsgründe

Das Tat­ge­richt hat in Fäl­len, in denen es dem Gut­ach­ten eines Sach­ver­stän­di­gen folgt, grund­sätz­lich des­sen wesent­li­chen Anknüp­fungs­tat­sa­chen und Schluss­fol­ge­run­gen so dar­zu­le­gen, dass das Rechts­mit­tel­ge­richt prü­fen kann, ob die Beweis­wür­di­gung auf einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge beruht und die Ergeb­nis­se nach den Geset­zen der Logik, den Erfah­rungs­sät­zen des täg­li­chen Lebens und den Erkennt­nis­sen der Wis­sen­schaft mög­lich sind [1].

Das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten zur Schuld­fä­hig­keit – und die Urteilsgründe

Dem wur­de die Beweis­wür­di­gung in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof über­prüf­ten Urteil nicht gerecht: Das Land­ge­richt hat sich nur dem Ergeb­nis des Gut­ach­tens des psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen ange­schlos­sen. Es hat aus­ge­führt, der Sach­ver­stän­di­ge habe von der „hohen Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on“ und von den auf Vide­os erkenn­ba­ren „moto­ri­schen Auf­fäl­lig­kei­ten“ bei der Gang- und Stand­si­cher­heit des Ange­klag­ten auf ein „deut­lich her­ab­ge­setz­tes“ Steue­rungs­ver­mö­gen geschlos­sen. Dage­gen habe er eine Voll­trun­ken­heit, die für eine voll­stän­di­ge Auf­he­bung des Steue­rungs­ver­mö­gens spre­che, „nicht gese­hen“. Die wesent­li­chen Anknüp­fungs­tat­sa­chen und Schluss­fol­ge­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen, auf die er sei­ne Wer­tung einer nicht gänz­lich auf­ge­ho­be­nen Steue­rungs­fä­hig­keit gestützt hat, wer­den im Urteil nicht genannt. Daher ist bereits das Gut­acht­en­er­geb­nis, dass die Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten trotz der hohen Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on und der moto­ri­schen Auf­fäl­lig­kei­ten ledig­lich erheb­lich ver­min­dert war, nicht nachvollziehbar.

Zudem war die Beweis­wür­di­gung zur Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten lücken­haft, weil das Land­ge­richt kei­ne eige­ne Gesamt­wür­di­gung aller für die Beur­tei­lung der Schuld­fä­hig­keit bedeut­sa­men Gesichts­punk­te vor­ge­nom­men hat:

Die Beur­tei­lung der Schuld­fä­hig­keit ist aus­schließ­lich Sache des Tatrich­ters und nicht des Sach­ver­stän­di­gen [2]. Die­ser muss bei der Prü­fung, ob die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 20, 21 StGB vor­lie­gen, im Rah­men einer eige­nen Gesamt­wür­di­gung alle wesent­li­chen objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de, die sich auf das Erschei­nungs­bild und das Ver­hal­ten des Täters vor, wäh­rend und nach der Tat bezie­hen, beur­tei­len und gegen­ein­an­der abwä­gen [3]. Eine Bewer­tung der Schuld­fä­hig­keit allein anhand der Alko­ho­li­sie­rung des Täters ist jeden­falls dann unzu­rei­chend, wenn wei­te­re Umstän­de vor­lie­gen, die für sich genom­men oder im Zusam­men­wir­ken mit der Alko­ho­li­sie­rung die Steue­rungs­oder Ein­sichts­fä­hig­keit des Täters zur Tat­zeit beein­träch­ti­gen kön­nen [4].

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat das Land­ge­richt trotz sich auf­drän­gen­der wei­te­rer die Schuld­fä­hig­keits­be­ur­tei­lung betref­fen­der Umstän­de eine sol­che Gesamt­be­trach­tung nicht vor­ge­nom­men. Es hat die Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen pau­schal als „nach­voll­zieh­bar“ bewer­tet und sich ihnen ohne eige­ne Wür­di­gung ange­schlos­sen. Damit hat es sei­ne Beur­tei­lung auch nur iso­liert auf die vom Sach­ver­stän­di­gen ange­spro­che­ne Alko­ho­li­sie­rung des Ange­klag­ten gestützt. Dage­gen hat es die Fest­stel­lun­gen zur Tatent­ste­hung und ‑bege­hung – etwa die kri­sen­haf­te Lebens­si­tua­ti­on des Ange­klag­ten, des­sen affek­ti­ve Erre­gung und das Aus­maß der Gewalt ohne erkenn­ba­ren Anlass – nicht in sei­ne Erwä­gun­gen ein­be­zo­gen, obwohl es sich hier­bei um Beweis­an­zei­chen han­delt, wel­che die Schuld­fä­hig­keit jeden­falls im Zusam­men­wir­ken mit der Alko­ho­li­sie­rung beein­träch­tigt haben kön­nen. Eben­so hat es die Ein­las­sung des Ange­klag­ten, er habe kei­ne Erin­ne­rung an das Tat­ge­sche­hen und sei über die Taten fas­sungs­los, nicht berück­sich­tigt. Glei­ches gilt für das Nacht­at­ver­hal­ten. Ange­sichts die­ser Erör­te­rungs­lü­cken kann der Bun­des­ge­richts­hof nicht über­prü­fen, ob die Straf­kam­mer zu Recht von einer nur erheb­lich ver­min­der­ten Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­gan­gen ist.

Das neue Tat­ge­richt wird die Alko­ho­li­sie­rung des Ange­klag­ten und die wei­te­ren genann­ten Umstän­de, sofern sie erneut fest­ge­stellt wer­den, auch im Rah­men der erfor­der­li­chen Gesamt­ab­wä­gung bei Prü­fung des Tötungs­vor­sat­zes [5] und des Aus­nut­zungs­be­wusst­seins bei der Heim­tü­cke [6] zu berück­sich­ti­gen haben.

Der Bun­des­ge­richts­hof weist zudem dar­auf hin, dass in der Straf­zu­mes­sung die Art der Tat­aus­füh­rung einem Ange­klag­ten nur dann ohne Abstri­che straf­schär­fend zur Last gelegt wer­den darf, wenn sie in vol­lem Umfang vor­werf­bar ist, nicht aber, wenn ihre Ursa­che in einer von ihm nicht oder nur ein­ge­schränkt zu ver­tre­ten­den geis­tig-see­li­schen Beein­träch­ti­gung liegt [7]. Die von der Straf­kam­mer straf­schär­fend ein­ge­stell­te „Wahl­lo­sig­keit der Gewalt“ und „schnel­le Takt­fre­quenz des mehr­fa­chen Zuste­chens“ sowie das „hohe Maß an Gewalt­be­reit­schaft“ kön­nen auch Aus­druck einer erheb­lich ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit sein, so dass die­se Umstän­de dem Ange­klag­ten nicht bzw. nicht in vol­lem Umfang vor­werf­bar sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Okto­ber 2020 – 4 StR 636/​19

  1. st. Rspr.; BGH, Urteil vom 23.01.2020 – 3 StR 433/​19 Rn.20; Beschluss vom 02.04.2020 – 1 StR 28/​20 Rn. 3; jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 28.09.2016 – 2 StR 223/​16, NStZ-RR 2017, 37; Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, NJW 2004, 1810; jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.05.2012 – 1 StR 59/​12, BGHSt 57, 247, 252; vom 23.08.2000 – 2 StR 281/​00, BGHR § 21 StGB Ursa­chen, meh­re­re 14; jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.03.1987 – 2 StR 652/​86, BGHR § 21 StGB Ursa­chen, meh­re­re 4; vom 13.07.2016 – 1 StR 128/​16, NStZ 2016, 670, 671[]
  5. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 17.12.2009 – 4 StR 424/​09, NStZ 2010, 571; Beschlüs­se vom 08.05.2008 – 3 StR 142/​08, BGHR Vor­satz, beding­ter 62; vom 07.11.2002 – 3 StR 216/​02, BGHR Vor­satz, beding­ter 55[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.01.2005 – 4 StR 491/​04, NStZ 2005, 691; vom 09.02.2000 – 3 StR 392/​99, NStZ-RR 2000, 166; vom 13.08.1997 – 3 StR 189/​97, BGHR Heim­tü­cke 26[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.11.2011 – 3 StR 375/​11 Rn. 5; vom 31.01.2012 – 3 StR 453/​11, NStZ-RR 2012, 169; vom 08.10.2002 – 5 StR 365/​02, NStZ-RR 2003, 104; Fischer, StGB, 67. Aufl., § 46 Rn. 32a; jeweils mwN[]

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