Das ver­spä­tet zu den Akten gebrach­te Urteil – und der Aus­fall der Bericht­erstat­te­rin

Die Urteils­ab­set­zungs­frist dient der Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung und soll zugleich die Über­ein­stim­mung der schrift­li­chen Urteils­grün­de mit dem Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung sichern 1. Sie steht nicht zur Dis­po­si­ti­on des Tat­ge­richts und darf nur ganz aus­nahms­wei­se wegen unab­wend­ba­rer und nicht vor­aus­seh­ba­rer Umstän­de 2 über­schrit­ten wer­den, wobei über­stren­ge Anfor­de­run­gen zu ver­mei­den sind 3.

Das ver­spä­tet zu den Akten gebrach­te Urteil – und der Aus­fall der Bericht­erstat­te­rin

Ob ein unvor­her­seh­ba­rer und unab­wend­ba­rer Umstand im Sin­ne des § 275 Abs. 1 Satz 4 StPO vor­liegt, durch den das Gericht an der Ein­hal­tung der Urteils­ab­set­zungs­frist gehin­dert ist, hat allein das Rechts­be­schwer­de­ge­richt zu beur­tei­len.

Bei einem Kol­le­gi­al­ge­richt wie dem Kar­tell­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts gestat­tet auch der unvor­her­seh­ba­re Aus­fall der Bericht­erstat­te­rin die Frist­über­schrei­tung nicht ohne Wei­te­res. Dies ist dar­in begrün­det, dass nicht nur der Bericht­erstat­ter, son­dern alle berufs­rich­ter­li­chen Mit­glie­der des Spruch­kör­pers für die Ein­hal­tung der Frist des § 275 Abs. 1 Satz 2 StPO ver­ant­wort­lich sind. Beim Aus­fall der Bericht­erstat­te­rin müs­sen des­halb not­falls die ande­ren Rich­ter oder ein sol­cher Rich­ter das Urteil abfas­sen, sofern dies mög­lich und zumut­bar ist 4.

Hier­an gemes­sen hät­te im vor­lie­gen­den Fall das Ober­lan­des­ge­richt das schrift­li­che Urteil frist­ge­recht zu den Akten brin­gen müs­sen. Die Bericht­erstat­te­rin hat­te den dienst­li­chen Erklä­run­gen der Rich­ter zufol­ge bis zu ihrem gesund­heit­li­chen Aus­fall mit bean­stan­dungs­frei­em Arbeits­ein­satz zumin­dest einen "Roh­ent­wurf, der die Fest­stel­lun­gen und die Grund­zü­ge der Beweis­wür­di­gung umfass­te", gefer­tigt. Die zuge­hö­ri­gen Datei­en und die Mit­schrif­ten aus der Haupt­ver­hand­lung stell­te sie dem Vor­sit­zen­den zur Ver­fü­gung, als die­ser am sel­ben Tag die Bear­bei­tung des Urteils über­nahm. Zwar ist es bei die­sem Ablauf unter den Umstän­den des Ein­zel­falls nach­voll­zieh­bar, dass die wei­te­re Abfas­sung der Urteils­grün­de durch einen ande­ren Rich­ter etwa dadurch mehr Zeit in Anspruch neh­men kann, dass sie sechs Wochen nach der Ver­kün­dung erst wie­der eine Ein­ar­bei­tung in die Sache erfor­dert, wobei die Aus­sa­gen von Zeu­gen, die in der Haupt­ver­hand­lung aus­führ­lich, teil­wei­se gan­zund mehr­tä­gig ver­nom­men wor­den sind, nur den nicht selbst erstell­ten Mit­schrif­ten zu ent­neh­men sind. Eine frist­ge­rech­te Abset­zung des 130 Sei­ten umfas­sen­den Urteils war dem Ober­lan­des­ge­richt aber gleich­wohl jeden­falls des­halb mög­lich und zumut­bar, weil auch der wei­te­re bei­sit­zen­de Rich­ter im arbeits­tei­li­gen Zusam­men­wir­ken mit dem Vor­sit­zen­den die schrift­li­chen Urteils­grün­de hät­te ver­voll­stän­di­gen kön­nen. Die in der dienst­li­chen Erklä­rung des Vor­sit­zen­den her­vor­ge­ho­be­ne Kom­ple­xi­tät des Falls sprach nicht gegen ein sol­ches Vor­ge­hen, son­dern hät­te es auf­grund der Ver­ant­wor­tung aller Rich­ter für die Frist­wah­rung gera­de erfor­dert. Eine zeit­spa­ren­de Arbeits­tei­lung, für die eine Ablich­tung hand­schrift­li­cher Mit­schrif­ten hät­te genutzt wer­den kön­nen, war auch bei der Nie­der­schrift der 88seitigen Beweis­wür­di­gung prak­ti­ka­bel. Dies gilt ins­be­son­de­re für die ein­zel­nen Umset­zungs­hand­lun­gen, die das Ober­lan­des­ge­richt im Wesent­li­chen mit den grund­le­gend als glaub­haft bewer­te­ten Aus­sa­gen von drei Zeu­gen und dem Inhalt von Besuchs­be­rich­ten und Akten­no­ti­zen belegt hat.

Die sons­ti­gen Dienst­ge­schäf­te des Ober­lan­des­ge­richts stan­den der Fer­tig­stel­lung der Urteils­grün­de inner­halb der Frist des § 275 Abs. 1 Satz 2 StPO auch durch ein arbeits­tei­li­ges Zusam­men­wir­ken zwi­schen Vor­sit­zen­dem und bei­sit­zen­dem Rich­ter nicht ent­ge­gen. Die Pflicht, das Urteil recht­zei­tig abzu­set­zen, geht allen auf­schieb­ba­ren Dienst­pflich­ten vor 5. Eine sol­che auf­schieb­ba­re Dienst­pflicht war die Vor­be­rei­tung der am 13.06.2018 begin­nen­den Haupt­ver­hand­lung in einem wei­te­ren Kar­tell­buß­geld­ver­fah­ren 6. Hier­mit war der bei­sit­zen­de Rich­ter zugleich in Ver­tre­tung des Vor­sit­zen­den wäh­rend des Laufs der Abset­zungs­frist befasst. Wäre er statt­des­sen wie gebo­ten auch zur Abfas­sung der Urteils­grün­de her­an­ge­zo­gen wor­den, hät­te gege­be­nen­falls der Pro­zess­auf­takt in der zur Ver­hand­lung anste­hen­den Sache um kur­ze Zeit ver­scho­ben oder die wei­te­re Ter­mi­nie­rung geän­dert wer­den kön­nen. Gegen die­se Mög­lich­kei­ten spre­chen­de Grün­de sind mit Blick auf die Bedeu­tung der frist­ge­rech­ten Urteils­ab­set­zung weder den dienst­li­chen Erklä­run­gen zu ent­neh­men noch sonst ersicht­lich.

Die Über­schrei­tung des sich aus § 275 Abs. 1 Satz 2 und 4 StPO erge­ben­den Zeit­raums begrün­det einen abso­lu­ten, im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren ent­spre­chend gel­ten­den Revi­si­ons­grund (§ 338 Nr. 7 StPO). Das ange­foch­te­ne Urteil ist daher unab­hän­gig von der Fra­ge auf­zu­he­ben, ob es auf die­sem Feh­ler beru­hen kann 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Juli 2019 – KRB 37/​19

  1. vgl. BGH, Urteil vom 12.12 1991 4 StR 436/​91, StV 1992, 98[]
  2. vgl. KKStPO/​Greger, 8. Aufl., § 275 StPO Rn. 48[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 02.12 1975 1 StR 701/​75, BGHSt 26, 247, 249[]
  4. st. Rspr.; vgl. BGHSt 26, 247, 249; BGH, Beschluss vom 09.08.1988 5 StR 295/​88, BGHR StPO § 338 Nr. 7 Frist­über­schrei­tung 1; Beschluss vom 27.04.1999 4 StR 141/​99, NStZ 1999, 474; Beschluss vom 09.12 2010 5 StR 485/​10, StV 2011, 211; Beschluss vom 18.12 2013 4 StR 390/​13, NStZ-RR 2014, 87[]
  5. vgl. KG, wis­tra 2016, 511, 512; LR/​Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 275 Rn. 15[]
  6. vgl. hier­zu all­ge­mein BGH, StV 2011, 211; Beschluss vom 07.09.1982 1 StR 249/​82, NStZ 1982, 519; KG, wis­tra 2016, 511, 512; SSWStPO/​Güntge, 3. Aufl., § 275 Rn. 10 aE[]
  7. vgl. BGH, StV 2011, 211; Beschluss vom 06.02.2008 2 StR 492/​07, BGHR StPO § 275 Abs. 1 Satz 4 Umstand 6[]