Depres­si­on als Wie­der­ein­set­zungs­grund

Eine schwe­re Depres­si­on in Kom­bi­na­ti­on mit einer gemisch­ten Per­sön­lich­keits­stö­rung kann ein krank­heits­be­ding­tes Hin­der­nis dar­stel­len, das ein Ver­schul­den im Sin­ne von § 44 StPO aus­schließt, sei­ne Rech­te durch recht­zei­ti­ge Ein­le­gung des Ein­spruchs gegen einen Straf­be­fehl wahr­zu­neh­men.

Depres­si­on als Wie­der­ein­set­zungs­grund

Die Fra­ge, ob jemand im Sin­ne von § 44 StPO ohne Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Frist – hier die Ein­spruchs­frist bezüg­lich des Straf­be­fehls vom 12.09.2011 – ein­zu­hal­ten, ist danach zu beur­tei­len, ob dem Säu­mi­gen nach den kon­kre­ten Umstän­den des Fal­les sowie sei­nen sub­jek­ti­ven Ver­hält­nis­sen und Eigen­schaf­ten der Vor­wurf zu machen ist, dass er die ihm gerech­ter­wei­se zuzu­mu­ten­de Sorg­falt für die Fris­t­wah­rung außer Betracht gelas­sen hat [1]. Die Straf­kam­mer hat hier­bei aus­drück­lich berück­sich­tigt, dass es sich bei dem Ein­spruch gegen den Straf­be­fehl für den Ange­klag­ten um den „ers­ten Zugang zu Gericht“ han­delt und gera­de in einer sol­chen Situa­ti­on Art. 103 Abs. 1 GG einer Über­span­nung der Wie­der­ein­set­zungs­vor­aus­set­zun­gen ent­ge­gen­steht [2] so dass nicht nur bezüg­lich des feh­len­den Ver­schul­dens, son­dern auch für des­sen Glaub­haft­ma­chung und des hier­für erfor­der­li­chen Beweis­gra­des [3] zu Guns­ten des Ange­klag­ten eine wei­te Aus­le­gung gebo­ten ist.

Vor dem Hin­ter­grund die­ser recht­li­chen Maß­stä­be wur­de durch die vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Attes­te nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Frei­burg hin­rei­chend glaub­haft gemacht, dass der Ange­klag­te über den gesam­ten Zeit­raum von der Zustel­lung des Straf­be­fehls bis zur Ertei­lung der Ver­tei­di­ger­voll­macht auf­grund einer schwer­wie­gen­den psy­chi­schen Erkran­kung – einer schwe­ren Depres­si­on in Kom­bi­na­ti­on mit einer gemisch­ten Per­sön­lich­keits­stö­rung – unver­schul­det dar­an gehin­dert war, im vor­lie­gen­den Straf­ver­fah­ren sei­ne Rech­te aktiv durch Ein­le­gung eines Ein­spruchs gegen den Straf­be­fehl wahr­zu­neh­men.

So ist all­ge­mein aner­kannt, dass Erkran­kun­gen das Ver­schul­den im Sin­ne von § 44 StPO aus­schlie­ßen kön­nen [4]. Neben plötz­li­chen, nur kur­ze Zeit andau­ern­den kör­per­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen wie bei­spiels­wei­se einem aku­ten Dia­be­tes­schock [5] oder Durch­fall [6] kön­nen auch chro­ni­sche Erkran­kun­gen bezie­hungs­wei­se lang andau­ern­de gesund­heit­li­che Ein­schrän­kun­gen die sub­jek­ti­ven Ver­hält­nis­se und Eigen­schaf­ten eines Ange­klag­ten zur Fris­t­wah­rung aus­schlie­ßen, sofern der Betrof­fe­ne zuvor kei­ne fris­t­wah­ren­den Vor­keh­run­gen tref­fen konn­te. Wenn­gleich die – soweit ersicht­lich – inso­weit bis­lang in der Recht­spre­chung ent­schie­de­nen Fall­kon­stel­la­tio­nen kei­ne schwe­ren depres­si­ven Erkran­kun­gen, son­dern ent­we­der län­ge­re Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te [7] oder dau­er­haf­te krank­haf­te see­li­sche Stö­run­gen wie eine chro­nisch-para­no­id-hal­lu­zi­na­to­ri­sche Stö­rung [8] oder eine aku­te Psy­cho­se [9], betra­fen, schließt dies vor­lie­gend die Annah­me man­geln­der Vor­werf­bar­keit nicht aus. Maß­ge­bend ist viel­mehr, ob es jeden­falls wahr­schein­lich ist, dass der Ange­klag­te auf­grund sei­ner dar­ge­leg­ten Erkran­kung nicht in der Lage war, die not­wen­di­gen Schrit­te zur Ver­tei­di­gung gegen die straf­recht­li­chen Vor­wür­fe ein­zu­lei­ten.

Dabei über­sieht das Land­ge­richt nicht, dass der Ange­klag­te nach den Mit­tei­lun­gen sei­ner Arbeits­stel­le kein ein­zi­ges Mal krank­heits­be­dingt fehl­te sowie für sei­ne Kol­le­gen kei­ne Anzei­chen erkenn­bar waren, dass er unter depres­si­ven Schü­ben lei­de oder Schwie­rig­kei­ten habe, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Nicht ver­kannt wird auch, dass der Ange­klag­te und sei­ne Ehe­frau im Okto­ber 2011 den gemein­sa­men Ent­schluss fas­sen konn­ten, die aus dem Straf­be­fehl her­rüh­ren­de For­de­rung zu beglei­chen, was offen­sicht­lich am 14.10.2011 zu der Über­wei­sung von 3.563.50 EUR führ­te.

Die­se Gesichts­punk­te ste­hen dem psy­chi­schen Krank­heits­bild und der damit ver­bun­de­nen feh­len­den Vor­werf­bar­keit der Frist­ver­säu­mung nach Auf­fas­sung der Straf­kam­mer jedoch nicht ent­ge­gen.

Der Straf­kam­mer ist aus einer Viel­zahl von Ver­fah­ren, in denen psy­cho­lo­gi­sche oder psych­ia­tri­sche Fach­gut­ach­ten erstat­tet wer­den muss­ten, bekannt, dass schwe­re depres­si­ve Erkran­kun­gen oft­mals vom beruf­li­chen Umfeld, in dem zahl­rei­che Betrof­fe­ne trotz fort­ge­schrit­te­nen Erkran­kungs­ver­laufs vor­der­grün­dig noch „funk­tio­nie­ren“, nicht wahr­ge­nom­men wer­den, die pri­va­te Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­fä­hig­keit aber zugleich von einer weit­rei­chen­den Antriebs­lo­sig­keit und Selbst­auf­ga­be erfasst wer­den kann. Bedenkt man, dass die Ein­le­gung eines Ein­spruchs gegen einen Straf­be­fehl regel­mä­ßig die nach­fol­gen­de Kon­fron­ta­ti­on mit straf­recht­li­chen Vor­wür­fen im Rah­men einer öffent­li­chen Haupt­ver­hand­lung nach sich zieht, erscheint der Kam­mer hin­rei­chend wahr­schein­lich, dass die Zah­lung der Straf­be­fehls­for­de­rung am 14.10.2011 nicht Ergeb­nis einer wie­der­her­ge­stell­ten Ent­schei­dungs­fä­hig­keit war, son­dern allein – wie von der Ehe­frau des Ange­klag­ten eides­statt­lich ver­si­chert – zur Ver­mei­dung einer wei­te­ren psy­chi­schen Beein­träch­ti­gung des Ange­klag­ten erfolg­te und der Ange­klag­te tat­säch­lich erst durch das Drän­gen sei­ner Ehe­frau am 09.02.2012 psy­chisch in der Lage war, das not­wen­di­ge Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten in die Wege zu lei­ten.

Land­ge­richt Frei­burg, Beschluss vom 4. März 2013 – 2 Qs 56/​12

  1. vgl. KG, Beschluss vom 03.09.1997 – 4 Ws 196/​97; Graal­mann-Schee­rer in Löwe-Rosen­berg, StPO 26, Aufl. § 44, Rdr.19[]
  2. vgl. nur BVerfG NJW 1991, 351; Bay­VerfGH BayVBl 2011,511; Berl­VerfGH, Beschluss vom 07.06.2011 – 78/​08[]
  3. vgl. Cire­ner in Beck­OK-StPO § 45 Rdnr. 11[]
  4. vgl. nur Maul in KK-StPO 6. Aufl. § 44, Rdnr.20 m.w.N.[]
  5. vgl. BGH NJW 1975, 593[]
  6. vgl. OLG Köln VRS 111, 43[]
  7. vgl. BGH VersR 1971, 1122[]
  8. Bay­O­bLG NStZ 1989,131[]
  9. LG Dres­den, Beschluss vom 06.03.2007 – 3 Qs 27/​07[]