Der Aus­druck einer E‑Mail – als prä­sen­tes Beweismittel

Aus­dru­cke einer ansons­ten nur digi­tal vor­han­de­nen E‑Mail (und ihrer Anhän­ge) stel­len prä­sen­te Beweis­mit­tel im Sin­ne des § 245 Abs. 2 StPO dar1.

Der Aus­druck einer E‑Mail – als prä­sen­tes Beweismittel

Die Recht­spre­chung, wonach der Ablich­tung einer Urkun­de nicht die Qua­li­tät eines prä­sen­ten Beweis­mit­tels im Sin­ne des § 245 Abs. 2 StPO zukommt2, ist nicht auf den Fall zu über­tra­gen, in dem sich – wie hier – der Beweis­an­trag auf die Ver­le­sung des Aus­drucks einer ansons­ten nur digi­tal vor­han­de­nen E‑Mail bezieht; dies hat der Bun­des­ge­richts­hof bis­her nicht tra­gend ent­schie­den3. Im Einzelnen:

Die zur Ver­le­sung bestimm­ten Doku­men­te sind ori­gi­när elek­tro­ni­scher Natur. Sie wur­den unmit­tel­bar am Com­pu­ter erstellt und per E‑Mail an die Revi­si­ons­füh­re­rin über­sandt. Der Beweis­an­trag bezieht sich damit auf die Ver­le­sung einer ori­gi­när aus­schließ­lich digi­tal vor­han­de­nen E‑Mail.

Die­se elek­tro­ni­schen Urkun­den müs­sen dem Land­ge­richt nicht eben­falls elek­tro­nisch über­mit­telt wer­den. Es reicht viel­mehr aus, dass ent­spre­chen­de Aus­dru­cke in Papier­form über­ge­ben wer­den, denn anders als bei der Mehr­fer­ti­gung einer gegen­ständ­li­chen Urkun­de, die von einem Ori­gi­nal unter­schie­den wer­den kann, ist die Vor­la­ge eines ori­gi­när aus­schließ­lich digi­tal erstell­ten und gespei­cher­ten Gedan­ken­in­halts als kör­per­li­che Ori­gi­nal­ur­kun­de von vor­ne­her­ein unmöglich.

Um dem Gericht einen sol­chen Gedan­ken­in­halt unmit­tel­bar zur Ver­wer­tung zur Ver­fü­gung zu stel­len, bedürf­te es der gebrauchs­fä­hi­gen Über­mitt­lung der elek­tro­ni­schen Daten. Dass ein Beweis­an­trag­stel­ler nach Wirk­sam­wer­den der Neu­re­ge­lung des § 249 Abs. 1 Satz 2 StPO aus­schließ­lich auf die­sen Weg ver­wie­sen sein soll, ist dem Gesetz und sei­ner Begrün­dung nicht zu entnehmen.

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Der Gesetz­ge­ber hat inso­weit die unmit­tel­ba­re Ver­le­sung elek­tro­ni­scher Doku­men­te zusätz­lich ermög­li­chen, nicht aber aus­schließ­lich dazu ver­pflich­ten wol­len4. Außer­dem betrifft der etwai­ge Klä­rungs­be­darf hin­sicht­lich inhalt­li­cher Authen­ti­zi­tät und Belast­bar­keit eher die gericht­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung und Auf­klä­rungs­pflicht als die Beweis­mit­tel­ei­gen­schaft5.

Hier­nach hat im vor­lie­gen­den Fall das Land­ge­richt den Beweis­an­trag rechts­feh­ler­haft nach § 244 Abs. 3 StPO abge­lehnt. Der Antrag wäre allei­ne nach § 245 Abs. 2 StPO und des­sen gegen­über § 244 Abs. 3 StPO nach dem aus­drück­li­chen gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len bewusst enger gefass­ten und abschlie­ßen­den Ableh­nungs­grün­den6 zu beschei­den gewesen.

Eine Ableh­nung wegen Bedeu­tungs­lo­sig­keit der Bewei­s­tat­sa­che, auf die das Land­ge­richt die Ableh­nung gestützt hat, sieht § 245 Abs. 2 StPO nicht vor; der Ableh­nungs­grund der feh­len­den objek­ti­ven Sach­be­zo­gen­heit umfasst nur teil­wei­se die Fäl­le der Bedeu­tungs­lo­sig­keit im Sin­ne des § 244 Abs. 3 Satz 2 StPO. Eine Ableh­nung kann nicht dar­auf gestützt wer­den, dass die Bewei­s­tat­sa­che trotz eines objek­ti­ven Zusam­men­hangs zwi­schen der unter Beweis gestell­ten Tat­sa­che und dem Gegen­stand der Urteils­fin­dung aus tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­den nicht geeig­net ist, die Urteils­fin­dung zu beein­flus­sen, weil bei einem objek­tiv irgend­wie gear­te­ten Sach­zu­sam­men­hang dem Antrag­stel­ler nach den Grund­sät­zen eines rechts­staat­li­chen fai­ren Ver­fah­rens die Mög­lich­keit unbe­nom­men blei­ben soll, durch ein prä­sen­tes Beweis­mit­tel die Über­zeu­gung des Gerichts von der Bedeu­tungs­lo­sig­keit des Beweis­the­mas zu erschüt­tern7. Nach die­sen Maß­stä­ben trägt die Begrün­dung des Ableh­nungs­be­schlus­ses auch kei­ne Ableh­nung nach § 245 Abs. 2 Satz 3 StPO wegen feh­len­den Sachzusammenhangs.

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Auf die­sem Rechts­feh­ler beruh­te das land­ge­richt­li­che Urteil im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht (§ 337 Abs. 1 StPO). Ein Urteil beruht auf einem Rechts­feh­ler nur dann, wenn es ohne die­sen mög­li­cher­wei­se anders aus­ge­fal­len wäre. An einer sol­chen Mög­lich­keit fehlt es, wenn ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang mit Sicher­heit aus­ge­schlos­sen wer­den kann bezie­hungs­wei­se rein theo­re­ti­scher Natur ist. Ins­be­son­de­re bei Ver­stö­ßen gegen das Ver­fah­rens­recht hängt die­se Ent­schei­dung stark von den Umstän­den des Ein­zel­fal­les ab8.

Die­se all­ge­mei­nen Maß­stä­be gel­ten auch bei einem Ver­stoß gegen § 245 Abs. 2 StPO9. Obwohl es dem Tat­ge­richt ver­wehrt ist, von einer Beweis­erhe­bung wegen ihrer Uner­heb­lich­keit abzu­se­hen, darf das Revi­si­ons­ge­richt das Beru­hen wegen man­geln­der Beweis­erheb­lich­keit des nicht ver­wen­de­ten Beweis­mit­tels ver­nei­nen10. Der Gesetz­ge­ber hat die Ver­let­zung des § 245 Abs. 2 StPO nicht als einen abso­lu­ten Revi­si­ons­grund aus­ge­stal­tet, so dass es bei der Anwen­dung des Beru­hens­er­for­der­nis­ses ver­bleibt. An einem Beru­hen fehlt es in die­sen Fäl­len jeden­falls dann, wenn die unter­las­se­ne Beweis­erhe­bung die Ent­schei­dung mit Sicher­heit nicht beein­flusst hat11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Juli 2021 – 3 StR 518/​19

  1. vgl. LR/​Becker, StPO, 27. Aufl., § 245 Rn. 49; SSW-StPO/­Sät­te­le, 4. Aufl., § 245 Rn. 21; Trüg, StV 2016, 343 ff.[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 22.06.1994 – 3 StR 646/​93, BGHR StPO § 245 Beweis­mit­tel 1; zwei­felnd BGH, Urteil vom 06.09.2011 – 1 StR 633/​10, wis­tra 2012, 29 Rn. 60[]
  3. zwei­felnd bereits BGH, Beschluss vom 22.09.2015 – 4 StR 355/​15[]
  4. vgl. BT-Drs. 18/​9416 S. 33, 62 f.[]
  5. vgl. LR/​Becker, StPO, 27. Aufl., § 245 Rn. 49[]
  6. vgl. LR/​Becker, StPO, 27. Aufl., § 245 Rn. 57[]
  7. LR/​Becker, StPO, 27. Aufl., § 245 Rn. 62[]
  8. BGH, Beschluss vom 10.12.2015 – 3 StR 163/​15 12[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 06.09.2011 – 1 StR 633/​10, wis­tra 2012, 29 Rn. 74[]
  10. anders noch RG, Urteil vom 24.02.1880 – 205/​80, RGSt 1, 225, 227[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 06.09.2011 – 1 StR 633/​10, wis­tra 2012, 29 Rn. 75; Urteil vom 31.01.1996 – 2 StR 596/​95, BGHR StPO § 245 Abs. 1 Beru­hen 1; Arnol­di, NStZ 2018, 305, 312; LR/​Becker, StPO, 27. Aufl., § 245 Rn. 80; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 64. Aufl., § 245 Rn. 30; SK-StPO/­Fris­ter, 5. Aufl., § 245 Rn. 69; SSW-StPO/­Sät­te­le, 4. Aufl., § 245 Rn. 36[]

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