Der bestech­li­che Schöf­fe – "beson­ders schwer" ab 50.000 €

Wann wird die Bestech­lich­keit eines Schöf­fen auf­grund des gezahl­ten Bestechungs­gel­des zu einem bes­o­ders schwe­ren Fall (§ 335 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 Nr. 1 StGB)? Der Bun­des­ge­richts­hof will hier die Gren­ze bei 50.000 € zie­hen:

Der bestech­li­che Schöf­fe – "beson­ders schwer" ab 50.000 €

Der Gesetz­ge­ber hat bei der Bestech­lich­keit in dem Regel­bei­spiel des "Vor­teils gro­ßen Aus­ma­ßes" (§ 335 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 Nr. 1 StGB) wie auch in ähn­li­chen Vor­schrif­ten beim Betrug (§ 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 Alt. 1 StGB), beim Sub­ven­ti­ons­be­trug (§ 264 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 StGB), beim Vor­ent­hal­ten und Ver­un­treu­en von Arbeits­ent­gelt (§ 266a Abs. 4 Satz 2 Nr. 1 StGB) sowie bei der Steu­er­hin­ter­zie­hung (§ 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO) eine Maß­an­ga­be von beträcht­li­cher Unbe­stimmt­heit ver­wen­det.

Annä­hernd kon­kre­te Vor­ga­ben für eine Wert­gren­ze sind der Begrün­dung des Ent­wurfs eines Geset­zes zur Bekämp­fung der Kor­rup­ti­on dabei nicht zu ent­neh­men (vgl. zu § 335 Abs. 2 Nr. 1 StGB BT-Drs. 13/​5584, S. 17 i.V.m. S. 15).

Dem­entspre­chend unein­heit­lich ist das Mei­nungs­bild des Schrift­tums, des­sen Vor­schlä­ge von 5.000 € bis hin zu 50.000 € rei­chen, wobei zum Teil noch Staf­fe­lun­gen vor­ge­nom­men wer­den 1.

Auch die Begrün­dungs­an­sät­ze wei­chen erheb­lich von­ein­an­der ab. Wäh­rend eini­ge Autoren die Wert­gren­ze "objek­tiv pau­scha­lie­rend" bestim­men wol­len 2, legen ande­re einen sub­jek­ti­ven Maß­stab zugrun­de, der nament­lich die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Amts­trä­gers berück­sich­ti­gen will 3. Auch eini­ge Befür­wor­ter der objek­ti­ven Pau­scha­lie­rung wol­len aber die kon­kre­ten Lebens­um­stän­de des Amts­trä­gers nicht völ­lig außer Acht las­sen 4, wäh­rend ande­rer­seits die "sub­jek­ti­ve Betrach­tungs­wei­se" fes­te Min­dest­gren­zen zugrun­de legt 5.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in sei­nen Ent­schei­dun­gen zum "Ver­mö­gens­ver­lust gro­ßen Aus­ma­ßes" im Sin­ne des § 263 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 Alt. 1 StGB 6 und der Steu­er­ver­kür­zung sowie der Erlan­gung von Steu­er­vor­tei­len "in gro­ßem Aus­maß" nach § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO 7 das Bedürf­nis nach Rechts­si­cher­heit her­vor­ge­ho­ben und die Wert­gren­ze nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en auf jeweils grund­sätz­lich 50.000 € fest­ge­setzt 8.

Der Bun­des­ge­richts­hof hält es für sach­ge­recht, die­se Recht­spre­chung auf die Bemes­sung des Vor­teils gro­ßen Aus­ma­ßes nach § 335 Abs. 2 Nr. 1 StGB (und nach § 300 Satz 2 Nr. 1 StGB) zu über­tra­gen. Er ver­kennt dabei weder die im Ver­gleich zu § 263 StGB und teil­wei­se zu § 370 AO unter­schied­li­che Aus­gangs­la­ge auch hin­sicht­lich des Zeit­punkts der Voll­endung 9 noch den Umstand, dass sich der durch die Höhe des Vor­teils mit­be­stimm­te Unrechts- und Schuld­ge­halt der Tat danach unter­schei­den kann, ob der Vor­teils­ge­ber (§ 334 StGB) oder der Vor­teils­neh­mer (§ 332 StGB) betrof­fen ist. Ent­spre­chen­des gilt für den Bezug der Höhe der Zuwen­dung zu den kon­kre­ten Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen des Vor­teils­neh­mers. Jedoch wären nach die­sen und etwai­gen wei­te­ren Ein­zel­kri­te­ri­en bemes­se­ne Dif­fe­ren­zie­run­gen geeig­net, zu einer unüber­seh­ba­ren Viel­falt von Wert­gren­zen zu füh­ren und damit die Geset­zes­be­stimmt­heit (Art. 103 Abs. 2 GG) der Vor­schrift durch­grei­fend zu beein­träch­ti­gen 10. Auch erschie­ne es als Ver­stoß gegen den Grund­satz der Straf­ge­rech­tig­keit, wenn etwa – wie hier – bei einem von Sozi­al­leis­tun­gen leben­den Vor­teils­neh­mer der Straf­schär­fungs­grund grund­sätz­lich frü­her ein­grei­fen wür­de als bei einem Berufs­rich­ter, einem Chef­arzt oder bei dem Geschäfts­füh­rer einer pri­vat­wirt­schaft­lich orga­ni­sier­ten Gesell­schaft der öffent­li­chen Hand.

Ein annä­hernd prä­zi­ser Grad­mes­ser zur Bestim­mung der Wert­gren­ze ist nicht vor­han­den. Hier­für kann nament­lich nicht ein Durch­schnitts­ein­kom­men von Amts­trä­gern her­an­ge­zo­gen wer­den 11. Das gilt schon des­we­gen, weil es ange­sichts des brei­ten Spek­trums von Per­so­nen, die unter den Amts­trä­ger­be­griff fal­len, kaum mög­lich erscheint, ein "Durch­schnitts­ein­kom­men" fest­zu­stel­len. Der Bun­des­ge­richts­hof geht jedoch davon aus, dass bei der gebo­te­nen typi­sie­ren­den Betrach­tung ab einem Betrag von 50.000 € ein Aus­maß erreicht ist, das geeig­net ist, auch den gut ver­die­nen­den Vor­teils­neh­mer zu kor­rum­pie­ren, und das beson­ders stark zur Nach­ah­mung kor­rup­ti­ven Ver­hal­tens anreizt 12.

Zugleich wird damit den hohen Straf­dro­hun­gen Rech­nung getra­gen, die an die Ver­wirk­li­chung des beson­ders schwe­ren Falls geknüpft sind und die bei der "Rich­ter­be­stech­lich­keit und bestechung" in der Regel zu Frei­heits­stra­fen im nicht aus­set­zungs­fä­hi­gen Bereich füh­ren wer­den. Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls, die das ver­wirk­lich­te Unrecht zu erhö­hen oder aber die Indi­zwir­kung zu ent­kräf­ten ver­mö­gen, kön­nen und müs­sen in die nach all­ge­mei­nen Regeln durch­zu­füh­ren­de Gesamt­wür­di­gung ein­ge­stellt wer­den. Tat- oder täter­be­zo­ge­ne Umstän­de kön­nen dabei die Indi­zwir­kung des Regel­bei­spiels auf­he­ben und zur Ableh­nung eines beson­ders schwe­ren Falls füh­ren oder auch ohne tat­be­stand­li­che Erfül­lung des Regel­bei­spiels einen unbe­nann­ten beson­ders schwe­ren Fall begrün­den 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Novem­ber 2015 – 5 StR 352/​15

  1. vgl. die Nach­wei­se bei Münch­Komm-StG­B/­Kor­te, aaO, § 335 Rn. 9; LK-StG­B/­So­wa­da, aaO, § 335 Rn. 6; Hohmann/​Sander, Straf­recht BT II, 2. Aufl., § 29 Rn. 8[]
  2. so Münch­Komm-StG­B/­Kor­te, aaO, § 335 Rn. 8; LK-StG­B/­So­wa­da, aaO, § 335 Rn. 6; Heine/​Eisele in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 335 Rn. 3; NK-StG­B/Kuh­len, 4. Aufl., § 335 Rn. 3[]
  3. so Schönke/​Schröder/​Cramer, StGB, 26. Aufl., § 335 Rn. 3[]
  4. vgl. Münch­Komm-StG­B/­Kor­te, aaO; LK-StG­B/­So­wa­da, aaO[]
  5. vgl. Schönke/​Schröder/​Cramer, aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 07.10.2003 – 1 StR 274/​03, BGHSt 48, 360; zum Sub­ven­ti­ons­be­trug sie­he auch BGH, Urteil vom 20.11.1990 – 1 StR 548/​90, BGHR StGB § 264 Abs. 3 Straf­rah­men­wahl 1[]
  7. BGH, Urteil vom 02.12 2008 – 1 StR 416/​08, BGHSt 53, 71[]
  8. vgl. auch die Begrün­dung zum Ent­wurf eines Sechs­ten Geset­zes zur Reform des Straf­rechts, BT-Drs. 13/​8587, S. 43[]
  9. vgl. LK-StG­B/­So­wa­da, aaO, § 335 Rn. 4[]
  10. abwei­chend wohl BT-Drs. 13/​5584, S. 15, 17[]
  11. vgl. dazu NK/​Kuhlen, aaO, § 335 Rn. 4[]
  12. vgl. NK-StG­B/Kuh­len, aaO, § 335 Rn. 3; Münch­Komm-StG­B/­Kor­te, aaO, § 335 Rn. 9[]
  13. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.10.2003 – 1 StR 274/​03, aaO, S. 364; vom 02.12 2008 – 1 StR 416/​08, aaO, S. 81 f.[]