Der Deal im Straf­ver­fah­ren – und die recht­zei­ti­ge Beleh­rung

Ein Ange­klag­ter ist im Rah­men einer Ver­stän­di­gung "zu spät" nach § 257c Abs. 5 StPO belehrt, wenn die Beleh­rung erst zu einem Zeit­punkt erfolgt, als die Ver­stän­di­gung bereits durch sei­ne dem Ein­ver­ständ­nis der Staats­an­walt­schaft nach­fol­gen­de Zustim­mung gemäß § 257c Abs. 3 Satz 4 StPO for­mell wirk­sam gewor­den ist 1.

Der Deal im Straf­ver­fah­ren – und die recht­zei­ti­ge Beleh­rung

Eine Ver­stän­di­gung ist aber nur dann mit dem Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens zu ver­ein­ba­ren, wenn der Ange­klag­te vor ihrem Zustan­de­kom­men über deren nur ein­ge­schränk­te Bin­dungs­wir­kung für das Gericht nach § 257c Abs. 4 StPO belehrt wor­den ist. Die Beleh­rungs­pflicht ver­liert nicht des­halb an Bedeu­tung oder wird gar obso­let, weil eine Lösung des Gerichts von der Ver­stän­di­gung nach § 257c Abs. 4 Satz 3 StPO das infol­ge der Ver­stän­di­gung abge­ge­be­ne Geständ­nis unver­wert­bar macht. Denn die Beleh­rung hat sicher­zu­stel­len, dass der Ange­klag­te vor dem Ein­ge­hen einer Ver­stän­di­gung, deren Bestand­teil das Geständ­nis ist, voll­um­fäng­lich über die Trag­wei­te sei­ner Mit­wir­kung an der Ver­stän­di­gung infor­miert ist 2.

Das Geständ­nis des Ange­klag­ten und damit auch das Urteil beru­hen auf dem Ver­stoß gegen die Beleh­rungs­pflicht (§ 337 Abs. 1 StPO). Vor dem Hin­ter­grund des ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Beru­hens­maß­stabs 3 kann der Bun­des­ge­richts­hof die Ursäch­lich­keit des Beleh­rungs­feh­lers für das Geständ­nis nicht aus­nahms­wei­se aus­schlie­ßen: Der Ange­klag­te hat die ihm zur Last geleg­te Tat auf der Grund­la­ge der Ver­stän­di­gung ein­ge­räumt, was ihm – so das Land­ge­richt – "im Hin­blick auf sei­ne Per­sön­lich­keit und ange­sichts sei­nes bis­he­ri­gen Ver­hal­tens im Ver­lauf des Ver­fah­rens ersicht­lich schwer gefal­len ist." Auf sein Ein­ge­ständ­nis, er habe es für mög­lich gehal­ten, dass der Geschä­dig­te sich in der Tat­nacht in der – von ihm in Brand gesetz­ten – Woh­nung auf­ge­hal­ten habe, hat das Schwur­ge­richt u.a. die Annah­me des Tötungs­vor­sat­zes gestützt. Der Ange­klag­te hät­te sich mög­li­cher­wei­se bei ord­nungs­ge­mä­ßer Beleh­rung gegen den Tat­vor­wurf ver­tei­digt. Anhalts­punk­te dafür, dass ihm die Vor­aus­set­zun­gen für den Weg­fall der Bin­dungs­wir­kung bekannt waren, bestehen nicht 4.

Als obiter dic­tum weist der Bun­des­ge­richts­hof noch dar­auf hin, dass das Gericht bei dem Ver­stän­di­gungs­vor­schlag einen Straf­rah­men, also eine Straf­ober­gren­ze und eine Straf­un­ter­gren­ze, ange­ben muss 5, ent­ge­gen der Anfra­ge von Rechts­an­walt P. am sieb­ten Haupt­ver­hand­lungs­tag aber nicht ver­pflich- tet ist, dem Ange­klag­ten auch mit­zu­tei­len, wel­che Stra­fe bei einem Schuld­spruch nach "strei­ti­ger Haupt­ver­hand­lung" in Betracht kom­men könn­te 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Febru­ar 2015 – 4 StR 595/​14

  1. vgl. zum not­wen­di­gen Revi­si­ons­vor­trag bei einer auf die Ver­let­zung des § 257c Abs. 5 StPO gestütz­ten Ver­fah­rens­rüge BGH, Beschluss vom 15.01.2014 – 1 StR 302/​13, wis­tra 2014, 322[]
  2. Begrün­dung zum Regie­rungs­ent­wurf, BT-Drs. 16/​12310, S. 15; BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10 u.a., BVerfGE 133, 168, 237; Beschluss vom 25.08.2014 – 2 BvR 2048/​13, StV 2015, 73; BGH, Beschluss vom 19.08.2010 – 3 StR 226/​10, StV 2011, 76; Urteil vom 07.08.2013 – 5 StR 253/​13, StV 2013, 682, 683[]
  3. vgl. zuletzt BVerfG, Beschlüs­se vom 30.06.2013 – 2 BvR 85/​13, StV 2013, 674; und vom 25.08.2014 – 2 BvR 2048/​13, NJW 2014, 3506; nach­fol­gend hier­zu BGH, Beschluss vom 05.11.2014 – 5 StR 253/​13[]
  4. vgl. zu die­sen Erwä­gun­gen auch BGH, Beschlüs­se vom 04.12 2013 – 4 StR 446/​13; und vom 05.02.2014 – 1 StR 706/​13, wis­tra 2014, 283[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.02.2011 – 3 StR 426/​10, NStZ 2011, 648; und vom 03.09.2013 – 5 StR 318/​13, StV 2013, 741[]
  6. BGH, Urteil vom 03.09.2013 – 5 StR 318/​13, NStZ 2013, 671; Beschluss vom 11.11.2014 – 3 StR 497/​14[]