Der früher bereits richterlich vernommene Zeuge – und das Zeugnisverweigerungsrecht

Der 4. Strafsenat des Bundsgerichtshofs widersetzt sich der vom 2. Strafsenat beabsichtigten Rechtsprechungsänderung1 und hält an seiner bisherigen Rechtsprechung fest, wonach die Einführung und Verwertung von Angaben eines früher richterlich vernommenen Zeugen, der erst in der Hauptverhandlung von seinem Zeugnisverweigerungsrecht gemäß § 52 StPO Gebrauch gemacht hat, durch Vernehmung der richterlichen Vernehmungsperson auch ohne vorherige Belehrung des Zeugen über die Möglichkeit der Einführung und Verwertung seiner Aussage zulässig ist.

Der früher bereits richterlich vernommene Zeuge – und das Zeugnisverweigerungsrecht

Der vom 2. Strafsenat beabsichtigten Rechtsprechungsänderung steht die bisherige Rechtsprechung des 4. Strafsenats entgegen2. Der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hält an dieser Rechtsprechung fest.

Die in der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs anerkannte Ausnahme von dem aus § 252 StPO hergeleiteten Verwertungsverbot für den Fall der Vernehmung einer richterlichen Verhörperson über Angaben eines in der Hauptverhandlung unter Berufung auf § 52 StPO schweigenden Zeugen3 wird vom vorlegenden 2. Strafsenat nicht grundsätzlich in Frage gestellt und ist als solche nicht Gegenstand des Anfrageverfahrens.

Der 4. Strafsenat teilt nicht die Ansicht, dass die Verwertung einer früheren richterlichen Vernehmung eines Zeugen, der erst in der Hauptverhandlung von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch macht, durch Vernehmung der richterlichen Vernehmungsperson nur dann zulässig ist, wenn dieser Richter den Zeugen nicht nur über sein Zeugnisverweigerungsrecht, sondern auch qualifiziert über die Möglichkeit der Einführung und Verwertung seiner Aussage im weiteren Verfahren belehrt hat4.

Eine solche qualifizierte Belehrung ist in den Vorschriften über die Vernehmung des Zeugen nicht vorgesehen. Für eine entsprechende Belehrungspflicht fehlt es mithin an einer gesetzlichen Grundlage5.

Auch eine planwidrige Regelungslücke des Gesetzes liegt insofern nicht vor. Der Gesetzgeber hat vielmehr Inhalt und Umfang der erforderlichen Belehrungen von Zeugen im Rahmen ihrer Vernehmung ausdrücklich geregelt (vgl. § 52 Abs. 3 Satz 1, § 55 Abs. 2, § 163 Abs. 3 Satz 1 StPO). Eine Belehrung über die Verwertbarkeit der Aussage für den Fall, dass der Zeuge in der Hauptverhandlung von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch macht, hat er indes nicht vorgesehen. Da der Gesetzgeber aber schon im Jahr 1964 die Belehrungspflichten von Polizeibeamten gegenüber Zeugen im Ermittlungsverfahren in Kenntnis der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur Verwertung von früheren Aussagen durch Vernehmung richterlicher Vernehmungspersonen neu geregelt hat, kann vor dem Hintergrund, dass in diesem Zusammenhang eine weiter gehende Belehrungspflicht durch den Richter nicht in das Gesetz aufgenommen wurde, von einer planwidrigen Regelungslücke nicht ausgegangen werden6. Dies belegen auch die Neuregelungen in § 255a StPO7.

Es ist auch nicht geboten, die Einführung oder die Verwertbarkeit der Aussage einer richterlichen Verhörperson über frühere Angaben eines Zeugen, der sich in der Hauptverhandlung berechtigt auf sein gemäß § 52 StPO bestehendes Aussageverweigerungsrecht beruft, von einer schon damals erteilten qualifizierten Belehrung abhängig zu machen.

Zentrales Anliegen des Strafprozesses ist – worauf auch der anfragende 2. Strafsenat verweist – die Ermittlung des wahren Sachverhalts, ohne den das materielle Schuldprinzip nicht verwirklicht werden kann. Als eine der Wahrheitsfindung entgegenstehende Gestaltung kommt § 252 StPO in Betracht8. Eine Ausweitung des Anwendungsbereichs dieser Vorschrift oder eine auf sie gestützte weitere Einschränkung der Möglichkeit zur Ermittlung des wahren Sachverhalts bedarf daher einer hinreichenden Rechtfertigung. An dieser fehlt es jedoch bezüglich des vom anfragenden 2. Strafsenat befürworteten Verwertungsverbots in Fällen fehlender qualifizierter Belehrung.

§ 252 StPO und das weiter gehend aus ihm hergeleitete Verwertungsverbot bezwecken nicht den Schutz des Angeklagten. Vielmehr schützen §§ 52, 252 StPO lediglich Zeugen vor der Verpflichtung, als Angehörige den Beschuldigten bzw. Angeklagten wahrheitsgemäß zu belasten, und sichern zudem, dass der Zeuge seine einmal gemachte Aussage – ob wahrheitsgemäß oder wahrheitswidrig, ob belastend oder entlastend – auch noch in der Hauptverhandlung für ihn folgenlos wieder rückgängig machen kann, ohne sie durch eine neue Aussage ersetzen zu müssen, bei deren Abgabe er wiederum dem Spannungsfeld zwischen Wahrheitspflicht und Näheverhältnis ausgesetzt wäre9.

Schon dies legt nahe, dass es auch der Grundsatz des fairen Verfahrens nicht gebietet, zur Wahrung berechtigter Interessen des Angeklagten die Verwertbarkeit einer früheren – nach ordnungsgemäßer Belehrung über das Aussageverweigerungsrecht erfolgten – richterlichen Vernehmung des Zeugen von dessen qualifizierten Belehrung über die weitere Verwertbarkeit seiner Aussage abhängig zu machen. Vielmehr hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte betont, dass die Verwertung von im Ermittlungsstadium erlangten Aussagen auch in einem Fall, in dem ermittlungsrichterliche Angaben von in der Hauptverhandlung berechtigt schweigenden Angehörigen verwertet wurden, nicht in Widerspruch zu Art. 6 Abs. 1 und Abs. 3 Buchst. d EMRK steht, sofern der Angeklagte ausreichend Gelegenheit hatte, die Aussage in dem Zeitpunkt, in dem sie gemacht wurde, oder später in Zweifel zu ziehen10. Die vom anfragenden 2. Strafsenat als notwendig erachtete Belehrung hat er dagegen ersichtlich nicht als für ein faires Verfahren geboten erachtet11.

Der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs sieht es aber auch bei Einbeziehung der vom anfragenden 2. Strafsenat zum „Schutz eines … Verfahrensbeteiligten“, der „nicht zum Objekt des Verfahrens gemacht werden“ darf, angeführten, allein auf den Zeugen bezogenen Umstände in die bei der Prüfung eines Verwertungsverbots erforderliche Gesamtwürdigung nicht als geboten an, ohne dessen qualifizierte Belehrung über die weitere Verwertbarkeit seiner Aussage ein Verwertungsverbot anzunehmen.

Vielmehr ist der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs mit der bisherigen Rechtsprechung12 der Ansicht, dass – jedenfalls bei einer Vernehmung in dem Ermittlungs- oder Strafverfahren gegen den Angehörigen – einem Zeugen bei seiner richterlichen Vernehmung (hinreichend) bewusst ist, dass eine – nach Belehrung gemäß § 52 Abs. 3 StPO und freier Entscheidung des Zeugen – getätigte Aussage für das weitere Verfahren und die Frage, ob der Angeklagte auch aufgrund dieser Aussage verurteilt werden kann, Bedeutung haben kann13.

Soweit der Bundesgerichtshof anerkannt hat, dass Belehrungspflichten auch ohne ausdrückliches gesetzliches Gebot bestehen können, betrifft dies besondere, mit der vorliegenden Fallgestaltung nicht vergleichbare Konstellationen, insbesondere Fälle gesetzlich nicht (näher) geregelter Befragungen etwa vor der Exploration einer Aussageperson durch einen Sachverständigen14, nicht aber – wie in dem der Anfrage zugrunde liegenden Fall – eine Erweiterung der Belehrungspflicht im Zusammenhang mit gesetzlich – auch hinsichtlich der notwendigen Belehrungen – ausdrücklich normierten Maßnahmen.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 16. Dezember 2014 – 4 ARs 21/14

  1. BGH, Anfragebeschluss vom 04.06.2014 – 2 StR 656/13[]
  2. BGH, Urteile vom 27.04.1978 – 4 StR 180/78; und vom 30.08.1984 – 4 StR 475/84, NStZ 1985, 36, sowie – hinsichtlich der Vorlagefrage nicht tragend – Urteile vom 10.02.2000 – 4 StR 616/99, BGHSt 46, 1, 3; vom 20.02.1997 – 4 StR 598/96, BGHSt 42, 391, 397; vom 08.03.1979 – 4 StR 634/78, NJW 1979, 1722; Beschlüsse vom 12.04.1984 – 4 StR 229/84, StV 1984, 326; vom 09.02.2010 – 4 StR 660/09, NStZ 2010, 406[]
  3. BGH, Urteil vom 15.01.1952 – 1 StR 341/51, BGHSt 2, 99; seither st. Rspr.[]
  4. vgl. dazu auch den „Alternativ-Entwurf Beweisaufnahme“, GA 2014, 1, 26[]
  5. BGH, Urteil vom 30.08.1984 – 4 StR 475/84, NStZ 1985, 36[]
  6. vgl. BT-Drs. IV/178, S. 18, 33; BT-Drs. 16/12098, S. 26[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 12.02.2004 – 3 StR 185/03, BGHSt 49, 72, 78, 82 ff.; dazu auch El-Ghazi/Merold, StV 2012, 250, 253 f. mwN[]
  8. vgl. BVerfG, NStZ-RR 2004, 18[]
  9. vgl. BVerfG aaO; ferner El-Ghazi/Merold aaO, S. 251 mwN[]
  10. BGH, Urteil vom 19.07.2012 – 26171/07, NJW 2013, 3225 Ziffer 42[]
  11. BGH, aaO Ziffern 39, 41, 45[]
  12. vgl. etwa BGH, Urteil vom 12.02.2004 – 3 StR 185/03, BGHSt 49, 72, 77[]
  13. vgl. auch El-Ghazi/Merold, aaO S. 252; dort auch zu der nur für richterliche Vernehmungen geltenden Regelung des § 168c StPO[]
  14. BGH, Urteile vom 29.06.1989 – 4 StR 201/89, BGHSt 36, 217, 220; vom 23.09.1999 – 4 StR 189/99, BGHSt 45, 203, 208 f.[]
  15. BGH, Anfragebeschluss vom 04.06.2014 - 2 StR 656/13[]