Der Haft­grund der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr

Für den Haft­grund der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr i.S.d. § 112 a Abs.1 Nr. 2 StPO ist es erfor­der­lich, dass jede Ein­zel­tat, die als Anlass­tat her­an­ge­zo­gen wird, die Rechts­ord­nung schwer­wie­gend beein­träch­tigt. Die Straf­er­war­tung von mehr als einem Jahr bezieht sich jedoch bei Tat­mehr­heit auf die Gesamt­stra­fe und nicht auf die Ein­zel­stra­fen [1].

Der Haft­grund der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr

Für den Haft­grund der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr ist nicht erfor­der­lich, dass für jede Ein­zel­tat, die als Anlass­tat her­an­ge­zo­gen wird, eine Straf­er­war­tung von mehr als 1 Jahr besteht. Zwar muss die erfor­der­li­che schwer­wie­gen­de Beein­träch­ti­gung der Rechts­ord­nung bei tat­mehr­heit­li­cher Bege­hung von Straf­ta­ten für jede Ein­zel­tat vor­lie­gen [2]. Die Straf­er­war­tung bezieht sich jedoch nicht auf die jewei­li­ge Ein­zel­tat, son­dern bei Tat­mehr­heit auf die Gesamt­stra­fe [3].

Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm hat mit Hil­fe der Geset­zes­ma­te­ria­len über­zeu­gend dar­ge­legt, dass sich der Begriff der Frei­heits­stra­fe i.S.d. § 112 a StPO an jenem des § 56 StGB ori­en­tiert, der nach all­ge­mei­ner Mei­nung die Gesamt­stra­fe meint, sofern bei Tat­mehr­heit eine sol­che gebil­det wur­de. Denn die erfor­der­li­che Straf­er­war­tung wur­de nach der amt­li­chen Geset­zes­be­grün­dung, die aus­drück­lich auf § 23 Abs.3 StGB a.F. (= § 56 Abs. 2 StGB n. F.) Bezug nimmt, des­halb mit mehr als 1 Jahr bemes­sen, weil eine sol­che Stra­fe nur bei Vor­lie­gen beson­de­rer Umstän­de zu Bewäh­rung aus­ge­setzt wer­den kann [4].

Soweit das Ober­lan­des­ge­riht Braun­schweig im Beschluss vom 07.11.2011 [5] – nicht tra­gend (die Haft­be­fehls­auf­he­bung erfolg­te in jenem Fall man­gels schwer­wie­gend beein­träch­ti­gen­der Straf­ta­ten) – für die not­wen­di­ge Straf­er­war­tung auf die Ein­zel­tat abge­stellt hat, wird dar­an nicht fest­ge­hal­ten.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 4. April 2013 – Ws 84/​13

  1. anders noch OLG Braun­schweig, Beschluss vom 07.11.2011 – Ws 316/​11, StV 2012, 352[]
  2. OLG Frank­furt, Beschluss vom 12.01.2000 – 1 Ws 161/​99; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 06.04.2001 – 3 Ws 31/​01[]
  3. OLG Hamm, Beschluss vom 01.04.2010 – 3 Ws 161/​10, StV 2011, 291[]
  4. BT-Drs. VI/​3248 S.4[]
  5. OLG Braun­schweig, Beschluss vom 07.11.2011 – Ws 316/​11, StV 2012, 352[]