Der anony­me Hin­weis – und der Durch­su­chungs­be­schluss

Bei anony­men Anzei­gen müs­sen die Vor­aus­set­zun­gen des § 102 StPO im Hin­blick auf die schutz­wür­di­gen Inter­es­sen des Beschul­dig­ten wegen der erhöh­ten Gefahr und des nur schwer bewertba­ren Risi­kos einer fal­schen Ver­däch­ti­gung beson­ders sorg­fäl­tig geprüft wer­den.

Der anony­me Hin­weis – und der Durch­su­chungs­be­schluss

Bei der Prü­fung des Tat­ver­dachts und der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­ab­wä­gung sind ins­be­son­de­re der Gehalt der anony­men Aus­sa­ge sowie etwai­ge Grün­de für die Nicht­of­fen­le­gung der Iden­ti­tät der Aus­kunfts­per­son in den Blick zu neh­men; als Grund­la­ge für eine stark in Grund­rechts­po­si­tio­nen ein­grei­fen­de Zwangs­maß­nah­me wie eine Durch­su­chung kann eine anony­me Aus­sa­ge nur genü­gen, wenn sie von beträcht­li­cher sach­li­cher Qua­li­tät ist oder mit ihr zusam­men schlüs­si­ges Tat­sa­chen­ma­te­ri­al vor­ge­legt wor­den ist.

Mit der Garan­tie der Unver­letz­lich­keit der Woh­nung durch Art. 13 Abs. 1 GG erfährt die räum­li­che Lebens­sphä­re des Ein­zel­nen einen beson­de­ren grund­recht­li­chen Schutz, in den mit einer Durch­su­chung schwer­wie­gend ein­ge­grif­fen wird1. Zur Recht­fer­ti­gung eines Ein­griffs in die Unver­letz­lich­keit der Woh­nung zum Zwe­cke der Straf­ver­fol­gung ist daher der Ver­dacht erfor­der­lich, dass eine Straf­tat began­gen wur­de. Die­ser Anfangs­ver­dacht muss auf kon­kre­ten Tat­sa­chen beru­hen; vage Anhalts­punk­te und blo­ße Ver­mu­tun­gen rei­chen nicht aus2. Ein Ver­stoß gegen die­se Anfor­de­run­gen liegt vor, wenn sich sach­lich zurei­chen­de Grün­de für eine Durch­su­chung nicht fin­den las­sen3.

Dem erheb­li­chen Ein­griff in die grund­recht­lich geschütz­te Lebens­sphä­re des Betrof­fe­nen ent­spricht zudem ein beson­de­res Recht­fer­ti­gungs­be­dürf­nis nach dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit4. Die Durch­su­chung muss vor allem auch in ange­mes­se­nem Ver­hält­nis zu der Schwe­re der Straf­tat und der Stär­ke des Tat­ver­dachts ste­hen5.

Anga­ben anony­mer Hin­weis­ge­ber sind als Ver­dachts­quel­le zur Auf­nah­me wei­te­rer Ermitt­lun­gen dabei nicht gene­rell aus­ge­schlos­sen. Ein sol­cher pau­scha­ler Aus­schluss wider­sprä­che dem zen­tra­len Anlie­gen des Straf­ver­fah­rens, näm­lich der Ermitt­lung der mate­ri­el­len Wahr­heit in einem jus­tiz­för­mi­gen Ver­fah­ren als Vor­aus­set­zung für die Gewähr­leis­tung des Schuld­prin­zips. Bei anony­men Anzei­gen müs­sen die Vor­aus­set­zun­gen des § 102 StPO im Hin­blick auf die schutz­wür­di­gen Inter­es­sen des Beschul­dig­ten aber wegen der erhöh­ten Gefahr und des nur schwer bewertba­ren Risi­kos einer fal­schen Ver­däch­ti­gung beson­ders sorg­fäl­tig geprüft wer­den6. Bei der Prü­fung des Tat­ver­dachts und der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­ab­wä­gung sind ins­be­son­de­re der Gehalt der anony­men Aus­sa­ge sowie etwai­ge Grün­de für die Nicht­of­fen­le­gung der Iden­ti­tät der Aus­kunfts­per­son in den Blick zu neh­men; als Grund­la­ge für eine stark in Grund­rechts­po­si­tio­nen ein­grei­fen­de Zwangs­maß­nah­me wie eine Durch­su­chung kann eine anony­me Aus­sa­ge nur genü­gen, wenn sie von beträcht­li­cher sach­li­cher Qua­li­tät ist oder mit ihr zusam­men schlüs­si­ges Tat­sa­chen­ma­te­ri­al vor­ge­legt wor­den ist7.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Juli 2016 – 2 BvR 2474/​14

  1. vgl. BVerfGE 42, 212, 219 f.; 96, 27, 40; 103, 142, 150 f. []
  2. vgl. BVerfGE 44, 353, 371 f.; 115, 166, 197 f. []
  3. vgl. BVerfGE 59, 95, 97 []
  4. vgl. BVerfGE 20, 162, 186 f.; 96, 44, 51; 115, 166, 197 []
  5. vgl. BVerfGE 20, 162, 187; 59, 95, 97; 96, 44, 51; 115, 166, 197 []
  6. vgl. z.B. LG Offen­burg, Beschluss vom 15.09.1997 – Qs 114/​97, StV 1997, S. 626 f.; LG Regens­burg, Beschluss vom 05.02.2004 – 1 Qs 111/​03, StV 2004, S.198; LG Karls­ru­he, Beschluss vom 22.08.2005 – 2 Qs 65/​05, Stra­Fo 2005, S. 420 f.; LG Bad Kreuz­nach, Beschluss vom 10.12 2014 – 2 Qs 134/​14, Stra­Fo 2/​2015, S. 64 f. []
  7. vgl. z.B. BGHSt 38, 144, 147; LG Stutt­gart, Beschluss vom 07. Sep-tem­ber 2007 – 7 Qs 71/​07 31 []