Der Kampf­sport­ler – und der beding­te Tötungs­vor­satz

Bedingt vor­sätz­li­ches Han­deln setzt vor­aus, dass der Täter den Ein­tritt des tat­be­stand­li­chen Erfol­ges als mög­lich und nicht ganz fern­lie­gend erkennt, und dass er ihn bil­ligt oder sich um des erstreb­ten Zie­les wil­len mit der Tat­be­stands­ver­wirk­li­chung abfin­det.

Der Kampf­sport­ler – und der beding­te Tötungs­vor­satz

Bei­de Ele­men­te der inne­ren Tat­sei­te müs­sen in jedem Ein­zel­fall geson­dert geprüft und durch tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen belegt wer­den1.

Annah­me oder Ableh­nung beding­ten Tötungs­vor­sat­zes kön­nen nur auf der Grund­la­ge einer Gesamt­be­trach­tung aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de erfol­gen2. Dabei ist die auf der Grund­la­ge der dem Täter bekann­ten Umstän­de zu bestim­men­de objek­ti­ve Gefähr­lich­keit der Tat­hand­lung ein wesent­li­cher Indi­ka­tor3.

Bei der Wür­di­gung des Wil­lens­ele­ments ist neben der kon­kre­ten Angriffs­wei­se jedoch regel­mä­ßig auch die Per­sön­lich­keit des Täters, sein psy­chi­scher Zustand zum Tat­zeit­punkt und sei­ne Moti­va­ti­on mit in die erfor­der­li­che Gesamt­be­trach­tung ein­zu­be­zie­hen4.

Die­se Anfor­de­run­gen sah der Bun­des­ge­richts­hof im hier beur­teil­ten Fall als nicht erfüllt. Das erst­in­stanz­lich täti­ge Land­ge­richt hielt in sei­nem Urteil ledig­lich fest, dass die Hand­lun­gen des Ange­klag­ten „kon­kret lebens­ge­fähr­lich” und „jeder ein­zel­ne Schlag […] geeig­net” gewe­sen sei, „die Neben­klä­ge­rin zu töten”. Dies genügt – wie bereits der Blick auf § 224 Abs. 1 Nr. 5 StGB zeigt – für die Annah­me beding­ten Tötungs­vor­sat­zes nicht. Sei­ne Über­zeu­gung, dass der Ange­klag­te die Lebens­ge­fähr­lich­keit der Schlä­ge erkann­te und den Ein­tritt des ihm uner­wünsch­ten Erfolgs jeden­falls bil­li­gend in Kauf nahm, begrün­det das Land­ge­richt nicht näher. Es setzt sich weder mit dem kon­kre­ten sub­jek­ti­ven Vor­stel­lungs­bild des Ange­klag­ten, der die Neben­klä­ge­rin ledig­lich „außer Gefecht” set­zen woll­te, noch mit dem Umstand aus­ein­an­der, dass die Gefähr­lich­keit der mit dem Fäus­tel geführ­ten Schlä­ge ent­schei­dend von ihrer Inten­si­tät abhing. Uner­ör­tert bleibt auch, ob das Aus­blei­ben knö­cher­ner Ver­let­zun­gen dafür spre­chen könn­te, dass der Ange­klag­te die Schlä­ge jeden­falls nicht mit Wucht geführt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Juni 2015 – 2 StR 504/​14

  1. BGH, Urteil vom 04.11.1988 – 1 StR 262/​88, BGHSt 36, 1, 9 f.; BGH, Urteil vom 18.10.2006 – 2 StR 340/​06, NStZ 2007, 150, 151; BGH, Urteil vom 27.01.2011 – 4 StR 502/​10, NStZ 2011, 699, 702
  2. BGH, Urteil vom 23.02.2012 – 4 StR 608/​11, NStZ 2012, 443, 444
  3. vgl. BGH, Urteil vom 25.03.1999 – 1 StR 26/​99, NJW 1999, 2533, 2534
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 01.06.2007 – 2 StR 133/​07, NStZ-RR 2007, 267, 268