Der Kuss als sexu­el­le Hand­lung

Eine sexu­el­le Hand­lung liegt grund­sätz­lich vor, wenn die Hand­lung objek­tiv, also allein gemes­sen an ihrem äuße­ren Erschei­nungs­bild, einen ein­deu­ti­gen Sexu­al­be­zug auf­weist [1].

Der Kuss als sexu­el­le Hand­lung

Dies ist bei kur­zen spon­ta­nen Küs­sen auf Mund und Stirn eines vier­jäh­ri­gen Jun­gen nicht der Fall.

Bei äußer­lich ambi­va­len­ten Hand­lun­gen, die – wie hier – für sich betrach­tet nicht ohne wei­te­res einen sexu­el­len Bezug auf­wei­sen, ist auf das Urteil eines objek­ti­ven Betrach­ters abzu­stel­len, der alle Umstän­de des Ein­zel­falls, also auch die Ziel­rich­tung des Täters, kennt [2].

Die hier fest­ge­stell­ten Umstän­de – erst­ma­li­ge Betreu­ung des dem Ange­klag­ten ansons­ten völ­lig frem­den Kin­des, kei­ner­lei Ver­an­las­sung für den Kuss – recht­fer­ti­gen selbst unter Berück­sich­ti­gung der Vor­be­las­tun­gen des Ange­klag­ten den Schluss auf eine sexu­al­be­zo­ge­ne – zumal erheb­li­che (§ 184h StGB) – Hand­lung allein nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. August 2015 – 5 StR 275/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 20.12 2007 – 4 StR 459/​07, BGHR StGB § 184f Sexu­el­le Hand­lung 2[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 06.02.2002 – 1 StR 506/​01, NStZ 2002, 431, 432; Beschluss vom 23.08.1991 – 3 StR 292/​91, BGHR StGB § 184c Nr. 1 Erheb­lich­keit 5[]