Der nicht beschie­de­ne Beweis­an­trag

Der feh­len­de Gerichts­be­schluss, der zur (ableh­nen­den) Beschei­dung eines Beweis­an­trags erfor­der­lich ist, kann nicht durch den in der Haupt­ver­hand­lung ver­le­se­nen Ver­merk des Vor­sit­zen­den ersetzt wer­den, aus dem sich nur ergibt, dass die Zeu­gin nicht gela­den wer­den konn­te, weil sie aus­weis­lich der Mit­tei­lung der Poli­zei unter der ange­ge­be­nen Anschrift nicht ver­zeich­net, dort auch nicht mehr wohn­haft und eine neue Adres­se nicht bekannt sei.

Der nicht beschie­de­ne Beweis­an­trag

Auf die Beach­tung der zwin­gen­den Vor­schrift des § 244 Abs. 6 Satz 1 StPO kön­nen die Pro­zess­be­tei­lig­ten auch nicht ver­zich­ten [1].

Dies galt zumin­dest in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall, in dem sich Anhalts­punk­te dafür, dass der Ange­klag­te auf die bean­trag­te Beweis­erhe­bung ver­zich­tet oder sei­nen Beweis­an­trag aus­drück­lich zurück­ge­nom­men hat, der Sit­zungs­nie­der­schrift nicht ent­neh­men lie­ßen. Bei die­ser Sach­la­ge bean­stan­det der Beschwer­de­füh­rer zutref­fend die Nicht­be­schei­dung sei­nes Beweis­an­trags [2].

Auf die­sem Ver­fah­rens­feh­ler konn­te im vor­lie­gen­den das ange­foch­te­ne Urteil auch beru­hen (§ 337 Abs. 1 StPO), zumal sich aus dem vom Vor­sit­zen­den ver­le­se­nen Ver­merk nicht ergab, dass die Zeu­gin uner­reich­bar war.

Ein Zeu­ge ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur uner­reich­bar, wenn der Tatrich­ter unter Beach­tung der ihm oblie­gen­den Auf­klä­rungs­pflicht alle der Bedeu­tung des Bewei­ses ent­spre­chen­den Bemü­hun­gen zur Bei­brin­gung des Zeu­gen ver­geb­lich ent­fal­tet hat und kei­ne begrün­de­te Aus­sicht besteht, dass der Zeu­ge in abseh­ba­rer Zeit von dem Gericht als Beweis­mit­tel her­an­ge­zo­gen wer­den kann [3].

Dar­an fehl­te es im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall: Aus dem vom Vor­sit­zen­den ver­le­se­nen Ver­merk lässt sich nicht ent­neh­men, wel­che kon­kre­ten Prü­fun­gen die ermit­teln­den Poli­zei­be­am­ten zur Auf­fin­dung der Zeu­gin unter­nom­men haben.

Dass ein Zeu­ge unbe­kannt ver­zo­gen ist, macht ihn nicht ohne wei­te­res uner­reich­bar. Dass ein Zeu­ge unbe­kannt ver­zo­gen ist, macht ihn nicht ohne wei­te­res uner­reich­bar. Da somit die tat­säch­li­chen Grund­la­gen für eine ord­nungs­ge­mä­ße Prü­fung des Ableh­nungs­grun­des der Uner­reich­bar­keit feh­len, kann dies der Bun­des­ge­richts­hof wegen des feh­len­den Gerichts­be­schlus­ses nach § 244 Abs. 6 Satz 1 StPO nicht ohne wei­te­res unter­stel­len [4].

Die begrün­de­te Ver­fah­rens­rüge gebie­tet die Auf­he­bung der Ver­ur­tei­lung des Beschwer­de­füh­rers mit den zu Grun­de lie­gen­den Fest­stel­lun­gen. Der Bun­des­ge­richts­hof kann auch mit Blick auf die vom Ange­klag­ten ein­ge­räum­te Anwe­sen­heit am Tat­ort nicht aus­schlie­ßen, dass im Fall einer ver­fah­rens­feh­ler­frei­en Behand­lung des Beweis­an­trags eine Ver­ur­tei­lung wegen beson­ders schwe­rer räu­be­ri­scher Erpres­sung nicht erfolgt wäre. Dies gilt hier vor allem auch des­halb, weil bei einer Ver­neh­mung der Zeu­gin die Ein­las­sung des Ange­klag­ten bestä­tigt und gleich­zei­tig die Glaub­wür­dig­keit des Haupt­be­las­tungs­zeu­gen in Zwei­fel hät­te gezo­gen wer­den kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Dezem­ber 2019 – 1 StR 517/​19

  1. BGH, Beschluss vom 10.05.1983 – 5 StR 221/​83 Rn. 2; LR/​Becker, StPO, 27. Aufl., § 244 Rn. 132, jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 03.03.1999 – 5 StR 566/​98 Rn. 2; vom 04.08.1983 – 1 StR 341/​83, NStZ 1983, 568; und vom 10.05.1983 – 5 StR 221/​83 Rn. 2[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.11.2016 – 2 StR 556/​15 Rn. 11; und vom 04.08.1992 – 1 StR 246/​92 Rn. 6, BGHR StPO § 244 Abs. 3 Satz 2 Uner­reich­bar­keit 13 jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 10.05.1983 – 5 StR 221/​83 Rn. 3[]