Der nicht mehr zur Rechts­an­walt­schaft zuge­las­se­ne Pflicht­ver­tei­di­ger

In einem Fall not­wen­di­ger Ver­tei­di­gung (§ 140 Abs. 1 Nr. 1, 2 und 5 StPO) begrün­det die allei­ni­ge Mit­wir­kung eines nicht als Rechts­an­walt zuge­las­se­nen Pflicht­ver­tei­di­gers an der Haupt­ver­hand­lung den abso­lu­ten Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 5 StPO1.

Der nicht mehr zur Rechts­an­walt­schaft zuge­las­se­ne Pflicht­ver­tei­di­ger

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bean­stan­de­te der Ange­klag­te, er sei wäh­rend der ers­ten bei­den Haupt­ver­hand­lungs­ta­ge am 15. und 16.01.2018 durch den Pflicht­ver­tei­di­ger Rechts­an­walt W. nicht ord­nungs­ge­mäß ver­tei­digt gewe­sen, da die­ser "nach gesi­cher­ter Erkennt­nis" seit dem 29.12 2017 bestands­kräf­tig nicht mehr zur Rechts­an­walt­schaft zuge­las­sen gewe­sen sei. Aus daten­schutz­recht­li­chen Grün­den kön­ne jedoch nicht mit­ge­teilt wer­den, woher die­se Erkennt­nis stam­me. Am fünf­ten Ver­hand­lungs­tag sei dem Ange­klag­ten Rechts­an­walt B. als wei­te­rer Pflicht­ver­tei­di­ger bestellt und am sechs­ten Ver­hand­lungs­tag Rechts­an­walt W. ent­pflich­tet wor­den, der vom drit­ten bis fünf­ten Ver­hand­lungs­tag wegen Krank­heit nicht erschie­nen sei. An den ers­ten bei­den Haupt­ver­hand­lungs­ta­gen sei wäh­rend eines wesent­li­chen Teils der Haupt­ver­hand­lung, der Ver­le­sung der Ankla­ge, den Mit­tei­lun­gen gemäß § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO, den Anga­ben des Ange­klag­ten zu sei­nen per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen und sei­ner Ein­las­sung zur Sache kein zuge­las­se­ner Ver­tei­di­ger zuge­gen gewe­sen. Die­ser Ver­hand­lungs­teil sei auch nicht wie­der­holt wor­den.

Rechts­an­walt B. erhielt auf sei­ne Anfra­ge bei der Rechts­an­walts­kam­mer für den Ober­lan­des­ge­richts­be­zirk Mün­chen, ob die Zulas­sung von Rechts­an­walt W. im Zeit­raum vom 15.01.2018 bis 29.01.2018 bestands­kräf­tig nicht mehr gege­ben gewe­sen sei, ledig­lich die Aus­kunft, Rechts­an­walt W. sei nicht mehr zur Rechts­an­walt­schaft zuge­las­sen. Wei­te­re Aus­künf­te dürf­ten auf­grund der Ver­schwie­gen­heits­pflicht gemäß § 76 Abs. 1 BRAO nicht erteilt wer­den. Ein wei­te­res Aus­kunfts­be­geh­ren des Rechts­an­walts an den Prä­si­den­ten des Land­ge­richts Mün­chen – II ergab, dass dort kei­ne Erkennt­nis­se vor­lä­gen. Eine Anfra­ge an Rechts­an­walt W. selbst blieb unbe­ant­wor­tet.

Der Bun­des­ge­richts­hof sah die­se Rüge ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Gene­ral­bun­des­an­walts als zuläs­sig erho­ben an (§ 344 Abs. 2 Satz 2 StPO).

Der Gene­ral­bun­des­an­walt meint, die vom Revi­si­ons­füh­rer ent­fal­te­ten Bemü­hun­gen, die "gesi­cher­te Erkennt­nis" ander­wei­tig zu veri­fi­zie­ren, hät­ten nicht aus­ge­reicht. Es hät­te einer Wie­der­ho­lung der Anfra­ge bei der Rechts­an­walts­kam­mer bedurft. Außer­dem habe die Revi­si­on nicht vor­ge­tra­gen, ob der Wahl­ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten an den ers­ten bei­den Haupt­ver­hand­lungs­ta­gen anwe­send gewe­sen sei und auch nicht, dass Rechts­an­walt B. dem Ange­klag­ten am zwei­ten Haupt­ver­hand­lungs­tag für die Dau­er der Abwe­sen­heit von Rechts­an­walt W. zum Pflicht­ver­tei­di­ger bestellt wor­den sei und wäh­rend des­sen Abwe­sen­heit von 10.37 bis 11.58 Uhr die Ver­tei­di­gung über­nom­men habe.

Der Anga­be des kur­zen Zeit­raums von 10.37 bis 11.58 Uhr, wäh­rend­des­sen der neu bestell­te Pflicht­ver­tei­di­ger anwe­send war, bedurf­te es indes nicht, da sich bereits aus dem übri­gen Vor­trag die Abwe­sen­heit eines Ver­tei­di­gers im ver­blei­ben­den Zeit­raum bei wesent­li­chen Ver­hand­lungs­tei­len ergab, der die Revi­si­on begrün­det. Inso­weit muss­te die Revi­si­on auch nicht aus­drück­lich dar­auf hin­wei­sen, dass eben­falls der Wahl­ver­tei­di­ger nicht anwe­send war, da sich aus dem Revi­si­ons­vor­trag ergibt, dass mit Aus­nah­me von Rechts­an­walt W. kein Ver­tei­di­ger anwe­send war. Eine wei­te­re Anfra­ge bei der Rechts­an­walts­kam­mer war ent­behr­lich, da die­se wei­te­re Aus­künf­te bereits unter Hin­weis auf ihre Ver­schwie­gen­heits­pflicht ver­wei­gert hat­te und der Revi­si­ons­füh­rer dar­auf­hin wei­te­re Bemü­hun­gen in Gestalt einer Anfra­ge bei dem Prä­si­den­ten des Land­ge­richts Mün­chen – II sowie bei Rechts­an­walt W. direkt ent­fal­tet hat­te.

Die Ver­fah­rens­rüge ist begrün­det.

Dem Ange­klag­ten war Rechts­an­walt W. als Pflicht­ver­tei­di­ger bei­geord­net wor­den. Die­ser trat in den bei­den Haupt­ver­hand­lungs­ter­mi­nen vor der Jugend­kam­mer am 15. und 16.01.2018 als des­sen allei­ni­ger Ver­tei­di­ger auf. Mit Schrei­ben vom 19.02.2019 teil­te der Prä­si­dent der Rechts­an­walts­kam­mer für den Ober­lan­des­ge­richts­be­zirk Mün­chen dem Bun­des­ge­richts­hof auf des­sen Anfra­ge mit, dass Asses­sor W. seit 29.12 2017 nicht mehr zur Rechts­an­walt­schaft zuge­las­sen sei. Infol­ge­des­sen durf­te der ehe­ma­li­ge Rechts­an­walt zur Zeit der Haupt­ver­hand­lung nicht mehr als Ver­tei­di­ger auf­tre­ten (§§ 142, 138 Abs. 1 StPO).

Da es sich vor­lie­gend um einen Fall not­wen­di­ger Ver­tei­di­gung han­delt (§ 140 Abs. 1 Nr. 1, 2 und 5 StPO), begrün­det die allei­ni­ge Mit­wir­kung eines nicht als Rechts­an­walt zuge­las­se­nen Schein­ver­tei­di­gers an der Haupt­ver­hand­lung den abso­lu­ten Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 5 StPO2.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. März 2019 – 1 StR 532/​18

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 05.02.2002 – 5 StR 617/​01, BGHSt 47, 238, 239, 242; und vom 20.06.2006 – 4 StR 192/​06 Rn. 4 []
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 05.02.2002 – 5 StR 617/​01, BGHSt 47, 238, 239, 242; und vom 20.06.2006 – 4 StR 192/​06 Rn. 4 []