Der erschli­che­ne Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss

Ein Rechts­an­walt, der einen Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss erwirkt, obwohl ihm bekannt ist, dass der zugrun­de lie­gen­de Voll­stre­ckungs­ti­tel auf­ge­ho­ben wur­de, macht sich hier­durch nicht eines voll­ende­ten Betru­ges schul­dig.

Der erschli­che­ne Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bean­trag­te der ange­klag­te Rechts­an­walt am 14.08.2012 bei der zu die­sem Zeit­punkt zustän­di­gen Rechts­pfle­ge­rin beim Amts­ge­richt Hild­burg­hau­sen den Erlass eines Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses gegen die M. GmbH auf Grund eines Voll­stre­ckungs­be­schei­des des Amts­ge­richts Aschers­le­ben vom 14.12 2011. Der Rechts­an­walt ver­schwieg dabei, dass die­ser Voll­stre­ckungs­be­scheid – was ihm bekannt war – bereits mit Urteil des Land­ge­richts Bam­berg vom 29.05.2012 auf­ge­ho­ben wor­den war, das Amts­ge­richt Bam­berg am 18.06.2012 beschlos­sen hat­te, die Zwangs­voll­stre­ckung aus dem am 26.01.2012 auf Grund­la­ge des Voll­stre­ckungs­be­schei­des des Amts­ge­richts Aschers­le­ben erlas­se­nen Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses gegen die M. GmbH einst­wei­lig ein­zu­stel­len, und das Amts­ge­richt Bam­berg den vor­be­zeich­ne­ten Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss am 7.08.2012 auf­ge­ho­ben hat­te.

Die Rechts­pfle­ge­rin des Amts­ge­richts Hild­burg­hau­sen, der die Vor­gän­ge beim Amts- und Land­ge­richt Bam­berg nicht bekannt waren und die des­halb davon aus­ging, dass kei­ne Voll­stre­ckungs­hin­der­nis­se bestün­den, erließ am 1.11.2012 den bean­trag­ten Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss über eine Haupt­for­de­rung in Höhe von 1.921.451, 58 € zuzüg­lich Zin­sen und abzüg­lich seit März 2012 von einer Dritt­schuld­ne­rin gezahl­ter 100.000 €. Am 23.11.2012 hob das Amts­ge­richt Hild­burg­hau­sen den Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss auf.

Das Land­ge­richt Mei­nin­gen ist der Ansicht, dass auf­grund des beim Amts­ge­richt Hild­burg­hau­sen erschli­che­nen Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses "das Ver­mö­gen der M. GmbH in Höhe von 1.921.451, 58 € zuzüg­lich Neben­for­de- run­gen gefähr­det" gewe­sen sei.

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs tra­gen die getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen den Schuld­spruch wegen (voll­ende­ten) Betrugs nicht:

Wie der Gene­ral­bun­des­an­walt im Ein­zel­nen zutref­fend aus­ge­führt hat, hat der Rechts­an­walt zwar mit sei­nem Antrag auf Erlass eines Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses vom 14.08.2012 die zustän­di­ge Rechts­pfle­ge­rin beim Amts­ge­richt Hild­burg­hau­sen über das Vor­lie­gen eines voll­streck­ba­ren Schuld­ti­tels gegen die M. GmbH getäuscht und dadurch einen ent­spre­chen­den Irr­tum bei ihr her­vor­ge­ru­fen. In dem Erlass des Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses vom 01.11.2012 ist dem Grun­de nach auch eine Ver­mö­gens­ver­fü­gung des Voll­stre­ckungs­ge­richts zum Nach­teil der M. GmbH im Sin­ne von § 263 Abs. 1 StGB zu sehen 1, weil dem Dritt­schuld­ner die Zah­lung an den Voll­stre­ckungs­schuld­ner unter­sagt (§ 829 Abs. 1 Satz 1 ZPO), letz­te­rem die Ver­fü­gungs­be­fug­nis über die gepfän­de­te For­de­rung ent­zo­gen (§ 829 Abs. 1 Satz 2 ZPO) und dem Voll­stre­ckungs­gläu­bi­ger das Recht ver­lie­hen wird, die For­de­rung im eige­nen Namen gel­tend zu machen und ein­zu­zie­hen (§ 835 Abs. 1, § 836 Abs. 1 ZPO).

Die Fest­stel­lun­gen bele­gen aber bis­lang nicht hin­rei­chend den Ein­tritt eines Ver­mö­gens­scha­dens. Das Land­ge­richt hat eine scha­dens­glei­che Gefähr­dung des Ver­mö­gens der M. GmbH durch den Erlass des Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses in Höhe der in dem Voll­stre­ckungs­be­scheid titu­lier­ten 1.921.451, 58 € zuzüg­lich Neben­for­de­run­gen ange­nom­men. Dies hält recht­li­cher Nach­prü­fung nicht stand.

Ein tat­be­stands­mä­ßi­ger Gefähr­dungs­scha­den ist gege­ben, wenn die Wahr­schein­lich­keit eines end­gül­ti­gen Ver­lusts eines Ver­mö­gens­be­stand­teils so groß ist, dass dies bereits im Zeit­punkt der Ver­mö­gens­ver­fü­gung eine objek­ti­ve Min­de­rung des Gesamt­ver­mö­gens­werts zur Fol­ge hat 2. Die blo­ße Mög­lich­keit des Ein­tritts eines sol­chen Scha­dens genügt nicht. Von ein­fach gela­ger­ten und ein­deu­ti­gen Fäl­len abge­se­hen, etwa bei einem ohne Wei­te­res greif­ba­ren Min­dest­scha­den, muss der Ver­mö­gens­scha­den der Höhe nach bezif­fert und dies in wirt­schaft­lich nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se in den Urteils­grün­den dar­ge­legt wer­den 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist eine scha­dens­glei­che Ver­mö­gens­ge­fähr­dung durch die Fest­stel­lun­gen nicht hin­rei­chend belegt.

Das Land­ge­richt geht bereits im Ansatz unzu­tref­fend davon aus, dass das Ver­mö­gen der M. GmbH durch den Erlass des Pfän­dungs- und Über­wei- sungs­be­schlus­ses in Höhe der in dem Voll­stre­ckungs­be­scheid titu­lier­ten 1.921.451, 58 € zuzüg­lich Neben­for­de­run­gen gefähr­det wor­den sei. Dabei über­sieht es, dass von der titu­lier­ten For­de­rung die zuvor gezahl­ten 100.000 € in Abzug zu brin­gen wären.

Aber auch im Übri­gen ist eine hin­rei­chend gro­ße Ver­lust­wahr­schein­lich­keit, die zu einer gegen­wär­ti­gen – bezif­fer­ba­ren – Min­de­rung des Ver­mö­gens der M. GmbH hät­te füh­ren kön­nen, nicht aus­rei­chend fest­ge­stellt. Denn der Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss vom 01.11.2012 ent­fal­te­te kei­ner­lei Rechts­wir­kun­gen, weil es bereits im Zeit­punkt sei­nes Erlas­ses an einem voll­streck­ba­ren Titel und damit an einer schlecht­hin uner­läss­li­chen Vor­aus­set­zung der Zwangs­voll­stre­ckung man­gel­te, nach­dem der Voll­stre­ckungs­be­scheid des Amts­ge­richts Aschers­le­ben vom 14.12 2011 durch das Urteil des Land­ge­richts Bam­berg vom 29.05.2012 auf­ge­ho­ben wor­den war (§ 717 Abs. 1 ZPO). Dar­in liegt ein beson­ders schwer­wie­gen­der Feh­ler, der für einen mit den Umstän­den ver­trau­ten, ver­stän­di­gen Beob­ach­ter ohne wei­te­res ersicht­lich, mit­hin offen­kun­dig ist und somit zur Nich­tig­keit des Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses führt 4. Die Dritt­schuld­ne­rin, der nach den Fest­stel­lun­gen zudem bereits vor Erlass des Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses durch das Amts­ge­richt Hild­burg­hau­sen bekannt war, dass der die­sem Beschluss zugrun­de­lie­gen­de Voll­stre­ckungs­be­scheid des Amts­ge­richts Aschers­le­ben auf­ge­ho­ben wor­den war, hät­te sich dem­nach durch Zah­lun­gen an den Rechts­an­walt von vorn­her­ein nicht von ihren Ver­bind­lich­kei­ten gegen­über der M. GmbH befrei­en kön­nen.

Der Schuld­spruch kann auch nicht des­we­gen bestehen blei­ben, weil – wie das Land­ge­richt meint – der M. GmbH die Durch­set­zung ihrer For­de­run- gen gegen­über der Dritt­schuld­ne­rin "erheb­lich erschwert" wor­den sei, weil sich die­se "auf eine angeb­lich schuld­be­frei­en­de Zah­lung an den Rechts­an­walt beruft und die For­de­run­gen wahr­schein­lich gericht­lich gel­tend gemacht wer­den müs­sen". Zwar kann ein nicht uner­heb­li­ches Pro­zess­ri­si­ko unter dem Gesichts­punkt der scha­dens­glei­chen Ver­mö­gens­ge­fähr­dung einen Betrugs­scha­den begrün­den 5. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist es im Hin­blick auf das Bestimmt­heits­ge­bot des Art. 103 Abs. 2 GG aber erfor­der­lich, eigen­stän­di­ge Fest­stel­lun­gen zum Vor­lie­gen des Ver­mö­gens­scha­dens zu tref­fen, um so die­ses Tat­be­stands­merk­mal von den übri­gen Tat­be­stands­merk­ma­len des § 263 Abs. 1 StGB sowie die Fäl­le des ver­such­ten von denen des voll­ende­ten Betrugs hin­rei­chend deut­lich abzu­gren­zen, mit­hin den Scha­den der Höhe nach zu bezif­fern und sei­ne Ermitt­lung in wirt­schaft­lich nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se in den Urteils­grün­den dar­zu­le­gen 6.

Dar­an fehlt es hier. Weder ist ersicht­lich, nach wel­chen wirt­schaft­lich nach­voll­zieh­ba­ren Maß­stä­ben ein bezif­fer­ba­rer Ver­mö­gens­scha­den allein in dem Bestehen eines – hier zudem nicht ohne Wei­te­res ersicht­li­chen, jeden­falls nicht näher fest­ge­stell­ten – zivil­recht­li­chen Pro­zess­ri­si­kos lie­gen kann, noch wer­den Para­me­ter für die Berech­nung der Höhe eines sol­chen Scha­dens erkenn­bar 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2016 – 2 StR 497/​15

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.04.2001 – 1 StR 82/​01, BGHR StGB § 263 Abs. 1 Täu­schung 19; und vom 19.11.2013 – 4 StR 292/​13, BGHSt 59, 68, 72 f.[]
  2. vgl. Fischer, StGB, 63. Aufl., § 263 Rn. 159 mwN[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 07.12 2011 – 2 BvR 2500/​09 u.a., BVerfGE 130, 1, 47[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 17.12 1992 – IX ZR 226/​91, BGHZ 121, 98, 101 ff.; Beschluss vom 09.07.2014 – VII ZB 9/​13, NJW 2014, 2732, 2733; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 74. Aufl., Grund­zü­ge § 704 Rn. 57; Stö­ber in Zöl­ler, ZPO, 31. Aufl., vor § 704 Rn. 34, Lack­mann in Musielak/​Voit, ZPO, 13. Aufl., Vor­be­mer­kung zu § 704 Rn. 32; Kindl in Saen­ger, ZPO, 6. Aufl., vor § 704945 Rn. 21; Sei­ler in Thomas/​Putzo, ZPO, 37. Aufl., Vor­be­mer­kung – VIII zu § 704 Rn. 58, jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 08.05.1990 – 1 StR 52/​90, BGHGR StGB § 263 Abs. 1 Ver­mö­gens­scha­den 24; Beschluss vom 08.06.2011 – 3 StR 115/​11, BGHR StGB § 263 Abs. 1 Ver­mö­gens­scha­den 75 mwN[]
  6. vgl. bereits BVerfG, Beschluss vom 23.06.2010 – 2 BvR 2559/​08 u.a., BVerfGE 126, 170, 211 f.; Beschluss vom 07.12 2011 – 2 BvR 2500/​09 u.a., BVerfGE 130, 1, 47[]
  7. vgl. auch BGH, Beschluss vom 08.06.2011 – 3 StR 115/​11, BGHR StGB § 263 Abs. 1 Ver­mö­gens­scha­den 75[]