Der Pflicht­ver­tei­di­ger, die Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist und der Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens

Das Gericht ver­stößt gegen den Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens, wenn es über einen zeit­gleich mit der Ein­le­gung der Revi­si­on gestell­ten Antrag auf Bei­ord­nung eines Pflicht­ver­tei­di­gers für das Revi­si­ons­ver­fah­ren erst nach Ablauf der Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist ent­schei­det.

Der Pflicht­ver­tei­di­ger, die Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist und der Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens

Hat ein Ange­klag­ter wegen eines Ver­sto­ßes gegen den Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens die Revi­si­on nicht recht­zei­tig begrün­det, ist er über die Mög­lich­keit der Wie­der­ein­set­zung zu beleh­ren. Vor Ein­gang der Revi­si­ons­be­grün­dung (ver­säum­te Hand­lung) ist das Ober­lan­des­ge­richt gehin­dert, Wie­der­ein­set­zung ohne Antrag zu gewäh­ren.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig hat die Ange­klag­te die Revi­si­on zwar nicht inner­halb der Monats­frist des § 345 Abs. 1 S. 2 StPO begrün­det. Der Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung ist aber – jeden­falls der­zeit – den­noch nicht unbe­grün­det, weil die Kam­mer den Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens ver­letzt hat und die Ange­klag­te des­halb über die Mög­lich­keit der Wie­der­ein­set­zung zu beleh­ren ist [1]. Eine Ver­let­zung der Ver­fah­rens­fair­ness liegt vor, weil die Kam­mer den nach dem Wort­laut auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten gerich­te­te Antrag vom 07.08.2013 als sol­chen auf Bei­ord­nung eines Pflicht­ver­tei­di­gers hät­te anse­hen [2] und recht­zei­tig vor Ablauf der Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist hier­über hät­te ent­schei­den müs­sen. Durch die zeit­glei­che Ent­schei­dung wur­de der Ange­klag­ten die Mög­lich­keit genom­men, die Revi­si­ons­be­grün­dung mit Hil­fe eines Pflicht­ver­tei­di­gers, des­sen Bei­ord­nung gebo­ten war, zu fer­ti­gen.

Nach­dem die Kam­mer den – als Bei­ord­nungs­ge­such anzu­se­hen­den – Antrag vom 07.08.2013 durch den ange­foch­te­nen Beschluss nach Ablauf der Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist abge­lehnt hat, ist der Senat im hier­ge­gen gerich­te­ten Beschwer­de­ver­fah­ren – erst­in­stanz­lich bleibt wei­ter­hin der Kam­mer­vor­sit­zen­de zustän­dig [3] – gemäß § 140 Abs. 2 StPO zur Bei­ord­nung beru­fen. Denn die Ange­klag­te greift mit ihrem „Antrag auf Über­prü­fung des Ver­wer­fungs­be­schlus­ses“ auch die im Beschluss vom 30.09.2013 getrof­fe­ne Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ent­schei­dung und damit die Ableh­nung des Bei­ord­nungs­an­trags vom 07.08.2013 an.

Die Kam­mer hät­te der Ange­klag­ten einen Pflicht­ver­tei­di­ger bei­ord­nen müs­sen. Zwar recht­fer­tigt allein die beson­de­re Schwie­rig­keit des Revi­si­ons­ver­fah­rens kei­ne Bei­ord­nung, weil ein Ange­klag­ter die Revi­si­ons­be­grün­dung zu Pro­to­koll des Urkund­s­be­am­ten erklä­ren kann [4] und auf die­se Wei­se die erfor­der­li­che Unter­stüt­zung bei der Erfül­lung der Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen erfährt [5]. Anders ist jedoch zu ent­schei­den, wenn beson­ders schwie­ri­ge Revi­si­ons­rü­gen im Raum ste­hen, die den Urkund­s­be­am­ten erkenn­bar über­for­dern [6]. Ob die Ange­klag­te im kon­kre­ten Fall schon des­halb nicht mehr an die Urkund­s­be­am­tin ver­wie­sen wer­den kann, nach­dem sie von die­ser nicht dar­über belehrt wor­den ist, dass der Straf­pro­zess­ord­nung für Ange­klag­te das Rechts­in­sti­tut der Pro­zess­kos­ten­hil­fe fremd ist, kann dahin ste­hen. Die Bei­ord­nung ist hier jeden­falls gebo­ten, weil – neben der all­ge­mei­nen Sach­rü­ge – die Rüge der Beschrän­kung der Ver­tei­di­gung (§ 338 Nr. 5 StPO) in der Form des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO [7], also eine schwie­ri­ge Ver­fah­rens­rüge, in Betracht kommt. Die Mit­wir­kung eines not­wen­di­gen Ver­tei­di­gers im tatrich­ter­li­chen Ver­fah­ren könn­te hier gemäß § 140 Abs. 2 StPO wegen der Unfä­hig­keit der Ange­klag­ten zur Selbst­ver­tei­di­gung gebo­ten gewe­sen sein, weil die Ange­klag­te als Fol­ge eines Ver­kehrs­un­falls eine blei­ben­de Schä­di­gung des Gehirns erlit­ten hat, die mit wahn­haf­ten Stö­run­gen, einer Ent­hem­mung, Kri­tik­min­de­rung, einer gestei­ger­ten Impul­si­vi­tät sowie peri­odi­schen depres­si­ven Ver­stim­mun­gen ein­her­geht, wes­halb sich die Kam­mer auf der Grund­la­ge eines schrift­li­chen Gut­ach­tens des Sach­ver­stän­di­gen Dr. D. mit der Schuld­fä­hig­keit der Ange­klag­ten aus­ein­an­der­ge­setzt hat. In sol­chen Fäl­len ist regel­mä­ßig schon des­halb ein Pflicht­ver­tei­di­ger bei­zu­ord­nen, weil nur ein Ver­tei­di­ger das Recht auf umfas­sen­de Akten­ein­sicht hat [8]. Hin­zu kommt die wei­te­re Schwie­rig­keit, dass der Sach­ver­stän­di­ge Dr. D. die Schuld­fä­hig­keit im vor­lie­gen­den Fall anders bewer­tet hat als im Siche­rungs­ver­fah­ren 9 KLs 49/​11, was – mag die Begrün­dung für die abwei­chen­de Bewer­tung auch nach­voll­zieh­bar sein – eben­falls die not­wen­di­ge Mit­wir­kung eines Ver­tei­di­gers recht­fer­ti­gen könn­te.

Im Gegen­satz zur Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Olden­burg [9] ist die Ange­klag­te ledig­lich über die Wie­der­ein­set­zungs­mög­lich­keit zu beleh­ren [10]. Wie­der­ein­set­zung kann noch nicht gewährt wer­den, weil hier­für die Nach­ho­lung der ver­säum­ten Hand­lung not­wen­dig ist, § 45 Abs. 2 S. 2 u. 3 StPO [11]. Dafür steht der Ange­klag­ten nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine Frist von ledig­lich einer Woche zur Ver­fü­gung [12]. Ein Fall, der aus­nahms­wei­se zur Monats­frist führt [13] liegt nicht vor. Die Wie­der­ein­set­zungs­frist beginnt mit Zustel­lung die­ses Beschlus­ses [10]

Nach Ablauf der Frist wird das Ober­lan­des­ge­richt über den Antrag nach § 346 Abs. 2 S. 1 StPO ent­schei­den [14].

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 20. Novem­ber 2013 – 1 Ws 366/​13

  1. zur Beleh­rungs­pflicht in sol­chen Fäl­len: BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12[]
  2. vgl. KG, Beschluss vom 14.01.1997 – 1 AR 9/​97, 5 Ws 19/​97[]
  3. BGH, Beschluss vom 26.08.2008 – 4 StR 373/​08; Mey­er-Goß­ner, StPO, 56. Aufl., § 141 Rn. 6[]
  4. OLG Hamm, Beschluss vom 13.09.2012 – III‑3 Ws 249/​12, Rn. 2; KG, Beschluss vom 08.08.2006 – 2 AR 76/​06, 5 Ws 284/​06, 5 Ws 348 – 355/​06[]
  5. hier­zu: BVerfG, Beschluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12[]
  6. KG, a.a.O., Rn. 9; OLG Hamm, a.a.O., Rn. 2[]
  7. zu den Anfor­de­run­gen: OLG Hamm, Urteil vom 12.02.2008 – 3 Ss 541/​07[]
  8. vgl. hier­zu: OLG Hamm, Beschluss vom 12.12.1986 – 4 Ss 1434/​86; Bay­O­bLG, Beschluss vom 21.07.1993, 4 StRR 109/​93; Lüderssen/​Jahn in Löwe-Rosen­berg, StPO, 26. Aufl., § 140 Rn. 76 m.w.N.[]
  9. OLG Olden­burg, NStZ 2012, 51[]
  10. vgl. BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12[][]
  11. BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 10.10.2012 – 2 BvR 1095/​12[]
  12. BGH, Beschluss vom 27.05.2008 – 3 StR 173/​08; BGH, Beschluss vom 12.03.1996 – 1 StR 710/​95[]
  13. dazu: BGH St 26, 335, 338 [Ver­stoß gegen § 146 StPO][]
  14. zum wei­te­ren Ver­fah­ren: Geri­cke in Karls­ru­her Kom­men­tar, StPO, 7. Aufl., § 346 Rn. 29 ff.[]