Der Straf­an­trag des Betreu­ers

Ein vom Amts­ge­richt bestell­ter Betreu­er kann für den von ihm Betreu­ten wirk­sam einen Straf­an­trag stel­len, auch wenn sich der Auf­ga­ben­kreis nicht aus­drück­lich auf eine Straf­an­trag­stel­lung erstreckt.

Der Straf­an­trag des Betreu­ers

Der Betreu­er ist nach § 77 Abs. 3 StGB berech­tigt, als der­je­ni­ge, dem die Sor­ge für die betreu­te Per­son zusteht, einen Straf­an­trag gemäß §§ 247, 266 Abs. 2 StGB zu stel­len. Einer aus­drück­li­chen Zuwei­sung der Straf­an­trags­be­fug­nis bedurf­te es ange­sichts der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben­krei­se im vor­lie­gen­den Fall nicht. Letzt­lich kann dahin­ste­hen, ob bei Über­tra­gung der­art weit­rei­chen­der Auf­ga­ben­krei­se, die neben den Berei­chen der Ver­mö­gens­sor­ge und der Antrag­stel­lung gegen­über Behör­den auch weit­ge­hen­de per­sön­li­che Belan­ge betref­fen, die Straf­an­trags­be­fug­nis nach § 247 StGB geson­dert über­tra­gen wer­den muss 1. Denn im vor­lie­gen­den Fall ergab sich die Not­wen­dig­keit einer gesetz­li­chen Betreu­ung gera­de aus der Auf­de­ckung mög­li­cher Untreue­vor­wür­fe. Die Klä­rung und Ent­schei­dung der dring­lich gewor­de­nen Fra­ge, wel­che Maß­nah­men im Ein­zel­nen zu ergrei­fen sind, so auch, ob im Namen der Betreu­ten ein Straf­an­trag zu stel­len ist, war dem­ge­mäß Teil des objek­ti­ven Betreu­ungs­be­darfs der betreu­ten Per­son.

Der im Betreu­ungs­recht gel­ten­de Erfor­der­lich­keits­grund­satz 2 steht hier der Annah­me der Straf­an­trags­be­fug­nis nicht ent­ge­gen. Nach § 1896 Abs. 2 Satz 1 BGB darf ein Betreu­er nur für Auf­ga­ben­krei­se bestellt wer­den, in denen die Betreu­ung erfor­der­lich ist. Ob und für wel­che Auf­ga­ben­be­rei­che ein Betreu­ungs­be­darf besteht, ist auf­grund der kon­kre­ten, gegen­wär­ti­gen Lebens­si­tua­ti­on des Betrof­fe­nen zu beur­tei­len 3. Die Rege­lung ver­langt nicht, dass bei der Bestim­mung der jewei­li­gen Auf­ga­ben­krei­se die ein­zel­nen Besor­gun­gen, die dem Betreu­er zukom­men, ins­be­son­de­re die Rechts­ge­schäf­te, die er abzu­schlie­ßen hat, geson­dert bezeich­net wer­den müs­sen 4. Dar­aus folgt, dass die Straf­an­trags­be­fug­nis sich grund­sätz­lich aus bestimm­ten Auf­ga­ben­krei­sen erge­ben kann, die sich auch aus einem mög­li­cher­wei­se ver­letz­ten Rechts­gut ablei­ten las­sen 5.

Die Höchst­per­sön­lich­keit des Straf­an­trags­rechts gebie­tet eine aus­drück­li­che Über­tra­gung der Befug­nis nach § 77 Abs. 3 StGB auf den Betreu­er nicht.

Der Straf­an­trag ist ein an ein Straf­ver­fol­gungs­or­gan gerich­te­tes förm­li­ches Ver­lan­gen, eine bestimm­te Straf­tat zu ver­fol­gen 6. Die Ent­schei­dung dar­über, ob eine Tat im Hin­blick auf den von § 247 StGB geschütz­ten Fami­li­en­frie­den vom Ver­letz­ten als nicht straf­wür­dig hin­ge­nom­men 7 wer­den soll, ist zwar höchst­per­sön­li­cher Natur, sie steht aber – anders als der Gene­ral­bun­des­an­walt ursprüng­lich gemeint hat – nicht mit den gänz­lich betreu­ungs­feind­li­chen höchst­per­sön­li­chen Rech­ten wie den Rech­ten auf Ehe­schlie­ßung und auf Errich­tung eines Tes­ta­ments auf einer Stu­fe, bei denen weder eine Ver­tre­tung in der Erklä­rung und im Wil­len noch ein Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt nach § 1903 Abs. 2 BGB zuläs­sig ist. Dies folgt schon dar­aus, dass die Straf­an­trags­be­fug­nis bei nicht voll geschäfts­fä­hi­gen Per­so­nen vom gesetz­li­chen Ver­tre­ter (§ 77 Abs. 3 StGB) wahr­ge­nom­men wird.

Der sich in der kon­kre­ten Lebens­si­tua­ti­on erge­ben­de Betreu­ungs­be­darf der betreu­ten Per­son umfass­te vor­lie­gend auch die Gel­tend­ma­chung und Durch­set­zung ihrer sich aus den etwai­gen Untreue­hand­lun­gen des Ange­klag­ten erge­ben­den Rech­te, ein­schließ­lich der Wahr­neh­mung ihrer Ver­letz­ten­rech­te nach § 77 Abs. 1, § 247 StGB.

Zum Zeit­punkt der Bestel­lung des vor­läu­fi­gen Betreu­ers stand der Ange­klag­te im Ver­dacht, Gel­der vom Kon­to der Betreu­ten ver­un­treut zu haben. Aus die­sem Grund hat Rechts­an­walt S. in sei­ner Funk­ti­on als Kon­troll­be­treu­er nach § 1896 Abs. 3 BGB die Vor­sor­ge­voll­macht wider­ru­fen; er wur­de im Wege der einst­wei­li­gen Anord­nung als vor­läu­fi­ger Betreu­er ein­ge­setzt. Die zum Zeit­punkt der Ein­rich­tung der Betreu­ung dring­lich gewor­de­ne Ent­schei­dung, ob der Ange­klag­te wegen der auf­ge­deck­ten Vor­wür­fe straf­recht­lich ver­folgt wer­den sol­le, konn­te nach § 77 Abs. 3 StGB nur durch einen Ver­tre­ter in per­sön­li­chen Ange­le­gen­hei­ten getrof­fen wer­den. Als sol­cher Ver­tre­ter wur­de Rechts­an­walt S. ein­ge­setzt und dabei mit umfas­sen­den ver­mö­gens­recht­li­chen und per­sön­li­chen Befug­nis­sen (u.a. Ver­mö­gens­sor­ge, Ver­tre­tung gegen­über Behör­den, Ent­ge­gen­nah­me und Öff­nen der Post) aus­ge­stat­tet. Dies ziel­te ersicht­lich auch dar­auf ab, ihm zu ermög­li­chen, auch das Straf­an­trags­recht gemäß § 77 Abs. 3, § 247 StGB wahr­zu­neh­men und die Scha­dens­er­satz­an­sprü­che der Betreu­ten (z.B. § 823 Abs. 2 BGB iVm § 266 Abs. 1 StGB) umfas­send, etwa durch Rück­griff auf straf­recht­li­che Ermitt­lungs­er­geb­nis­se gel­tend zu machen oder ver­mö­gens­recht­li­che Inter­es­sen mit den Mit­teln des Straf­ver­fah­rens­rechts (etwa Siche­rung der Ansprü­che nach § 73 Abs. 1 Satz 2 StGB, § 111b Abs. 5 StPO oder Inan­spruch­nah­me des Adhä­si­ons­ver­fah­rens nach §§ 403 ff. StPO) zu ver­fol­gen.

Für die Wirk­sam­keit des Straf­an­trags kommt es nicht auf einen etwai­gen ent­ge­gen­ste­hen­den natür­li­chen oder mut­maß­li­chen Wil­len der Betreu­ten an. Ob der Betreu­er bei Antrag­stel­lung dem Wohl und den Wün­schen der – hier: demenz­kran­ken – Betreu­ten , ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Wah­rung des Fami­li­en­frie­dens gerecht gewor­den ist – woge­gen nicht ein­mal Anhalts­punk­te vor­lie­gen –, war des­halb hier nicht zu ent­schei­den; dass ein poten­ti­el­ler Straf­ver­fol­gungs­wil­le des Betreu­ten nicht ermit­tel­bar ist, führt nicht zu einem (dau­er­haf­ten) Ver­fah­rens­hin­der­nis.

Zwar hat ein Betreu­er nach § 1901 Abs. 2 Satz 2 BGB den Wün­schen des Betreu­ten zu ent­spre­chen, soweit dies dem nach § 1901 Abs. 2 Satz 1 BGB maß­ge­ben­den Wohl des Betreu­ten nicht zuwi­der­läuft. Die­se Bin­dung des Betreu­ers gilt aber nur im Innen­ver­hält­nis zum Betreu­ten; die Rechts­macht des Betreu­ers, für den Betreu­ten zu han­deln, wird durch sie nicht beschränkt 8. Mit der Stel­lung eines Straf­an­trags setzt der Betreu­er – anders als bei Ent­schei­dun­gen über ärzt­li­che Heil­maß­nah­men nach der spe­zi­el­le­ren Pflich­ten­re­ge­lung des § 1901a Abs. 2 BGB 9 – kei­ne im Vor­aus getrof­fe­ne Ent­schei­dung des Ver­letz­ten um, son­dern nimmt nach § 77 Abs. 3 StGB die Befug­nis des Betreu­ten wahr 10. Er ist damit auch bei die­ser höchst­per­sön­li­chen Ent­schei­dung nach § 77 Abs. 3, § 247 StGB nicht nur Wil­lens­bo­te, son­dern trifft als Ver­tre­ter im Wil­len 11 eine eige­ne Ent­schei­dung für den Betreu­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Juli 2014 – 5 StR 46/​14

  1. so aber z.B. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 12.12 2012 – 3 Ws 397/​12, teil­wei­se in NStZ-RR 2014, 143 abge­druckt; OLG Cel­le, NStZ 2012, 702; OLG Köln, wis­tra 2005, 392; aA LG Ravens­burg, Fam­RZ 2001, 937[]
  2. vgl. Regie­rungs­ent­wurf eines Betreu­ungs­ge­set­zes, BT-Drs. 11/​4528, S. 58, 120[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 06.07.2011 – XII ZB 80/​11, NJW-RR 2011, 1506, 1507; Münch­Komm-BGB/­Schwab, 6. Aufl., § 1896 Rn. 39, 41; Palandt/​Götz, BGB, 73. Aufl., § 1896 Rn. 10[]
  4. vgl. Regie­rungs­ent­wurf, aaO, S. 121[]
  5. vgl. auch Münch­Komm-BGB/­Schwab aaO, Rn. 100[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 19.06.1956 – 5 StR 188/​56, GA 1957, 17, 19; LK/​Schmid, StGB, 12. Aufl., § 77 Rn. 6; Mey­er, Zur Rechts­na­tur und Funk­ti­on des Straf­an­trags, 1984, S. 1[]
  7. vgl. Mey­er, aaO S. 45[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 30.04.2008 – XII ZR 110/​06, BGHZ 176, 262, 271; Palandt/​Götz, BGB, 73. Aufl., § 1901 Rn. 2 und § 1902 Rn. 1; Münch­Komm- BGB/​Schwab aaO § 1901 Rn.20; vgl. zur Aus­nah­me bei Miss­brauch der Ver­tre­tungs­macht: Münch­Komm-BGB/­Schwab aaO, § 1902 Rn. 16[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 17.03.2003 – XII ZB 2/​03, BGHZ 154, 205, 213; Staudinger/​Bienwald, BGB, Neubearb.2013, § 1901a Rn. 7[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 17.12 1993 – 2 StR 649/​93, BGHR StGB § 77 Abs. 3 Antrags­recht 1; LK/​Schmid, StGB, 12. Aufl., § 77 Rn. 43[]
  11. vgl. Rudolphi/​Wolter in SK-StGB, 8. Aufl., § 77 Rn. 8 f.[]