Der im Straf­ur­teil fest­ge­stell­te Sach­ver­halt – und die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift

Weicht das vom Gericht fest­ge­stell­te Gesche­hen so weit von den in der Antrags­schrift geschil­der­ten geschicht­li­chen Vor­gän­gen ab, dass es sich nicht mehr als die von der Antrags­schrift bezeich­ne­te Tat im Sin­ne des § 264 Abs. 1 StPO dar­stellt, ist das Urteil des­halb inso­weit auf­zu­he­ben und das Ver­fah­ren ein­zu­stel­len.

Der im Straf­ur­teil fest­ge­stell­te Sach­ver­halt – und die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift

In einem sol­chen Fall ist die not­wen­di­ge Iden­ti­tät zwi­schen der Antrags­schrift und den aus­ge­ur­teil­ten Taten nicht gewahrt.

Die Wah­rung der Iden­ti­tät der pro­zes­sua­len Tat trotz Ver­än­de­rung des Tat­bil­des ist nach dem Kri­te­ri­um der „Näm­lich­keit” der Tat zu beur­tei­len. Eine sol­che ist gege­ben, wenn unge­ach­tet gewis­ser Dif­fe­ren­zen bestimm­te Merk­ma­le die Tat wei­ter­hin als ein­ma­li­ges unver­wech­sel­ba­res Gesche­hen kenn­zeich­nen 1. Das Tat­bild bestim­mend sind in der Regel der Ort und die Zeit des Vor­gangs, das Täter­ver­hal­ten, die ihm inne­woh­nen­de Rich­tung und das Opfer bezie­hungs­wei­se das Objekt, auf das sich der Vor­gang bezieht 2.

Kön­nen ein­zel­ne Sexu­al­ta­ten einer Tat­se­rie nur hin­sicht­lich des Tat­orts und der Bege­hungs­wei­se, nicht aber hin­sicht­lich der Tat­zeit näher bestimmt wer­den, so erlangt die Art und Wei­se der Tat­ver­wirk­li­chung maß­geb­li­che Bedeu­tung für die Indi­vi­dua­li­sie­rung der zum Gegen­stand einer Ankla­ge bzw. der Antrags­schrift und spä­ter des Eröff­nungs­be­schlus­ses gemach­ten Taten 3. Eben­so wie in der­ar­ti­gen Fäl­len an die Indi­vi­dua­li­sie­rung der Ein­zel­tat in der Ankla­ge- bzw. Antrags­schrift einer­seits und den Urteils­grün­den ande­rer­seits kei­ne zu stren­gen Anfor­de­run­gen zu stel­len sind, da ansons­ten wegen der begrenz­ten Erin­ne­rungs­fä­hig­keit des regel­mä­ßig ein­zi­gen Tat­zeu­gen nicht mehr ver­tret­ba­re Straf­bar­keits­lü­cken ent­stün­den, dür­fen auch Modi­fi­ka­tio­nen und Ergän­zun­gen, die das Tat­bild im Ver­gleich von Urteil zur Ankla­ge bzw. der Antrags­schrift erfährt, kei­ner zu stren­gen Betrach­tung unter­wor­fen wer­den 4.

Wei­chen bei einer Seri­en­tat die Fest­stel­lun­gen des Gerichts hin­sicht­lich der Tat­mo­da­li­tä­ten ein­zel­ner Taten gleich­wohl so deut­lich von den in der Ankla­ge- bzw. Antrags­schrift geschil­der­ten geschicht­li­chen Vor­gän­gen ab, dass mit ihnen ande­re als die zuvor bezeich­ne­ten Taten im Sin­ne von § 264 Abs. 1 StPO beschrie­ben sind, kann sie das Gericht nicht ohne Erhe­bung einer Nach­trags­an­kla­ge zum Gegen­stand einer Ver­ur­tei­lung machen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Febru­ar 2018 – 2 StR 390/​17

  1. BGH, Urteil vom 28.05.2002 – 5 StR 55/​02, Beck RS 2002, 4976
  2. BGH, Urteil vom 21.12 1983 – 2 StR 578/​83, BGHSt 32, 215, 218
  3. BGH, Beschluss vom 27.09.2011 – 3 StR 255/​11, NStZ 2012, 168, 169; Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 46
  4. BGH, Urteil vom 30.06.2005 – 3 StR 122/​05, NStZ-RR 2005, 320
  5. BGH, Beschluss vom 18.10.2016 – 3 StR 186/​16, Stra­Fo 2017, 26 f.; Urteil vom 30.10.2008 – 3 StR 375/​08, Stra­Fo 2009, 71 f.; Beschluss vom 29.03.2017 – 4 StR 516/​16 6