Der Streit um die Ände­rung der Recht­spre­chung – Senats­in­tern, BGH-Intern

Beim Bun­des­ge­richts­hof ver­sucht gera­de ein Straf­se­nat den ande­ren vor­zu­füh­ren.

Der Streit um die Ände­rung der Recht­spre­chung – Senats­in­tern, BGH-Intern

Was ist gesche­hen? Der 2. Straf­se­nat beab­sich­tig­te eine Recht­spre­chungs­än­de­rung und hat daher mit Beschluss vom 01.06.2016 1 gemäß § 132 Abs. 3 Satz 1 GVG bei den übri­gen Straf­se­na­ten ange­fragt, ob an ggfs. ent­ge­gen­ste­hen­der Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten wird. Aller­dings hat eine ande­re Spruch­grup­pe des anfra­gen­den 1. Straf­se­nats mit Urteil vom 22.09.2016 2 auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung ent­schie­den, von der aber ent­spre­chend des zuvor gefass­ten Anfra­ge­be­schlus­ses abge­wi­chen wer­den soll­te.

Der 1. Straf­se­nat nimmt dies nun auf und hält die Anfra­ge des 2. Straf­se­nats für unzu­läs­sig:

Das Anfra­ge­ver­fah­ren nach § 132 Abs. 3 GVG soll eine (über­flüs­si­ge) Vor­la­ge an den Gro­ßen 1. Straf­se­nat für Straf­sa­chen ver­mei­den, wenn näm­lich der Straf­se­nat, von des­sen Ent­schei­dung abge­wi­chen wer­den soll, auf Anfra­ge mit­teilt, an sei­ner bis­he­ri­gen Rechts­auf­fas­sung nicht län­ger fest­zu­hal­ten. Des­halb ist Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung für eine Vor­la­ge an die gro­ßen 1. Straf­se­na­te, dass der 1. Straf­se­nat, von des­sen Ent­schei­dung abge­wi­chen wer­den soll, zuvor erklärt hat, an sei­ner Rechts­auf­fas­sung wei­ter­hin fest­zu­hal­ten (§ 132 Abs. 3 Satz 1 GVG).

Allein aus dem Umstand, dass ein 1. Straf­se­nat einen Anfra­ge­be­schluss gefasst hat, ergibt sich weder aus § 132 GVG, noch aus Sinn und Zweck des Anfra­ge­ver­fah­rens eine Sperr­wir­kung für die ande­ren 1. Straf­se­na­te, wei­ter­hin unter Zugrun­de­le­gung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zu ent­schei­den 3.

Bin­dungs­wir­kung ent­fal­tet dem­ge­gen­über der Beschluss eines ange­frag­ten 1. Straf­se­nats, mit dem er einer Ände­rung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zuge­stimmt hat. Ab die­sem Zeit­punkt ist ihm eine Rück­kehr zur "alten" Recht­spre­chung ver­sagt, sofern er nicht vor­her sei­ner­seits den Gro­ßen 1. Straf­se­nat anruft 4.

Die­se Wir­kun­gen gel­ten grund­sätz­lich auch für den 1. Straf­se­nat, der den Anfra­ge­be­schluss gefasst hat 5. Jedoch wird durch eine zeit­lich nach dem Anfra­ge­be­schluss auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung gefass­te Ent­schei­dung die gestell­te Anfra­ge hin­fäl­lig und damit unzu­läs­sig, weil der 1. Straf­se­nat mit sei­ner nach­fol­gen­den Ent­schei­dung doku­men­tiert hat, dass er an sei­ner Anfra­ge nicht mehr fest­hält 6. Auch wenn ein 1. Straf­se­nat über­be­setzt ist und des­we­gen meh­re­re Sitz­grup­pen gebil­det hat, kann er (nach außen) nur eine ein­heit­li­che Recht­spre­chung ver­fol­gen 7. § 132 Abs. 3 Satz 1 GVG ermäch­tigt nur den 1. Straf­se­nat als sol­chen zur Anfra­ge bei ande­ren 1. Straf­se­na­ten, nicht ein­zel­ne Sitz­grup­pen eines 1. Straf­se­nats. Die noch anders­lau­ten­de frü­he­re Rege­lung von § 9 des Bun­des­ge­set­zes über die Errich­tung eines Gerichts­ho­fes für Han­dels­sa­chen von 1869, wonach auch eine Rechts­fra­ge beim Abwei­chen von einer frü­he­ren Ent­schei­dung des(selben) 1. Straf­se­nats vor das Ple­num zu brin­gen war, war im spä­te­ren § 137 GVG aF, eben­so nun in § 132 GVG, nicht mehr ent­hal­ten 8.

Soweit der anfra­gen­de 1. Straf­se­nat dar­über hin­aus selbst eige­ne ent­ge­gen­ste­hen­de Recht­spre­chung mit dem Anfra­ge­be­schluss auf­ge­ge­ben hat, trifft ihn die Bin­dungs­wir­kung des Anfra­ge­ver­fah­rens eben­so wie ange­frag­te 1. Straf­se­na­te, d.h. mit der Auf­ga­be bis­he­ri­ger Recht­spre­chung ist er grund­sätz­lich eben­so gehin­dert, wei­ter nach der auf­ge­ge­be­nen Recht­spre­chung zu ent­schei­den; im Gegen­satz zu einem ange­frag­ten 1. Straf­se­nat ent­fällt die Bin­dungs­wir­kung für ihn jedoch mit einer gegen­tei­li­gen Ent­schei­dung, weil damit zugleich sei­ne Anfra­ge hin­fäl­lig gewor­den ist 9. Bleibt sie wei­ter auf­recht erhal­ten, ist sie unzu­läs­sig gewor­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Febru­ar 2017 – 1 ARs 16/​16

  1. BGH, Beschluss vom 01.06.2016 – 2 StR 335/​15[]
  2. BGH, Urteil vom 22.09.2016 – 2 StR 27/​16[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 15.06.1994 – – IV ZR 45/​94 = NJW 1994, 2299; und vom 24.08.2000 – 1 StR 349/​00; Fran­ke in LR, 26. Aufl., § 132 GVG Rn. 21[]
  4. Fran­ke in LR, 26. Aufl., § 132 GVG Rn. 21; KK-StPO/Han­nich, 7. Aufl., § 132 GVG Rn. 13[]
  5. BGH, Urteil vom 22.09.2016 – 2 StR 27/​16, JR 2017, 82 – zum Feh­len einer Sperr­wir­kung[]
  6. Graf in BeckOK/​StPO, Ed. 27, § 132 GVG Rn. 18[]
  7. Mos­ba­cher JuS 2017, 127, 130[]
  8. Her­gen­rö­der, Zivil­pro­zes­sua­le Grund­la­gen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung, Tübin­gen 1995, S. 89 f.[]
  9. Graf in BeckOK/​StPO, Ed. 27, § 132 GVG Rn.19[]
  10. Thü­rin­ger Ret­tungs­dienst­ge­setz vom 16.07.2008, GVBl. 233[]