Der töd­li­che Angriff eines Hun­des

Haben die Hal­ter eines Hun­des nach­hal­tig gegen ihre Sorg­falts­pflich­ten, den Hund so zu hal­ten, dass von ihm kei­ne Gefahr für Drit­te aus­geht, ver­sto­ßen, kann im Fall eines töd­li­chen Angriffs des Hun­des die Ver­ur­tei­lung zu einer Bewäh­rungs­stra­fe ange­mes­sen sein.

Der töd­li­che Angriff eines Hun­des

So hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Kan­gal-Rüden ent­schie­den und die Revi­si­on der Ange­klag­ten ver­wor­fen. Die Ange­klag­ten waren am 10. Juli 2018 vom Amts­ge­richt Sig­ma­rin­gen [1] jeweils wegen fahr­läs­si­ger Tötung schul­dig gespro­chen wor­den. Die 45 Jah­re alte Ange­klag­te wur­de zu einer Frei­heits­stra­fe von einem Jahr und sechs Mona­ten, ihr 49-jäh­ri­ger Ehe­mann zu einer Frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren ver­ur­teilt. Bei­de Frei­heits­stra­fen wur­den jeweils zur Bewäh­rung aus­ge­setzt. Die gegen die­ses Urteil ein­ge­leg­ten Beru­fun­gen hat­ten vor dem Land­ge­richt Hechin­gen kei­nen Erfolg.

Nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts Hechin­gen [2] hiel­ten die bei­den Ange­klag­ten im Früh­jahr 2017 auf einem Grund­stück in Stet­ten am kal­ten Markt zwei Kan­gal-Rüden. Bei die­sen Hun­den han­delt es sich um Her­den­schutz­hun­de, die – ursprüng­lich in der Tür­kei zum Schutz von Schaf­her­den außer­halb der Dör­fer gehal­ten – ein Stock­maß von bis zu 90 cm Höhe errei­chen kön­nen, sehr sport­lich und nicht leicht abricht­bar sind und die einen gro­ßen Aus­lauf benö­ti­gen. Der Gar­ten des Grund­stücks der Ange­klag­ten grenzt mit einem rund 1,20 m hohen Zaun an einen von der ört­li­chen Bevöl­ke­rung genutz­ten öffent­li­chen Ver­bin­dungs­weg an. Die Hun­de reagier­ten, was den Ange­klag­ten bewusst war, aggres­siv auf Pas­san­ten, wenn sie im Gar­ten ange­ket­tet waren. Bei­den Ange­klag­ten war bewusst, dass eine Erhö­hung des Zau­nes Not tat, da er ange­sichts der Sprung­kraft der Hun­de kein ech­tes Hin­der­nis vor Ent­wei­chen für die­se dar­stell­te. Es kam aller­dings nicht dazu. Der Ange­klag­te, der bei­de Hun­de beschafft hat­te, nahm sich kei­ne Zeit mehr für die Hun­de, obwohl er wuss­te, dass sei­ne Ehe­frau mit der Betreu­ung der Hun­de völ­lig über­for­dert und auch von ihren kör­per­li­chen Kräf­ten her nicht in der Lage war, den Rüden Paro­li zu bie­ten.

Am Mor­gen des 30. Mai 2017 gegen 7:00 Uhr ket­te­te die Ange­klag­te einen der bei­den Hun­de, einen 57 kg schwe­ren Kan­gal-Rüden, mit einer Ket­te und einem Leder­hals­band an einem fest im Boden ver­an­ker­ten Metall­pf­lock im Gar­ten an. Das Hals­band wies mas­si­ve Abnut­zungs­er­schei­nun­gen auf, die auf eine mög­li­che Brü­chig­keit hin­deu­te­ten. Anschlie­ßend ver­ließ die Ange­klag­te das Grund­stück und über­ließ den Hund bis zum spä­ten Abend sich selbst. Im Lau­fe des spä­ten Nach­mit­tags gelang es dem Hund, sich von der Ket­te zu lösen, da das erkenn­bar vor­ge­schä­dig­te Hals­band riss. Als gegen 20:00 Uhr eine 72 Jah­re alte Pas­san­tin sich auf dem Ver­bin­dungs­weg dem Grund­stück der Ange­klag­ten näher­te, wur­de sie von dem Hund ange­fal­len und zu Boden gebracht, nach­dem er den Zaun über­wun­den hat­te und aus dem Grund­stück aus­ge­bro­chen war. Der Hund biss minu­ten­lang auf den Kopf- und Hals­be­reich der Frau ein, so dass die­se schließ­lich trotz not­ärzt­li­cher Behand­lung an den Fol­gen mas­si­ven Blut­ver­lus­tes bei viel­fa­chen Ver­let­zun­gen infol­ge der Hun­de­bis­se ver­starb.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart sah das Land­ge­richt rechts­feh­ler­frei bei­de Ange­klag­te als Hal­ter der Hun­de an und erkann­te, dass bei­de nach­hal­tig gegen ihre Sorg­falts­pflich­ten, den Hund so zu hal­ten, dass von ihm kei­ne Gefahr für Drit­te aus­geht, ver­stie­ßen. Dies bedingt – so das Land­ge­richt – eine Umzäu­nung, die aus Grün­den des Dritt­schut­zes nicht über­sprun­gen wer­den kann, und im Fal­le der Anket­tung oder Anbin­dung eine Vor­rich­tung, die den vom Hund aus­ge­hen­den Kräf­ten ver­läss­lich wider­ste­hen und ein Ent­wei­chen sicher ver­hin­dern kann. Bei­de Ange­klag­te hät­ten für einen Zaun von 2,50 m Höhe sor­gen müs­sen; bei­den muss­te sich auch auf­drän­gen, dass das Hals­band nicht mehr wei­ter genutzt wer­den soll­te.

Da die Nach­prü­fung des Urteils auf Grund der Revi­si­ons­be­grün­dun­gen kei­ne Rechts­feh­ler zum Nach­teil der Ange­klag­ten ergab, ver­warf das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart deren Revi­sio­nen im Beschluss­ver­fah­ren ohne münd­li­che Ver­hand­lung und ohne wei­te­re Begrün­dung nach § 349 Abs. 2 Straf­pro­zess­ord­nung als unbe­grün­det.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart –, Beschluss vom 25. Juli 2019 – 1 Rv 26 Ss 624/​19

  1. AG Sig­ma­rin­gen – Urteil vom 10. Juli 2018 – 5 Ls 11 Js 4710/​17[]
  2. LG Hechin­gen, Urteil vom 27.02.2019 – 11 Ns 11 Js 4710/​17[]