Der Tötungs­vor­satz des Pis­to­len­schüt­zen

Beding­ten Tötungs­vor­satz hat, wer den Ein­tritt des Todes als mög­li­che Fol­ge sei­nes Han­delns erkennt (Wis­sens­ele­ment) und bil­li­gend in Kauf nimmt (Wil­lens­ele­ment).

Der Tötungs­vor­satz des Pis­to­len­schüt­zen

Bei­de Ele­men­te müs­sen durch tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen belegt wer­den. Ihre Beja­hung oder Ver­nei­nung kann nur auf der Grund­la­ge einer Gesamt­be­trach­tung aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de erfol­gen [1].

Die auf der Grund­la­ge der dem Täter bekann­ten Umstän­de zu bestim­men­de objek­ti­ve Gefähr­lich­keit der Tat­hand­lung ist dabei ein wesent­li­cher Indi­ka­tor für das Vor­lie­gen bei­der Ele­men­te des beding­ten Tötungs­vor­sat­zes [2].

Hin­sicht­lich des Wil­lens­ele­ments sind neben der kon­kre­ten Angriffs­wei­se regel­mä­ßig auch die Per­sön­lich­keit des Täters, sein psy­chi­scher Zustand zum Tat­zeit­punkt und sei­ne Moti­va­ti­on mit in die erfor­der­li­che umfas­sen­de Gesamt­be­trach­tung ein­zu­be­zie­hen [3].

Zwar liegt es bei äußerst gefähr­li­chen Gewalt­hand­lun­gen nahe, dass der Täter mit der Mög­lich­keit rech­net, das Opfer kön­ne dabei zu Tode kom­men, und dass er, weil er gleich­wohl sein gefähr­li­ches Han­deln beginnt oder fort­setzt, einen sol­chen Erfolg bil­li­gend in Kauf nimmt [4]. Der Schluss von einer beson­ders gefähr­li­chen Gewalt­hand­lung auf einen beding­ten Tötungs­vor­satz ist jedoch nur dann rechts­feh­ler­frei, wenn der Tatrich­ter auch die im Ein­zel­fall in Betracht kom­men­den Umstän­de in sei­ne Erwä­gun­gen ein­be­zo­gen hat, die den Vor­satz in Fra­ge stel­len kön­nen [5].

Lie­gen Anhalts­punk­te dafür vor, dass der Täter die Gefahr des Ein­tritts eines töd­li­chen Erfolgs aus­nahms­wei­se nicht erkannt oder jeden­falls dar­auf ver­traut hat, ein sol­cher Erfolg wer­de nicht ein­tre­ten, ist der Tatrich­ter ver­pflich­tet, sich hier­mit aus­ein­an­der zu set­zen [6].

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch in Fall­kon­stel­la­tio­nen, in denen ein Ange­klag­ter mit einer schar­fen Schuss­waf­fe auf sein Tat­op­fer schießt [7]. Zwar han­delt es sich in der Regel um eine beson­ders gefähr­li­che Gewalt­hand­lung, in der beding­ter Tötungs­vor­satz nahe liegt. Dies ent­hebt den Tatrich­ter indes nicht von der Ver­pflich­tung, die sub­jek­ti­ve Tat­sei­te unter Berück­sich­ti­gung aller für und gegen sie spre­chen­den Umstän­de sorg­fäl­tig zu prü­fen.

Bereits die tatrich­ter­li­che Erwä­gung, „jeder auf einen Men­schen gerich­te­te Schuss mit einer schar­fen Waf­fe“ lege „wegen der außer­ge­wöhn­lich gro­ßen Lebens­ge­fähr­lich­keit den Schluss auf beding­ten Tötungs­vor­satz nahe“, lässt besor­gen, dass der Tatrich­ter das Erfor­der­nis einer umfas­sen­den Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de nicht hin­rei­chend beach­tet hat. Zwar kann der auf einen Men­schen abge­ge­be­ne Schuss mit einer schar­fen Waf­fe wegen der außer­ge­wöhn­lich gro­ßen Lebens­ge­fähr­lich­keit den Schluss auf beding­ten Tötungs­vor­satz nahe legen [8]. Jedoch ver­bie­tet sich auch in die­ser Fall­kon­stel­la­ti­on jede sche­ma­ti­sche Lösung [9]. Dies gilt auch bei Abga­be von Schüs­sen aus kur­zer Distanz [10].

Der Hin­weis, wonach es „in der Natur der Sache“ lie­ge, „dass der mit beding­tem Tötungs­vor­satz han­deln­de Täter in Ver­fol­gung sei­nes anders gela­ger­ten Hand­lungs­an­triebs in der Regel über kein Tötungs­mo­tiv“ ver­fü­ge [11], greift zu kurz. Zwar trifft es zu, dass der mit beding­tem Tötungs­vor­satz han­deln­de Täter kein Tötungs­mo­tiv im enge­ren Sin­ne hat, weil er den töd­li­chen Erfolg nicht erstrebt, son­dern sei­nen Ein­tritt ledig­lich in Kauf nimmt. Dies bedeu­tet jedoch nicht, dass dem von einem Tötungs­mo­tiv zu unter­schei­den­den kon­kre­ten Hand­lungs­an­trieb kei­ne Indi­zwir­kung für die Fra­ge zukommt, ob der Täter mit beding­tem Tötungs­vor­satz gehan­delt hat oder nicht [12]. Die Art des jewei­li­gen Hand­lungs­an­triebs kann Hin­wei­se auf die Stär­ke des vom Täter emp­fun­de­nen Tat­an­rei­zes und damit auch auf sei­ne Bereit­schaft geben, zur Errei­chung sei­nes Hand­lungs­ziels gege­be­nen­falls schwers­te Fol­gen in Kauf zu neh­men [13].

Der Hand­lungs­an­trieb, dem Tat­op­fer, das zuvor den Schüt­zen mehr­fach mit dem Tode bedroht hat­te, die eige­ne Wehr­haf­tig­keit vor Augen zu füh­ren, es in sei­ne Schran­ken zu ver­wei­sen und ihm für die aus­ge­spro­che­ne Todes­dro­hung einen „Denk­zet­tel“ zu ver­pas­sen, ist im Rah­men der gebo­te­nen umfas­sen­den Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de zu berück­sich­ti­gen [14]. Er könn­te gegen das Vor­lie­gen des vol­un­ta­ti­ven Ele­ments des beding­ten Tötungs­vor­sat­zes spre­chen, weil ins­be­son­de­re das Motiv, dem Tat­op­fer einen „Denk­zet­tel“ zu ver­pas­sen, ein Über­le­ben des Tat­op­fers vor­aus­setzt.

Dar­über hin­aus war im hier ent­schie­de­nen Fall auch in die Erwä­gun­gen ein­zu­stel­len, dass der Schüt­ze sein Opfer tat­säch­lich ver­fehlt hat, obwohl er aus einer gerin­gen Ent­fer­nung von weni­gen Metern zwei­mal auf den arg­lo­sen und ihm den Rücken zuwen­den­den Zeu­gen schoss.

Schließ­lich hät­te es im Rah­men der umfas­sen­den Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de auch eines Ein­ge­hens auf die Per­sön­lich­keit des Ange­klag­ten, sein Ver­hält­nis zur Anwen­dung kör­per­li­cher Gewalt zur Durch­set­zung sei­ner Hand­lungs­zie­le sowie sei­ner Fähig­keit zur Kon­trol­le aggres­si­ver Impul­se bedurft. Hier­zu hät­te vor­lie­gend Anlass bestan­den, weil das Schwur­ge­richt eine mit einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung ein­her gehen­de beson­de­re Reiz­bar­keit und Aggres­si­vi­tät des Schüt­zen fest­ge­stellt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Okto­ber 2015 – 2 StR 312/​15

  1. BGH, Urteil vom 16.09.2015 – 2 StR 483/​14 14; BGH, Urteil vom 27.01.2011 – 4 StR 502/​10, NStZ 2011, 699, 702[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.2015 – 5 StR 435/​14, NStZ 2015, 216[]
  3. BGH, Urteil vom 11.10.2000 – 3 StR 321/​00, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vor­satz, beding­ter 51[]
  4. BGH, Beschluss vom 27.08.2013 – 2 StR 148/​13, NStZ 2014, 35[]
  5. BGH, Urteil vom 26.11.2014 – 2 StR 54/​14, NStZ 2015, 516, 517; Urteil vom 27.08.2013 – 2 StR 148/​13, NStZ 2014, 35[]
  6. BGH, Urteil vom 16.09.2015 – 2 StR 483/​14 15[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 28.11.1995 – 4 StR 642/​95, StV 1997, 7; Urteil vom 08.06.1993 – 5 StR 88/​93, NStZ 1993, 488 f.[]
  8. BGH, a.a.O., StV 1997, 7[]
  9. Schnei­der, Münch­Komm- StGB 2. Aufl. § 212 Rn. 22[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 01.04.1998 – 2 StR 620/​97; Alt­va­ter, NStZ 1999, 18[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 30.11.2005 – 5 StR 344/​05, NStZ-RR 2006, 317, 318[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 23.02.2012 – 4 StR 608/​11, NStZ 2012, 443[]
  13. BGH, Urteil vom 23.02.2012 – 4 StR 608/​11, NStZ 2012, 443, 445[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 30.11.2005 – 5 StR 344/​05, NStZ-RR 2006, 317, 318; Urteil vom 22.10.2002 – 5 StR 275/​02, NStZ-RR 2003, 39, 40; Beschluss vom 16.07.1996 – 4 StR 326/​96, StV 1997, 7, 8; Urteil vom 09.09.1986 – 5 StR 98/​86, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vor­satz, beding­ter 4[]