Der ver­hin­der­te Bei­sit­zer – und sein "außer­or­dent­li­cher" Ver­tre­ter

Sind sowohl ein nach dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan zustän­di­ger Rich­ter wie auch sei­ne plan­mä­ßi­gen Ver­tre­ter ver­hin­dert, kann die "ad hoc-Bestel­lung" eines außer­or­dent­li­chen Ver­tre­ters allen­falls bei Ent­wick­lun­gen in Betracht kom­men, die bei Auf­stel­lung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans nicht vor­aus­seh­bar waren.

Der ver­hin­der­te Bei­sit­zer – und sein "außer­or­dent­li­cher" Ver­tre­ter

Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof grund­sätz­lich aner­kannt, dass die Bestel­lung eines "zeit­wei­li­gen Ver­tre­ters" mit der Vor­schrift des § 21e Abs. 3 GVG ver­ein­bar sein kann 1. Aller­dings soll § 21e GVG ver­hin­dern, dass für bestimm­te Ein­zel­sa­chen bestimm­te Rich­ter aus­ge­sucht wer­den kön­nen; dem­ge­mäß kann eine "ad hoc-Bestel­lung" allen­falls dann in Betracht kom­men, wenn die anlass­ge­ben­de Ent­wick­lung bei Auf­stel­lung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans nicht vor­aus­seh­bar gewe­sen ist 2.

Den stren­gen Maß­stä­ben, die das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter – unge­ach­tet der aus Sicht des Bun­des­ge­richts­hofs heu­te unzu­rei­chen­den Per­so­nal­aus­stat­tung der gro­ßen Straf­kam­mern 3 – ein­for­dert 4, wird die Geschäfts­ver­tei­lung des Land­ge­richts Ham­burg für 2014 nicht gerecht.

Es lag schon bei Auf­stel­lung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans auf der Hand, dass die Bestim­mung von Rich­tern aus drei Ver­tre­ter­kam­mern, mit­hin ledig­lich neun Rich­tern, nicht hin­rei­chen konn­te. Wie die Revi­si­on zutref­fend aus­ge­führt hat, zeich­ne­ten sich bei lebens­na­her Betrach­tung ein­ge­denk der vor­han­de­nen Min­dest­be­set­zung in den gro­ßen Straf­kam­mern, der Urlaubs- und Krank­heits­zei­ten, der teil­wei­se iden­ti­schen Sit­zungs­ta­ge der betei­lig­ten Kam­mern und des mehr oder weni­ger län­ge­ren Ein­sat­zes einer Viel­zahl von Pro­be­rich­tern Kon­stel­la­tio­nen ab, in denen eine Erschöp­fung der kur­zen Ver­tre­ter­rei­he ein­tre­ten wür­de.

Dem­entspre­chend hat­te das Prä­si­di­um des Land­ge­richts schon mit Beschlüs­sen vom 29.11.und 5.12 2013 jeweils einen außer­or­dent­li­chen Ver­tre­ter bestel­len müs­sen. Das­sel­be geschah am 4.03.2014 für eine der Ver­tre­ter­kam­mern der Gro­ßen Straf­kam­mer 29, näm­lich die Gro­ße Straf­kam­mer 31. Dem folg­te im Mai 2014 für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren, im Juni 2014 für zwei, im Juli 2014 für einen, für August 2014 für zwei und für Sep­tem­ber 2014 für zwei Ver­fah­ren jeweils die Bestel­lung eines zeit­wei­li­gen Ver­tre­ters. Dar­über hin­aus hat­te der Vor­sit­zen­de der Gro­ßen Straf­kam­mer 22 am 22.02.2014 ange­zeigt, die Geschäfts­la­ge in sei­ner Straf­kam­mer sei ent­spre­chend sei­nen Anzei­gen vom 27. Sep­tem­ber, 25.11.und 19.12 2013 so ange­spannt, dass er die fort­dau­ern­de Ent­las­tung erbe­ten müs­se. Dass dies nicht nur ein Ein­zel­fall war, son­dern ins­ge­samt die Situa­ti­on der Straf­kam­mern beschrieb, folgt aus dem Pro­to­koll der außer­or­dent­li­chen Prä­si­di­ums­sit­zung vom 22.01.2014, in der die ange­spann­te Ter­mi­nie­rungs­la­ge von drei wei­te­ren Straf­kam­mern the­ma­ti­siert wor­den war. Unter die­sen Umstän­den durf­te Abhil­fe nicht durch eine zeit­wei­li­ge Ein­zel­be­stel­lung eines Ver­tre­ters für den ver­hin­der­ten Rich­ter gemäß § 21e Abs. 3 GVG geschaf­fen wer­den. Viel­mehr hät­te eine auf Dau­er ange­leg­te Erwei­te­rung der Ver­tre­ter­rei­he nach abs­trak­ten, ver­fas­sungs­recht­lich durch Art. 101 Abs. 1 GG gebo­te­nen Grund­sät­zen erfol­gen müs­sen, wie sie etwa in Form einer "Ring­ver­tre­tung" rea­li­siert wer­den kann 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Mai 2015 – 5 StR 91/​15

  1. BGH, Beschlüs­se vom 07.06.1977 – 5 StR 224/​77, BGHSt 27, 209, 210; vom 19.08.1987 – 2 StR 160/​87, NStZ 1988, 36, 37; Urteil vom 19.12 1990 – 2 StR 426/​90, StV 1993, 398[]
  2. BGH, Beschluss vom 19.08.1987 – 2 StR 160/​87 aaO[]
  3. vgl. zur sei­ner­zei­ti­gen Über­be­set­zung BVerfG NJW 1995, 2703, 2705[]
  4. BGH, Urteil vom 04.02.2015 – 2 StR 76/​14[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.11.1990 – 2 StR 237/​90, NStZ 1991, 195, 196; vom 19.12 1990 – 2 StR 426/​90, StV 1993, 398[]