Die abge­lehn­te Bei­ord­nung einer wei­te­ren Ver­tei­di­ge­rin – und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Ist die ein­fa­che Beschwer­de gegen die Ver­sa­gung der Bei­ord­nung einer wei­te­ren Ver­tei­di­ge­rin aus­nahms­wei­se statt­haft, so fehlt an der gemäß § 90 Abs. 2 BVerfGG erfor­der­li­chen Rechts­weg­er­schöp­fung.

Die abge­lehn­te Bei­ord­nung einer wei­te­ren Ver­tei­di­ge­rin – und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Der Beschwer­de­füh­rer kann die Ver­sa­gung der Bei­ord­nung einer wei­te­ren Ver­tei­di­ge­rin noch im wei­te­ren fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren zur Nach­prü­fung stel­len, und sie im Fal­le sei­ner Ver­ur­tei­lung ins­be­son­de­re dem Revi­si­ons­ge­richt unter­brei­ten1. Das hat zur Fol­ge, dass der ange­grif­fe­ne Beschluss vom 15.01.2019 als straf­pro­zes­sua­le Zwi­schen­ent­schei­dung der unmit­tel­ba­ren Anfech­tung mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ent­zo­gen ist2. Auf der Grund­la­ge die­ser Auf­fas­sung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen Ent­schei­dun­gen von Vor­sit­zen­den erst­in­stanz­lich zustän­di­ger Straf­kam­mern als unzu­läs­sig ange­se­hen3. Dass sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de davon abwei­chend hier gegen eine dem (spä­te­ren) Urteil vor­aus­ge­hen­de Ent­schei­dung eines im ers­ten Rechts­zug zustän­di­gen Ober­lan­des­ge­richts rich­tet, stün­de der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prüf­bar­keit für den Fall der aus­nahms­wei­sen Statt­haf­tig­keit der ein­fa­chen Beschwer­de nicht ent­ge­gen. § 336 Satz 2 StPO ent­zieht nur sol­che Ent­schei­dun­gen der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Beur­tei­lung, die aus­drück­lich für unan­fecht­bar erklärt oder mit der sofor­ti­gen Beschwer­de anfecht­bar sind. Dies trä­fe auf eine ana­log § 304 Abs. 4 Satz 2 StPO mit der ein­fa­chen Beschwer­de anfecht­ba­re Ent­schei­dung nicht zu.

Grün­de für eine Vor­ab­ent­schei­dung nach § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG sind nicht ersicht­lich. Durch die Ver­sa­gung des ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Rechts­schut­zes bis zum Abschluss des fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens droht dem Beschwer­de­füh­rer kein schwe­rer und unab­wend­ba­rer Nach­teil. Es ist nicht ersicht­lich, dass ihm bei einer Ver­wei­sung auf den aus­nahms­wei­se eröff­ne­ten Rechts­weg ein Scha­den ent­stün­de, der sich auch im Fal­le eines spä­te­ren Erfolgs der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht mehr adäquat aus­glei­chen lie­ße4. Eine nach Erschöp­fung des Rechts­wegs ein­ge­leg­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de wür­de zur Auf­he­bung etwai­ger fach­ge­richt­li­cher Ver­ur­tei­lun­gen füh­ren, wenn der Anspruch des Beschwer­de­füh­rers auf ord­nungs­ge­mä­ße Ver­tei­di­gung ver­letzt wor­den sein soll­te. Damit ent­fie­le die recht­li­che Beschwer für den Ange­klag­ten und die Straf­ge­rich­te hät­ten erneut über die Recht­mä­ßig­keit der Ver­tei­di­ger­be­stel­lung zu befin­den5. Dem Beschwer­de­füh­rer ist das Beschrei­ten des fach­ge­richt­li­chen Rechts­wegs auch zuzu­mu­ten. Ins­be­son­de­re reicht die abs­trak­te Gefahr einer Wie­der­ho­lung der Haupt­ver­hand­lung wegen eines Ver­fah­rens­feh­lers nicht aus, um eine Unzu­mut­bar­keit des fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens zu begrün­den6. Der Ver­weis auf den fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz ist auch nicht des­halb unzu­mut­bar, weil sich der Beschwer­de­füh­rer zur­zeit in Unter­su­chungs­haft befin­det. Aus der Struk­tur des deut­schen Straf­pro­zes­ses folgt, dass auch der in Haft befind­li­che Ange­klag­te trotz des für ihn strei­ten­den Frei­heits­grund­rechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG Kor­rek­tu­ren etwai­ger Ver­fah­rens­feh­ler vor Anru­fung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dem fach­ge­richt­li­chen Rechts­mit­tel­ver­fah­ren zu über­las­sen hat7. Beson­de­re Umstän­de, die aus­nahms­wei­se eine abwei­chen­de Beur­tei­lung recht­fer­ti­gen könn­ten8, sind weder dar­ge­tan noch sonst ersicht­lich.

Wäre die ein­fach­recht­li­che Beschwer­de gegen die Ver­sa­gung der Bei­ord­nung einer wei­te­ren Ver­tei­di­ge­rin hin­ge­gen nicht statt­haft9, wäre die Ent­schei­dung gemäß § 336 Satz 2 StPO zwar im wei­te­ren Fort­gang des fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens auch der Beur­tei­lung durch das Revi­si­ons­ge­richt ent­zo­gen10.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 20. Febru­ar 2019 – 2 BvR 280/​19

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 25.10.2000 – 5 StR 408/​00, NJW 2001, S. 237; Urteil vom 17.07.1997 – 1 StR 781/​96, NJW 1997, S. 3385 []
  2. vgl. BVerfGE 1, 322, 324 f.; 6, 12, 14; 6, 45, 50; 8, 253, 254 f.; 12, 113, 124; 14, 8, 10; 16, 283, 285; 20, 336, 342; 58, 1, 23 []
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.04.2018 – 2 BvR 2039/​17 2; Beschluss vom 01.02.2006 – 2 BvR 178/​06 7; Beschluss vom 03.12 2003 – 2 BvR 2000/​03 2 f. m.w.N. []
  4. vgl. zu die­sem Kri­te­ri­um BVerfGE 69, 233, 241 []
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 01.02.2006 – 2 BvR 178/​06 4 []
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 01.02.2006 – 2 BvR 178/​06 7; Beschluss vom 03.12 2003 – 2 BvR 2000/​03 4 []
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.05.2006 – 2 BvR 1054/​06 3 ff. []
  8. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 25.09.2001 – 2 BvR 1152/​01 27 ff. []
  9. vgl. BVerfGE 45, 363, 374; BGH, Beschluss vom 19.01.2015 – StB 27/​14 3 m.w.N. []
  10. vgl. BGHSt 27, 96; BGH, Urteil vom 22.03.2002 – 4 StR 485/​01 9; a.A. BGH, Urteil vom 30.04.1999 – 3 StR 215/​98 23 [inso­weit nicht abge­druckt in BGHSt 45, 65] []