Die abge­lehn­te Ent­pflich­tung des Pflicht­ver­tei­di­gers – und sei­ne Beschwer­de­be­fug­nis

Der Pflicht­ver­tei­di­ger, der sich gegen die Ableh­nung der von ihm bean­trag­ten Rück­nah­me sei­ner Bei­ord­nung wen­det, ist beschwer­de­be­rech­tigt im Sin­ne von § 304 Abs. 2 StPO.

Die abge­lehn­te Ent­pflich­tung des Pflicht­ver­tei­di­gers – und sei­ne Beschwer­de­be­fug­nis

Die sofor­ti­gen Beschwer­den sind nach § 143a Abs. 4, § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 Nr. 1 StPO statt­haft und auch im Übri­gen zuläs­sig.

Ins­be­son­de­re steht den Pflicht­ver­tei­di­gern gegen die Ableh­nung ihrer Ent­pflich­tung ein eige­nes Beschwer­de­recht zu. Nach der Rege­lung des § 304 Abs. 2 StPO kön­nen auch ande­re Per­so­nen Beschwer­de ein­le­gen, wenn sie in ihren Rech­ten betrof­fen sind. Inso­weit ist aner­kannt, dass auch Ver­tei­di­ger sol­che Per­so­nen sein kön­nen [1]. Die Betrof­fen­heit des Pflicht­ver­tei­di­gers ergibt sich in Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den aus § 49 Abs. 2 i.V.m. § 48 Abs. 2 BRAO. Nach die­ser Vor­schrift kann der Rechts­an­walt bean­tra­gen, die Bei­ord­nung auf­zu­he­ben, wenn hier­für wich­ti­ge Grün­de vor­lie­gen; sol­che kön­nen auch in einer nach­hal­ti­gen Stö­rung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zu sehen sein [2]. Wird der Antrag abge­lehnt, ist für den Pflicht­ver­tei­di­ger gegen die­se Ent­schei­dung die (sofor­ti­ge, vgl. § 143a Abs. 4 StPO) Beschwer­de gege­ben, soweit sie wie nun­mehr hier nach § 304 StPO im Übri­gen statt­haft ist [3]. Dies steht im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, nach der die Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger einen den Rechts­an­walt grund­sätz­lich beschwe­ren­den Ein­griff in sei­ne Berufs­aus­übungs­frei­heit gemäß Art. 12 Abs. 1 GG dar­stellt [4].

Der Beschwer­de­be­fug­nis des Pflicht­ver­tei­di­gers in die­sen Fäl­len steht nicht ent­ge­gen, dass in der Begrün­dung des Ent­wurfs eines Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Rechts der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung aus­drück­lich nur aus­ge­führt wird, gegen die rich­ter­li­che Ableh­nung wie auch die Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers sei­en sowohl der Beschul­dig­te als auch die Staats­an­walt­schaft beschwer­de­be­rech­tigt [5]. Denn in der Begrün­dung wird zuvor dar­ge­legt, dass die sofor­ti­ge Beschwer­de statt­haft sei, "soweit eine Beschwer vor­liegt" [6]. Es ist nicht ersicht­lich, dass durch die sich anschlie­ßen­de Auf­zäh­lung die Beschwer­de­be­fug­nis abschlie­ßend gere­gelt wer­den soll­te oder mit die­sem Satz der Geset­zes­be­grün­dung die wie dar­ge­legt zuvor bestehen­de Beschwer­de­be­rech­ti­gung des Pflicht­ver­tei­di­gers abge­schafft wer­den soll­te.

Soweit in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur die Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, dem Pflicht­ver­tei­di­ger ste­he gegen die Ableh­nung der von ihm bean­trag­ten Ent­pflich­tung ein Beschwer­de­recht nicht zu [7], berück­sich­tigt dies die dar­ge­leg­te gesetz­li­che Rege­lung der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung und die sich aus den zuge­hö­ri­gen Mate­ria­li­en [8] ersicht­li­che gesetz­ge­be­ri­sche Inten­ti­on nicht. In die­sem Zusam­men­hang zitier­te Ent­schei­dun­gen ande­rer Gerich­te und in der Kom­men­tar­li­te­ra­tur ver­tre­te­ne Auf­fas­sun­gen betref­fen zudem häu­fig ande­re nicht ein­schlä­gi­ge Fall­kon­stel­la­tio­nen, etwa die­je­ni­ge, dass sich ein Pflicht­ver­tei­di­ger gegen sei­ne ihn nach herr­schen­der Auf­fas­sung nicht beschwe­ren­de eige­ne Ent­pflich­tung wen­det [9], oder die­je­ni­ge, in der ein wei­te­rer (Wahl- und/​oder Pflicht-)Verteidiger gegen die unter­las­se­ne Ent­pflich­tung eines ande­ren Pflicht­ver­tei­di­gers vor­geht [10]. Ob in sol­chen Fäl­len eine eige­ne Beschwer­de­be­fug­nis des Pflicht­ver­tei­di­gers besteht, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung. Selbst wenn man anneh­men woll­te, inso­weit sei eine Beschwer des Ver­tei­di­gers nicht gege­ben, könn­te hier­aus nicht ver­all­ge­mei­nernd und die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on betref­fend der Schluss gezo­gen wer­den, auch in den Fäl­len, in denen der Pflicht­ver­tei­di­ger unter Beru­fung auf § 49 Abs. 2 BRAO sei­ne Ent­pflich­tung bean­tragt, sei für ihn nach Ableh­nung sei­nes Antrags eine Beschwer­de­be­fug­nis nicht gege­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. März 2020 – StB 6/​20

  1. vgl. SSWStPO/​Hoch, 4. Aufl., § 304 Rn. 12; LR/​Matt, StPO, 26. Aufl., § 304 Rn. 47[]
  2. Weyland/​Nöker, BRAO, 10. Aufl., § 49 Rn. 9 mwN[]
  3. vgl. BT-Drs. 3/​120, S. 78; Weyland/​Nöker, BRAO, 10. Aufl., § 49 Rn. 8b; vgl. auch OLG Hamm, Beschluss vom 25.08.2015 – 3 Ws 307/​15, NStZ 2015, 718; LR/​Matt, StPO, 26. Aufl., § 304 Rn. 47; für eine gene­rel­le Beschwer­de­be­fug­nis des Pflicht­ver­tei­di­gers SSW-StPO/­Beul­ke, 4. Aufl., § 143 Rn. 29 mwN; jeden­falls bei eige­ner Ent­pflich­tung HK-StPO/­Ju­li­us/­Schie­mann, 6. Aufl., § 143 Rn. 10; Hil­gen­dorf, NStZ 1996, 1, 6[]
  4. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.04.1975 – 2 BvR 207/​75, BVerfGE 39, 238, 241 f.; und vom 06.10.2008 – 2 BvR 1173/​08, Rn. 9[]
  5. BT-Drs.19/13829, S. 44[]
  6. BT-Drs. aaO[]
  7. OLG Bam­berg, Beschluss vom 23.03.198 – 9 Ws 157/​89, MDR 1990, 460; OLG Bran­den­burg, Beschluss vom 21.07.2009 – 1 Ws 122/​09; KG, Beschluss vom 22.05.2018 – 4 Ws 62/​18 161 AR 257/​17; Beck­OK-StPO/­Kraw­c­zyk, § 143 Rn. 11; MeyerGoßner/​Schmitt, 62. Aufl., § 143 Rn. 7[]
  8. BT-Drs. 3/​120, S. 78[]
  9. vgl. etwa OLG Frank­furt, Beschluss vom 06.03.1996 – 3 Ws 191/​96, NStZ-RR 1996, 272; Hans. OLG Ham­burg, Beschluss vom 17.11.1997 – 2 Ws 255/​97, NJW 1998, 621; Münch­Komm-StPO/­Tho­mas/­Kämp­fer, § 141 Rn. 32, § 143 Rn. 18[]
  10. vgl. OLG Hamm, Beschluss vom 23.02.2006 – 2 Ws 53, 54/​06, NJW 2006, 2712; KKStPO/​Willnow, 8. Aufl., § 141 Rn. 13, § 143 Rn. 6[]