Die Ableh­nung eines Sach­ver­stän­di­gen – und das Unver­züg­lich­keits­ge­bot

Das Unver­züg­lich­keits­ge­bot des § 25 Abs. 2 Satz 1 StPO fin­det für die Ableh­nung von Sach­ver­stän­di­gen kei­ne Anwen­dung. Die Vor­schrift des § 74 Abs. 1 Satz 1 StPO ver­weist nur hin­sicht­lich der Grün­de auf die Ableh­nung eines Rich­ters, nicht aber hin­sicht­lich der für das Ver­fah­ren gel­ten­den Vor­schrif­ten.

Die Ableh­nung eines Sach­ver­stän­di­gen – und das Unver­züg­lich­keits­ge­bot

Das Unver­züg­lich­keits­ge­bot des § 25 Abs. 2 Satz 1 StPO fin­det anders als bei der Rich­terab­leh­nung für die Ableh­nung von Sach­ver­stän­di­gen kei­ne Anwen­dung1. Dies ergibt sich schon dar­aus, dass § 74 Abs. 1 Satz 1 StPO nur hin­sicht­lich der Grün­de auf die Ableh­nung eines Rich­ters ver­weist, nicht aber hin­sicht­lich der für das Ver­fah­ren gel­ten­den Vor­schrif­ten2, mit­hin auch nicht für den Ableh­nungs­zeit­punkt3. In Erman­ge­lung sol­cher Aus­schluss­fris­ten sieht § 83 Abs. 2 StPO aus­drück­lich noch die Mög­lich­keit der erfolg­rei­chen Sach­ver­stän­di­gen­ab­leh­nung nach Erstat­tung von des­sen Gut­ach­ten vor4.

Dies hat­te das Land­ge­richt in dem hier ent­schie­de­nen Fall anders gese­hen und den Befan­gen­heits­an­trag als ver­spä­tet abge­lehnt. Da das Land­ge­richt damit in kei­ne Begründ­etheits­prü­fung mehr ein­ge­tre­ten ist, ist dem Bun­des­ge­richts­hof eine sol­che Prü­fung eben­falls ver­wehrt.

Anders als bei der Ableh­nung eines Rich­ters prüft das Revi­si­ons­ge­richt bei der Ableh­nung eines Sach­ver­stän­di­gen nicht selb­stän­dig, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Besorg­nis einer Befan­gen­heit im kon­kre­ten Fall vor­lie­gen. Es hat viel­mehr allein nach revi­si­ons­recht­li­chen Grund­sät­zen zu ent­schei­den, ob das Ableh­nungs­ge­such ohne Ver­fah­rens­feh­ler und mit aus­rei­chen­der Begrün­dung zurück­ge­wie­sen wor­den ist. Dabei ist es an die vom Tat­ge­richt fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen gebun­den und darf kei­ne eige­nen Fest­stel­lun­gen tref­fen. Aus die­sem Grun­de muss das Tat­ge­richt in sei­nem Beschluss dar­le­gen, von wel­chen Tat­sa­chen es aus­geht5. Die gemäß § 34 StPO erfor­der­li­che Begrün­dung des Beschlus­ses muss im Übri­gen so aus­führ­lich sein, dass das Revi­si­ons­ge­richt prü­fen kann, ob das Tat­ge­richt die anzu­wen­den­den Rechts­be­grif­fe ver­kannt hat; dane­ben muss sie die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in die Lage ver­set­zen, ihr wei­te­res Pro­zess­ver­hal­ten dar­auf ein­zu­rich­ten6.

Da das von der Unzu­läs­sig­keit des Antrags aus­ge­hen­de Land­ge­richt – von sei­nem unzu­tref­fen­den Stand­punkt aus kon­se­quent – weder erken­nen lässt, von wel­chen Tat­sa­chen es inso­weit aus­ge­gan­gen ist, noch, ob das fest­ge­stell­te sach­ver­stän­di­ge Ver­hal­ten in sach­li­cher Hin­sicht die Besorg­nis der Befan­gen­heit recht­fer­tigt, kann das Revi­si­ons­ge­richt dies nicht selb­stän­dig prü­fen.

Der auf­ge­zeig­te Rechts­feh­ler berühr­te im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch den Schuld­spruch nicht. Zwar ver­weist das Land­ge­richt bei der Prü­fung des Vor­sat­zes für die ers­te Tat dar­auf, der abge­lehn­te Sach­ver­stän­di­ge habe aus­ge­führt, der Ange­klag­te ver­fü­ge über eine intak­te Auf­fas­sungs­ga­be. Jedoch fügt es die­sen Aspekt nur zur Bestä­ti­gung sei­ner auf­grund ande­rer, gewich­ti­ger Umstän­de gewon­ne­nen Über­zeu­gung an, der Ange­klag­te sei in sei­nen kogni­ti­ven Fähig­kei­ten nicht beein­träch­tigt gewe­sen. Der Bun­des­ge­richts­hof kann daher aus­schlie­ßen, dass es ohne die­se sach­ver­stän­di­ge Ein­schät­zung zu einer ande­ren Bewer­tung des Vor­satz­ele­ments gekom­men wäre. Es ist mit Blick auf die im Übri­gen rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen zum Lebens­lauf des Ange­klag­ten und zur Tat auch aus­zu­schlie­ßen, dass es im Fal­le des Erfolgs des Ableh­nungs­ge­suchs und Zuzie­hung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen zu der Über­zeu­gung gelangt wäre, der Ange­klag­te sei bei Bege­hung der Tat schuld­un­fä­hig im Sin­ne des § 20 StGB gewe­sen.

Aller­dings beruht der Rechts­fol­gen­aus­spruch auf der feh­ler­haf­ten Ableh­nung des Befan­gen­heits­ge­su­ches, denn der Bun­des­ge­richts­hof kann nicht mit der erfor­der­li­chen Sicher­heit aus­schlie­ßen, dass die Straf­kam­mer bei Ein­ho­lung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens auf eine gerin­ge­re Stra­fe erkannt hät­te, etwa weil wei­te­re Straf­mil­de­rungs­grün­de zuta­ge getre­ten wären oder sie sich davon über­zeugt hät­te, dass die Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten erheb­lich ver­min­dert im Sin­ne des § 21 StGB war. Die Sache bedarf des­halb zum Rechts­fol­gen­aus­spruch neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Janu­ar 2018 – – 1 StR 437/​17

  1. KK-Sen­ge, StPO, 7. Aufl., § 74 Rn. 7; Löwe/​Rosenberg/​Krause, StPO, 27. Aufl., § 74 Rn. 22; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., § 74 Rn. 12; Satzger/​Schluckebier/​Widmaier/​Bosch, StPO, 2. Aufl., § 74 Rn. 8; SK-Rogall, StPO, 4. Aufl., § 74 Rn. 55
  2. RG, Urteil vom 24.06.1913 – – IV 501/​13, RGSt 47, 239, 240; Münch­Komm-Trück, StPO, § 74 Rn. 17
  3. KMR-Neu­beck, StPO, 68. EL, § 74 Rn. 2
  4. vgl. hier­zu OLG Stutt­gart, Urteil vom 23.08.1957 – 2 Ss 477/​56, NJW 1957, 1646 unter dem Aspekt des Rechts­miss­brauchs; zu Recht kri­tisch hier­zu Krau­se aaO
  5. BGH, Beschluss vom 23.03.1994 – 2 StR 67/​94, NStZ 1994, 388; Urteil vom 12.06.2001 – 1 StR 574/​00, NStZ-RR 2002, 66; Beschlüs­se vom 14.04.2011 – 1 StR 458/​10, StV 2011, 728, 731 Rn. 24 mwN; vom 22.07.2014 – 3 StR 302/​14, BGHR StPO § 74 Abs. 1 Satz 1 Befan­gen­heit 6; und vom 31.01.2017 – 4 StR 531/​16
  6. BGH, Beschluss vom 22.07.2014 – 3 StR 302/​14, BGHR StPO § 74 Abs. 1 Satz 1 Befan­gen­heit 6; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., § 74 Rn. 17 und 21 mwN