Die Ankla­ge­schrift – und ihre Umgrenzungsfunktion

Soweit eine Ankla­ge­schrift Män­gel hin­sicht­lich ein­zel­ner Tat­be­stands­merk­ma­le auf­weist, die ledig­lich deren Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on betref­fen, füh­ren die­se Män­gel nicht zur Unwirk­sam­keit der Ankla­ge und kön­nen auch nicht mit der Revi­si­on gel­tend gemacht wer­den1.

Die Ankla­ge­schrift – und ihre Umgrenzungsfunktion

Sie kön­nen in der Haupt­ver­hand­lung durch einen Hin­weis nach § 265 StPO zu hei­len sein und geheilt wer­den2.

Im Unter­las­sen danach erfor­der­li­cher Hin­wei­se kann ein Rechts­feh­ler lie­gen, der mit einer ent­spre­chen­den Ver­fah­rens­rüge gel­tend zu machen wäre.

Eine sol­che hat der Ange­klag­te im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht erho­ben, son­dern ledig­lich eine „Ver­let­zung von § 200 StPO i.V.m. dem Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens“ bean­stan­det. Die von ihm gerüg­te Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Fair­ness­ge­bots kann auch nicht ohne Wei­te­res in eine sol­che umge­deu­tet wer­den, da des­sen Anwen­dungs­be­reich sich mit dem­je­ni­gen des gericht­li­chen Hin­wei­ses nach § 265 StPO nicht deckt3. § 265 StPO sichert den Anspruch des Ange­klag­ten auf ein fai­res Ver­fah­ren nur inso­weit, als ihm die Mög­lich­keit gege­ben wer­den soll, sich mit den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grund­la­gen einer dro­hen­den Ver­ur­tei­lung aus­ein­an­der­zu­set­zen, die vom zuge­las­se­nen Ankla­ge­satz abwei­chen4. Damit kann die Angriffs­rich­tung der Rügen zwar im Ein­zel­fall gleich sein, wenn die Ver­tei­di­gungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten gera­de durch einen unter­blie­be­nen recht­li­chen Hin­weis beein­träch­tigt wur­den. Der Ange­klag­te hat vor­lie­gend aber den Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens als ver­letzt gerügt, weil die Ankla­ge ihre Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on nicht erfül­le. Dies­be­züg­lich sind die Rügen ver­schie­den5. Soweit der Ange­klag­te in der Sache das Feh­len eines recht­li­chen Hin­wei­ses gel­tend macht, deckt sich die­ser Tat­sa­chen­vor­trag nicht mit der Angriffs­rich­tung sei­ner Rüge.

Weiterlesen:
Anklageschrift - und ihre Mindestanforderungen

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. April 2020 – 6 StR 52/​20

  1. vgl. BGH, Urteil vom 29.07.1998 – 1 StR 94/​98, BGHSt 44, 153, 156 f.; MeyerGoßner/​Schmitt, StPO, 62. Aufl.2019, § 200 Rn. 27[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 45; vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09, NJW 2010, 308; vom 09.01.2018 – 1 StR 370/​17, NJW 2018, 878, 879[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.05.1980 – 4 StR 172/​80, BGHSt 29, 274, 278; vom 18.06.2019 – 5 StR 20/​19, NStZ 2019, 748, 751[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.12.2005 – 2 BvR 1769/​04; BGH, Beschluss vom 18.06.2019, aaO[]
  5. vgl. dazu BGH, Urteil vom 11.10.2012 – 1 StR 213/​10 [inso­weit nicht abge­druckt in BGHSt 58, 15]; Beschluss vom 29.08.2006 – 1 StR 371/​06, NStZ 2007, 161, 162[]