Die Ankla­ge­schrift – und ihre Umgren­zungs­funk­ti­on

Die Ankla­ge hat die dem Ange­klag­ten zur Last geleg­te Tat sowie Zeit und Ort ihrer Bege­hung so genau zu bezeich­nen, dass die Iden­ti­tät des geschicht­li­chen Vor­gangs klar­ge­stellt und erkenn­bar wird, wel­che bestimm­te Tat gemeint ist; sie muss sich von ande­ren gleich­ar­ti­gen straf­ba­ren Hand­lun­gen des­sel­ben Täters unter­schei­den las­sen (Umgren­zungs­funk­ti­on).

Die Ankla­ge­schrift – und ihre Umgren­zungs­funk­ti­on

Die began­ge­ne, kon­kre­te Tat muss durch bestimm­te Tat­um­stän­de so genau gekenn­zeich­net wer­den, dass kei­ne Unklar­heit dar­über mög­lich ist, wel­che Hand­lun­gen dem Ange­klag­ten zur Last gelegt wer­den. Dabei muss die Schil­de­rung umso kon­kre­ter sein, je grö­ßer die all­ge­mei­ne Mög­lich­keit ist, dass der Ange­klag­te ver­wech­sel­ba­re wei­te­re Straf­ta­ten glei­cher Art ver­übt hat 1. Fehlt es hier­an, so ist die Ankla­ge unwirk­sam 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die – bezo­gen auf die Untreue­vor­wür­fe – unver­än­dert zur Haupt­ver­hand­lung zuge­las­se­ne Ankla­ge, auch unter Her­an­zie­hung des in der Ankla­ge­schrift nie­der­ge­leg­ten und zur Ergän­zung und Aus­le­gung des Ankla­ge­sat­zes her­an­zu­zie­hen­den wesent­li­chen Ergeb­nis­ses der Ermitt­lun­gen 3, nicht gerecht:

Mit der Ankla­ge­schrift legt die Staats­an­walt­schaft dem Ange­klag­ten 7 sie­ben tat­mehr­heit­li­che Fäl­le der Untreue zur Last. Dem Ange­klag­ten wird vor­ge­wor­fen, er habe als Geschäfts­füh­rer einer in der Rechts­form der KG betrie­be­nen Ver­si­che­rungs­mak­ler­fir­ma die ihm auf­grund einer Bei­tragsin­kas­so­ver­ein­ba­rung oblie­gen­de Pflicht ver­letzt, von drei Kun­den ein­ge­zo­ge­ne fäl­li­ge Ver­si­che­rungs­prä­mi­en nach Abzug sei­ner Pro­vi­si­on auf einem geson­der­ten Kon­to getrennt auf­zu­be­wah­ren, die­se bis zum Ablauf einer Frist von vier Mona­ten mit der G. Ver­si­che­rung abzu­rech­nen und an die­se wei­ter­zu­lei­ten. Im Ein­zel­nen führt die Ankla­ge­schrift sie­ben Beträ­ge unter­schied­li­cher Höhe mit Fäl­lig­keits­da­ten zwi­schen dem 1.01.2010 und dem 30.04.2011 auf, bei denen es "zum Ablauf der 4Monats­frist zu Unter­las­sun­gen hin­sicht­lich der geson­der­ten Ver­wah­rung und Abfüh­rung der für die G. ein­nahm­ten Prä­mi­en­sum­men gekom­men" sei. Ver­si­che­rung ver­Ins­ge­samt sei­en damit 2.663.425, 32 € pflicht­wid­rig nicht geson­dert ver­wahrt und nicht an die G. Ver­si­che­rung abge­führt" wor­den. Ver­rech­net mit Pro­vi­si­ons­gut­ha­ben des Ange­klag­ten in Höhe von 31.730, 82 € sei der G. Ver­si­che­rung dar­aus ein "Aus­fall in Höhe von ins­ge­samt 2.613.684, 50 € ent­stan­den".

Im wesent­li­chen Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen wird zu den genann­ten Beträ­gen ledig­lich aus­ge­führt, dass sich "die im kon­kre­ten Ankla­ge­satz dar­ge­stell­ten Sach­ver­hal­te aus den durch die G. Ver­si­che­rung vor­ge­leg­ten Unter­la­gen, ins­be­son­de­re den über­sand­ten Aus­dru­cken aus der dor­ti­gen EDV zur Fäl­lig­keit der Prä­mi­en­for­de­rung gegen­über den Groß­kun­den des Ange­schul­dig­ten erge­ben."

Nach der Ankla­ge bleibt offen, wel­ches von ande­ren gleich­ar­ti­gen Taten abgrenz­ba­re, indi­vi­dua­li­sier­ba­re Ver­hal­ten im Zusam­men­hang mit dem Prä­mi­en­in­kas­so als untreu­ere­le­van­te und zu einem Scha­den der Ver­si­che­rung füh­ren­de Pflicht­ver­let­zung dem Ange­klag­ten zur Last gelegt wer­den soll. Einer beson­de­ren Kon­kre­ti­sie­rung hät­te es – auch vor dem Hin­ter­grund des ver­fas­sungs­recht­li­chen Prä­zi­sie­rungs­ge­bots beim Untreu­e­tat­be­stand 4 – schon des­halb bedurft, weil die Prä­mi­en der Groß­kun­den – wie die Ankla­ge aus­führt – nach der Mak­ler­in­kas­so­ver­ein­ba­rung lau­fend abzu­rech­nen waren und wei­te­re Ver­bind­lich­kei­ten bestan­den, so dass im sech­zehn­mo­na­ti­gen Tat­zeit­raum über die in der Ankla­ge genann­ten Zah­lun­gen hin­aus zahl­rei­che zusätz­li­che Prä­mi­en auf den (der Zahl nach nicht mit­ge­teil­ten) all­ge­mei­nen Geschäfts­kon­ten der KG ver­ein­nahmt wor­den sein müs­sen.

Die in der Ankla­ge­schrift genann­ten ein­zel­nen Prä­mi­en­sum­men sind kei­nem der drei nament­lich genann­ten Kun­den indi­vi­du­ell zuge­ord­net. Damit bleibt bereits offen, ob es sich jeweils um die Sum­me der alle drei Kun­den betref­fen­den Prä­mi­en oder um ein­zel­ne Prä­mi­en jeweils eines Kun­den han­delt. Eine die prä­zi­se Iden­ti­fi­zie­rung ermög­li­chen­de Zuord­nung der Beträ­ge zu bestimm­ten Ver­si­che­rungs­ver­trä­gen oder Bei­trags­rech­nun­gen fehlt. Auch wer­den kei­ne nähe­ren Tat­um­stän­de genannt, die eine Kon­kre­ti­sie­rung der Taten zulas­sen (wie die Auf­schlüs­se­lung nach den Kon­ten der KG, die Anga­be der Zeit­punk­te des Ver­sands der Bei­trags­rech­nun­gen oder des Ein­gangs des jewei­li­gen Ein­zel­be­trags auf den Fir­men­kon­ten).

Der Tat­zeit­punkt ist eben­falls nicht aus­rei­chend genau bestimmt. Dadurch, dass auf Unter­las­sun­gen "zum Ablauf der 4Monatsfrist" rekur­riert und bei den ein­zel­nen Beträ­gen ein kon­kre­tes Fäl­lig­keits­da­tum ange­ge­ben wird, ist nicht erkenn­bar, ob die Ankla­ge auf die Fäl­lig­keit der Prä­mi­en­for­de­rung der Ver­si­che­rung gegen­über dem Kun­den oder auf die Fäl­lig­keit der Wei­ter­lei­tung ein­ge­zo­ge­ner Prä­mi­en durch den Ange­klag­ten an die Ver­si­che­rung abstellt.

Auch die Anga­be des Pro­vi­si­ons­gut­ha­bens des Ange­klag­ten ermög­licht inso­weit kei­ne gegen­ständ­li­che Dif­fe­ren­zie­rung der Ein­zel­vor­wür­fe, da unklar ist, wor­aus und für wel­chen Zeit­raum der Pro­vi­si­ons­an­spruch errech­net ist. Aus die­sem Grund bleibt auch die Höhe des ange­nom­me­nen Scha­dens in den jewei­li­gen Ein­zel­fäl­len offen.

Soweit die Ankla­ge im wesent­li­chen Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen mit­teilt, die Staats­an­walt­schaft habe hin­sicht­lich "eini­ger klei­ne­rer Sum­men­ver­bind­lich­kei­ten" gemäß § 154 StPO von der Ver­fol­gung abge­se­hen, ist nicht nach­voll­zieh­bar, wel­che Prä­mi­en­zah­lun­gen davon erfasst wer­den. Zur nähe­ren Bestim­mung der ankla­ge­ge­gen­ständ­li­chen Prä­mi­en­for­de­run­gen kann daher auch die Ein­stel­lungs­ver­fü­gung nicht bei­tra­gen.

Das Ver­fah­ren war daher inso­weit ein­zu­stel­len. Dies steht einer neu­en, den ver­fah­rens­recht­li­chen Anfor­de­run­gen gerecht wer­den­den Ankla­ge nicht ent­ge­gen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. April 2019 – 2 StR 430/​17

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – 1 StR 412/​11, NJW 2012, 867, 868; MükoStPO/​Wenske, § 200 Rn.19 mwN[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 23.08.2017 – 2 StR 456/​16, NStZ 2018, 347, 349[]
  3. vgl. BGH, aaO[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 23.06.2010 – 2 BvR 2559/​08, BVerfGE 126, 170, 198[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09, NJW 2010, 308, 309; Beschluss vom 29.11.1994 – 4 StR 648/​94, NStZ 1995, 245 f.[]