Die Antrags­schrift im Siche­rungs­ver­fah­ren – und die Umgren­zungs­funk­ti­on

Die Antrags­schrift ist wirk­sam, wenn sie die not­wen­di­gen Anga­ben zur Bestim­mung des Ver­fah­rens­ge­gen­stan­des ent­hält und damit ihrer Umgren­zungs­funk­ti­on genügt.

Die Antrags­schrift im Siche­rungs­ver­fah­ren – und die Umgren­zungs­funk­ti­on

Eine Antrags­schrift muss nach § 414 Abs. 2 Satz 2 StPO den Erfor­der­nis­sen einer Ankla­ge­schrift genü­gen. Sie hat nach § 200 Abs. 1 Satz 1 StPO die zur Last geleg­te Tat sowie Zeit und Ort ihrer Bege­hung so genau zu bezeich­nen, dass die Iden­ti­tät des geschicht­li­chen Vor­gangs dar­ge­stellt und erkenn­bar wird, wel­che bestimm­te Tat gemeint ist; sie muss sich von ande­ren gleich­ar­ti­gen straf­ba­ren Hand­lun­gen des­sel­ben Täters unter­schei­den las­sen 1.

Wann eine Tat als his­to­ri­sches Ereig­nis hin­rei­chend umgrenzt ist, kann, wie bei einer Ankla­ge­schrift, nicht abs­trakt, son­dern nur nach Maß­ga­be der Umstän­de des jewei­li­gen Ein­zel­falls bestimmt wer­den 2. Bei einer Viel­zahl sexu­el­ler Über­grif­fe gegen­über Kin­dern, die häu­fig erst nach län­ge­rer Zeit ange­zeigt wer­den, ist eine Indi­vi­dua­li­sie­rung nach Tat­zeit und exak­tem Gesche­hens­ab­lauf oft­mals nicht mög­lich. In die­sen Fäl­len erfüllt eine Ankla­ge­schrift daher bereits dann ihre Umgren­zungs­funk­ti­on, wenn sie den Ver­fah­rens­ge­gen­stand durch die Fest­le­gung des zeit­li­chen Rah­mens der Tat­se­rie, die Nen­nung der Höchst­zahl der nach dem Ankla­ge­vor­wurf inner­halb die­ses Rah­mens began­ge­nen Taten, das Tat­op­fer und die wesent­li­chen Grund­zü­ge des Tat­ge­sche­hens bezeich­net 3.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de die Antrags­schrift im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall noch gerecht. Sie legt dar, dass es in den genau bezeich­ne­ten Räum­lich­kei­ten in den ange­ge­be­nen Tat­zeit­räu­men zu einer Viel­zahl näher bestimm­ter sexu­el­ler Über­grif­fe des Ange­klag­ten auf die Neben­klä­ge­rin gekom­men ist. Indem an den ver­schie­de­nen Tat­or­ten eine jeweils zwei­ma­li­ge Aus­füh­rung zugrun­de gelegt wird, ist auch die Min­dest­zahl hin­rei­chend bestimmt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Febru­ar 2018 – 2 StR 390/​17

  1. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – 1 StR 412/​11, BGHSt 57, 88, 91[]
  2. BGH, Beschluss vom 26.04.2017 – 2 StR 242/​16, wis­tra 2018, 49, 50; Alt­va­ter in FS-BGH (2000), S. 495, 512 f.[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.10.2013 – 5 StR 297/​13, NStZ 2014, 49; vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 46 f.; vom 29.07.1998 – 1 StR 94/​98, BGHSt 44, 153, 154 f. mwN[]