Die Aus­lie­fe­rung auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls

Im Ver­fah­ren über die Aus­lie­fe­rung auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls fin­det grund­sätz­lich kei­ne Tat­ver­dachts­prü­fung statt. Der ersu­chen­de Staat ist des­halb regel­mä­ßig nicht ver­pflich­tet, im Euro­päi­schen Haft­be­fehl nähe­re Aus­füh­run­gen zu den Beweis­ergeb­nis­sen zu machen.

Die Aus­lie­fe­rung auf­grund eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls

Die Aus­lie­fe­rung des Ver­folg­ten zum Zwe­cke der Straf­ver­fol­gung ist zuläs­sig (§ 29 IRG), wenn sich die ihm zur Last geleg­te Tat als aus­lie­fe­rungs­fä­hi­ge straf­ba­re Hand­lung im Sin­ne der §§ 3, 81 IRG dar­stellt. Die bei­der­sei­ti­ge Straf­bar­keit ist gemäß § 81 Nr. 4 IRG nicht zu prü­fen, weil es sich um eine Kata­log­tat im Sin­ne des Art. 2 Abs. 2 RbEu­Hb han­delt, die nach dem Recht des ersu­chen­den Staa­tes mit Frei­heits­stra­fe im Höchst­maß von min­des­tens drei Jah­ren bedroht wird.

Soweit der Ver­folg­te durch pau­scha­le Erklä­rung im Ver­neh­mungs­ter­min die Berech­ti­gung des von den fin­ni­schen Jus­tiz­be­hör­den gegen ihn erho­be­nen Vor­wurfs in Abre­de stellt, hat er hier­mit kei­nen Erfolg. Im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren der vor­lie­gen­den Art fin­det eine Tat­ver­dachts­prü­fung grund­sätz­lich nicht statt; auch liegt ein Aus­nah­me­fall, in dem beson­de­re Umstän­de im Sin­ne des § 10 Abs. 2 IRG eine sol­che Prü­fung ver­an­las­sen wür­den [1], nicht vor. Das deut­sche Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren ist kein Straf­ver­fah­ren, son­dern ledig­lich ein Ver­fah­ren zur Unter­stüt­zung einer aus­län­di­schen Straf­ver­fol­gung. Es über­lässt des­halb jeden­falls im ver­trag­li­chen Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr und ins­be­son­de­re auch im spe­zi­fi­schen Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr nach dem Euro­päi­schen Haft­be­fehls­ge­setz die – ganz über­wie­gend auf tat­säch­li­chem Gebiet lie­gen­de – Prü­fung des Tat­ver­dachts dem aus­län­di­schen Ver­fah­ren und über­trägt dem inlän­di­schen Rich­ter, der über die Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung zur Straf­ver­fol­gung zu befin­den hat, nur die Prü­fung der in den Aus­lie­fe­rungs­be­stim­mun­gen geschaf­fe­nen – for­mel­len – Siche­run­gen gegen eine unzu­läs­si­ge Unter­stüt­zung des aus­län­di­schen Ver­fah­rens [2]. Eine sol­che Prü­fung ist nur dann zuläs­sig und gebo­ten, wenn und soweit hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass der ersu­chen­de Staat sei­nen Anspruch auf Aus­lie­fe­rung miss­bräuch­lich gel­tend macht, oder die beson­de­ren Umstän­de des Fal­les befürch­ten las­sen, dass der Ver­folg­te im Fal­le sei­ner Aus­lie­fe­rung einem Ver­fah­ren aus­ge­setzt wäre, das gegen unab­ding­ba­re, von allen Rechts­staa­ten aner­kann­te Grund­sät­ze und damit gegen den völ­ker­recht­lich ver­bind­li­chen Min­dest­stan­dard im Sin­ne des Art. 25 GG ver­sto­ßen wür­de, und die Tat­ver­dachts­prü­fung dar­über Auf­schluss geben kann [3].

Kam­mer­ge­richt, Beschlüs­se vom 10. Janu­ar 2013 – (4) 151 Aus­lA 145/​12 (216/​12), (4) 151 Ausl A 145/​12 (216/​12) sowie (4) 151 Aus­lA 144/​12 (215/​12), (4) 151 Ausl A 144/​12 (215/​12)

  1. vgl. hier­zu Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 5. Aufl., § 10 Rn. 29 ff.[]
  2. vgl. BGHSt 25, 374 ff.; 2, 44, 48 ff.; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 14.09.2009 – 1 AK 43/​09; OLG Hamm, Beschluss vom 14.12.2010 – 1 Ausl 50/​10[]
  3. vgl. KG, Beschluss vom 15.10.2012 – (4) 151 Ausl.A. 114/​12 (166/​12), m.w.N.; OLG Dres­den NStZ 2009, 462, 463; OLG Köln, Beschluss vom 06.10.2011 – 6 Aus­lA 84/​11-58[]