Die dem (ver­meint­li­chen) Opfer ver­sag­te Ein­sicht in die Ermitt­lungs­ak­ten

An der für alle Pro­zess­ord­nun­gen gel­ten­den Garan­tie eines fai­ren Ver­fah­rens sind all die­je­ni­gen Beschrän­kun­gen zu mes­sen, die von den spe­zi­el­le­ren grund­recht­li­chen Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en nicht erfasst wer­den 1. Das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren hat als pro­zes­sua­les "Auf­fang­grund­recht" aller­dings kei­nen fest­ste­hen­den Gewähr­leis­tungs­um­fang, son­dern bedarf der Kon­kre­ti­sie­rung je nach den sach­li­chen Gege­ben­hei­ten. Eine Ver­let­zung liegt erst vor, wenn eine Gesamt­schau auf das Ver­fah­rens­recht auch in sei­ner Aus­le­gung und Anwen­dung durch die Fach­ge­rich­te ergibt, dass rechts­staat­lich zwin­gen­de Fol­ge­run­gen nicht gezo­gen wor­den sind oder rechts­staat­lich Unver­zicht­ba­res preis­ge­ge­ben wor­den ist 2.

Die dem (ver­meint­li­chen) Opfer ver­sag­te Ein­sicht in die Ermitt­lungs­ak­ten

Hin­sicht­lich des Straf­ver­fah­rens schei­det eine Beschrän­kung ver­fah­rens­mä­ßi­ger Rech­te (ver­meint­lich) betrof­fe­ner Opfer aus, soweit sie eine Betei­li­gung am Straf­ver­fah­ren im eigent­li­chen Sin­ne nicht anstre­ben (kön­nen).

Nichts ande­res gilt mit Blick auf das von ihnen betrie­be­ne Zivil­ver­fah­ren. Das Grund­recht auf fai­re Ver­fah­rens­ge­stal­tung gibt hier außer­halb des straf­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens kei­ne Rech­te bei der Füh­rung ande­rer, zivil­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren.

Ob in ande­ren Situa­tio­nen anders zu ent­schei­den ist, bedurf­te im vor­lie­gen­den Fall kei­ner Ent­schei­dung. Denn jeden­falls haben die Beschwer­de­füh­rer kei­ne struk­tu­rell begrün­de­te Beweis­not von sol­chem Gewicht dar­ge­tan, dass die­se nur durch ein Akten­ein­sichts­recht in dem betref­fen­den Straf­ver­fah­ren beho­ben wer­den könn­te und so einen ver­fas­sungs­un­mit­tel­ba­ren Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fungs­an­spruch durch die Stel­len der Straf­rechts­pfle­ge zur För­de­rung eines Zivil­rechts­streits begrün­den könn­te 3.

Die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen sind nicht will­kür­lich (Art. 3 Abs. 1 GG). Die ein­gren­zen­de Aus­le­gung des Begriffs des von der Straf­tat Ver­letz­ten nach § 406e Abs. 1 StPO anhand des Schutz­zwecks der – als ver­letzt unter­stell­ten – Straf­norm ist eine in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur gän­gi­ge Dif­fe­ren­zie­rung 4. Der Rück­griff auf den Schutz­zweck­zu­sam­men­hang zur Bestim­mung der im Sin­ne des Straf­ver­fah­rens Ver­letz­ten liegt eben­so im fach­ge­richt­li­chen Wer­tungs­rah­men wie die Annah­me, dass die Straf­norm des § 20a WpHG nicht dritt­schüt­zend sei 5.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Dezem­ber 2015 – 1 BvR 2449/​14

  1. vgl. BVerfGE 83, 182, 194; 109, 13, 34; 110, 339, 342; 113, 29, 47[]
  2. vgl. BVerfGE 130, 1, 25 f. m.w.N.; BVerfG, Beschluss vom 05.07.2006 – 2 BvR 1317/​05, NJW 2007, S.204, 205[]
  3. hier­zu bereits BVerfG, Beschluss vom 24.03.1987 – 2 BvR 1203/​86, NJW 1988, 405[]
  4. vgl. bei­spiel­haft LG Ber­lin, Beschluss vom 15.02.2010 – (519) 3 Wi Js 1665/​07 KLs (03/​09) u.a.; Riedel/​Wallau, NStZ 2003, S. 393, 395; ver­tieft zum Mei­nungs­stand: BVerfG, Beschluss vom 04.12 2008 – 2 BvR 1043/​08[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 13.12 2011 – XI ZR 51/​10, BGHZ 192, 90, 97 ff.[]