Die sich selbst schä­di­gen­de Ehe­frau – und die Garan­ten­stel­lung des Ehe­man­nes

Jeden­falls bei bestehen­der Lebens­ge­mein­schaft sind die Ehe­gat­ten ein­an­der als Garan­ten zum Schutz ver­pflich­tet 1.

Die sich selbst schä­di­gen­de Ehe­frau – und die Garan­ten­stel­lung des Ehe­man­nes

Zwar unter­fällt nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine eigen­ver­ant­wort­lich gewoll­te und ver­wirk­lich­te Selbst­ge­fähr­dung grund­sätz­lich nicht den Tat­be­stän­den eines Kör­per­ver­let­zungs- oder Tötungs­de­likts, wenn sich das mit der Gefähr­dung vom Opfer bewusst ein­ge­gan­ge­ne Risi­ko rea­li­siert. Wer eine sol­che Gefähr­dung ver­an­lasst, ermög­licht oder för­dert, kann daher nicht wegen eines Kör­per­ver­let­zungs- oder Tötungs­de­likts ver­ur­teilt wer­den; denn er nimmt an einem Gesche­hen teil, wel­ches – soweit es um die Straf­bar­keit wegen Tötung oder Kör­per­ver­let­zung geht – kein tat­be­stands­mä­ßi­ger und damit straf­ba­rer Vor­gang ist 2.

Eine eigen­ver­ant­wort­li­che Selbst­ge­fähr­dung ihres Lebens oder ihrer Gesund­heit durch die Ehe­frau schloss hier jedoch die Garan­ten­pflicht des Ehe­man­nes zur Abwen­dung der (zumin­dest) lebens­ge­fähr­li­chen Gesund­heits­schä­di­gung der Neben­klä­ge­rin nicht aus:

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass die Erfolgs­ab­wen­dungs­pflicht eines Garan­ten nicht stets schon dann ent­fällt, wenn sein Ver­hal­ten zunächst ledig­lich eine eigen­ver­ant­wort­li­che Selbst­ge­fähr­dung der­je­ni­gen Per­son ermög­licht, für des­sen Rechts­gut bzw. Rechts­gü­ter er als Garant recht­lich im Sin­ne von § 13 Abs. 1 StGB ein­zu­ste­hen hat 3. Die Straf­lo­sig­keit des auf die Her­bei­füh­rung des Risi­kos gerich­te­ten Ver­hal­tens ändert nichts dar­an, dass für den Täter Garan­ten­pflich­ten in dem Zeit­punkt bestehen, in dem aus dem all­ge­mei­nen Risi­ko eine beson­de­re Gefah­ren­la­ge erwächst. Mit dem Ein­tritt einer sol­chen Gefah­ren­la­ge ist der Täter ver­pflich­tet, den dro­hen­den Erfolg abzu­wen­den 4.

An die­sen Grund­sät­zen ist jeden­falls dann fest­zu­hal­ten, wenn das Ver­hal­ten des Opfers sich in Bezug auf das Rechts­gut Leben und Gesund­heit in einer eigen­ver­ant­wort­li­chen Selbst­ge­fähr­dung erschöpft 5. In die­sen Fäl­len bleibt zwar die Betei­li­gung an der eigen­ver­ant­wort­li­chen Selbst­ge­fähr­dung für einen Garan­ten an sich straf­frei, bei Rea­li­sie­rung des von dem betrof­fe­nen Rechts­guts­in­ha­ber ein­ge­gan­ge­nen Risi­kos besteht indes eine straf­be­wehr­te Erfolgs­ab­wen­dungs­pflicht aus § 13 Abs. 1 StGB. Denn anders als in den Selbst­tö­tungs­fäl­len erschöpft sich im Fall der Selbst­ge­fähr­dung die Preis­ga­be des eige­nen Rechts­guts gera­de dar­in, die­ses in einem vom Betrof­fe­nen jeden­falls in sei­nem wesent­li­chen Grad zutref­fend erkann­ten Umfang einem Risi­ko aus­zu­set­zen. Eine Hin­nah­me des als mög­lich erkann­ten Erfolgs­ein­tritts bei Rea­li­sie­rung des ein­ge­gan­ge­nen Risi­kos ist mit der Vor­nah­me der Selbst­ge­fähr­dung indes nicht not­wen­dig ver­bun­den. Ent­wi­ckelt sich das allein auf Selbst­ge­fähr­dung ange­leg­te Gesche­hen daher erwar­tungs­wid­rig in Rich­tung auf den Ver­lust des Rechts­guts, umfasst die ursprüng­li­che Ent­schei­dung des Rechts­guts­in­ha­bers für die (blo­ße) Gefähr­dung sei­nes Rechts­guts nicht zugleich den Ver­zicht auf Maß­nah­men zum Erhalt des nun­mehr in einen Zustand kon­kre­ter Gefahr gera­te­nen Rechts­guts. Eine Per­son, die nach den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des § 13 Abs. 1 StGB Garant für das bedroh­te Rechts­gut ist, trifft dann im Rah­men des tat­säch­lich Mög­li­chen und ihr recht­lich Zumut­ba­ren die Pflicht, den Ein­tritt des tat­be­stand­li­chen Erfolgs abzu­wen­den 6.

Ist die Ehe­frau nicht (mehr) zu einer hin­rei­chen­den Risi­ko­be­ur­tei­lung und abwä­gung in der Lage, hat das zur Fol­ge, dass der Ehe­mann man­gels Eigen­ver­ant­wort­lich­keit der sich bis dahin (allen­falls) selbst gefähr­den­den Ehe­frau die Tat- bzw. Hand­lungs­herr­schaft über das Gesche­hen erlangt 7.

Die Ehe­frau hat­te im vor­lie­gen­den Fall in ihre (wei­te­re) Gesund­heits­schä­di­gung auch nicht wirk­sam ein­ge­wil­ligt (§ 228 StGB).

Denn dies setzt – unter ande­rem – vor­aus, dass sie einen ent­spre­chen­den Wil­len frei bil­den und ent­spre­chend han­deln konn­te 8. Hier­an fehl­te es indes jeden­falls ab dem hier maß­geb­li­chen, oben beschrie­be­nen Zeit­punkt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Novem­ber 2016 – 4 StR 289/​16

  1. BGH, Urteil vom 24.07.2003 – 3 StR 153/​03, JR 2004, 156 m. Anm. Rönnau[]
  2. vgl. etwa BGH, Urteil vom 28.01.2014 – 1 StR 494/​13, BGHSt 59, 150, 167 Rn. 71; Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, NStZ 2016, 406 f.[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.06.1984 – 3 StR 144/​84, NStZ 1984, 452; und vom 09.11.1984 – 2 StR 257/​84, NStZ 1985, 319, 320; Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, NStZ 2016, 406 f.[]
  4. BGH, Urtei­le vom 27.06.1984 – 3 StR 144/​84, NStZ 1984, 452; und vom 09.11.1984 – 2 StR 257/​84, NStZ 1985, 319, 320; Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, NStZ 2016, 406 f.[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, NStZ 2016, 406 f.[]
  6. BGH, Beschluss vom 05.08.2015 – 1 StR 328/​15, NStZ 2016, 406 f. mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 16.01.2014 – 1 StR 389/​13, BGHR StGB § 227 Betei­li­gung 4, Rn.20, 31; fer­ner BGH, Beschluss vom 11.01.2011 – 5 StR 491/​10, JR 2011, 266, 267 m. Anm. Kotz; Urteil vom 28.01.2014 – 1 StR 494/​13, BGHSt 59, 150, 168, Rn. 73 mwN[]
  8. vgl. EGMR, Urteil vom 19.07.2012 – 497/​12, NJW 2013, 2953, 2955 mwN; BGH, Beschluss vom 10.11.2010 – 2 StR 320/​10, JR 2011, 316, 317 m. Anm. Olzen/​Metzmacher[]