Die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on im Gefü­ge deut­scher Geset­ze

Inner­halb der deut­schen Rechts­ord­nung ste­hen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und ihre Zusatz­pro­to­kol­le – soweit sie für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Kraft getre­ten sind – im Ran­ge eines Bun­des­ge­set­zes1. Gleich­wohl besit­zen die Gewähr­leis­tun­gen der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung, indem sie die Aus­le­gung der Grund­rech­te und rechts­staat­li­chen Grund­sät­ze des Grund­ge­set­zes beein­flus­sen2.

Die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on im Gefü­ge deut­scher Geset­ze

Der Kon­ven­ti­ons­text und die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te die­nen nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auf der Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts als Aus­le­gungs­hil­fen für die Bestim­mung von Inhalt und Reich­wei­te von Grund­rech­ten und rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen des Grund­ge­set­zes, sofern dies nicht zu einer – von der Kon­ven­ti­on selbst nicht gewoll­ten (vgl. Art. 53 EMRK) – Ein­schrän­kung oder Min­de­rung des Grund­rechts­schut­zes nach dem Grund­ge­setz führt3.

Die Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in Ver­fah­ren gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sind nach Art. 46 EMRK zu befol­gen. Im Rah­men der Her­an­zie­hung der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on als Aus­le­gungs­hil­fe berück­sich­tigt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te aber auch dann, wenn sie nicht den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betref­fen. Dies beruht auf der jeden­falls fak­ti­schen Ori­en­tie­rungs- und Leit­funk­ti­on, die der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te für die Aus­le­gung der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on auch über den kon­kret ent­schie­de­nen Ein­zel­fall hin­aus zukommt4. Die inner­staat­li­chen Wir­kun­gen der Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te erschöp­fen sich inso­weit nicht in einer aus Art.20 Abs. 3 GG in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 GG abzu­lei­ten­den und auf die den kon­kre­ten Ent­schei­dun­gen zugrun­de­lie­gen­den Lebens­sach­ver­hal­te begrenz­ten Berück­sich­ti­gungs­pflicht, denn das Grund­ge­setz will vor dem Hin­ter­grund der zumin­dest fak­ti­schen Prä­ze­denz­wir­kung der Ent­schei­dun­gen inter­na­tio­na­ler Gerich­te Kon­flik­te zwi­schen den völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und dem natio­na­len Recht nach Mög­lich­keit ver­mei­den5.

Die Her­an­zie­hung der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on als Aus­le­gungs­hil­fe für die Bestim­mun­gen des Grund­ge­set­zes zielt nicht auf eine sche­ma­ti­sche Par­al­le­li­sie­rung ein­zel­ner ver­fas­sungs­recht­li­cher Begrif­fe6, son­dern dient der Ver­mei­dung von Völ­ker­rechts­ver­let­zun­gen. Die Besei­ti­gung oder Ver­mei­dung einer Völ­ker­rechts­ver­let­zung wird zwar viel­fach leich­ter zu errei­chen sein, wenn das inner­staat­li­che Recht mit der Kon­ven­ti­on har­mo­ni­siert wird. Völ­ker­recht­lich betrach­tet ist das jedoch nicht zwin­gend: Die Kon­ven­ti­on über­lässt es den Ver­trags­par­tei­en, in wel­cher Wei­se sie ihrer Pflicht zur Beach­tung der Ver­trags­vor­schrif­ten genü­gen7. Vor die­sem Hin­ter­grund gilt auch für die völ­ker­rechts­freund­li­che Aus­le­gung der Begrif­fe des Grund­ge­set­zes ähn­lich wie für eine ver­fas­sungs­ver­glei­chen­de Aus­le­gung, dass Ähn­lich­kei­ten im Norm­text nicht über Unter­schie­de, die sich aus dem Kon­text der Rechts­ord­nun­gen erge­ben, hin­weg­täu­schen dür­fen. Die men­schen­recht­li­chen Gehal­te des jeweils in Rede ste­hen­den völ­ker­recht­li­chen Ver­trags müs­sen im Rah­men eines akti­ven (Rezeptions-)Vorgangs in den Kon­text der auf­neh­men­den Ver­fas­sungs­ord­nung "umge­dacht" wer­den8.

Ein Kon­flikt mit Grund­wer­tun­gen der Kon­ven­ti­on ist dabei nach Mög­lich­keit zu ver­mei­den. Die Aner­ken­nung einer Ori­en­tie­rungs- und Leit­funk­ti­on setzt damit ein Moment der Ver­gleich­bar­keit vor­aus. Bei der Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te sind der kon­kre­te Sach­ver­halt des ent­schie­de­nen Fal­les und sein (rechts­kul­tu­rel­ler) Hin­ter­grund eben­so mit ein­zu­stel­len wie mög­li­che spe­zi­fi­sche Beson­der­hei­ten der deut­schen Rechts­ord­nung, die einer undif­fe­ren­zier­ten Über­tra­gung im Sin­ne einer blo­ßen "Begriffs­par­al­le­li­sie­rung" ent­ge­gen­ste­hen. Die Leit- und Ori­en­tie­rungs-funk­ti­on ist dort beson­ders groß, wo sie sich auf Par­al­lel­fäl­le im Gel­tungs­be­reich der­sel­ben Rechts­ord­nung bezieht, mit­hin (ande­re) Ver­fah­ren in dem von der Aus­gangs­ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te betrof­fe­nen Ver­trags­staat betrof­fen sind9.

Die Gren­zen einer völ­ker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung erge­ben sich aus dem Grund­ge­setz. Die Mög­lich­kei­ten einer kon­ven­ti­ons­freund­li­chen Aus­le­gung enden dort, wo die­se nach den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung und Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr ver­tret­bar erscheint10. Soweit im Rah­men gel­ten­der metho­di­scher Stan­dards Aus­le­gungs- und Abwä­gungs­spiel­räu­me eröff­net sind, trifft deut­sche Gerich­te die Pflicht, der kon­ven­ti­ons­ge­mä­ßen Aus­le­gung den Vor­rang zu geben. Etwas ande­res gilt nur dann, wenn die Beach­tung der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te etwa wegen einer geän­der­ten Tat­sa­chen­ba­sis gegen ein­deu­tig ent­ge­gen­ste­hen­des Geset­zes­recht oder deut­sche Ver­fas­sungs­be­stim­mun­gen, nament­lich auch gegen Grund­rech­te Drit­ter ver­stößt11. Es wider­spricht daher nicht dem Ziel der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit, wenn der Gesetz­ge­ber aus­nahms­wei­se Völ­ker­ver­trags­recht nicht beach­tet, sofern nur auf die­se Wei­se ein Ver­stoß gegen tra­gen­de Grund­sät­ze der Ver­fas­sung abzu­wen­den ist12. Im Übri­gen ist auch im Rah­men der kon­ven­ti­ons­freund­li­chen Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te mög­lichst scho­nend in das vor­han­de­ne, dog­ma­tisch aus­dif­fe­ren­zier­te natio­na­le Rechts­sys­tem ein­zu­pas­sen13, wes­halb sich eine unre­flek­tier­te Adap­ti­on völ­ker­recht­li­cher Begrif­fe ver­bie­tet14.

Die ver­fas­sungs- und kon­ven­ti­ons­kon­for­me Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts ist zuvör­derst Auf­ga­be der Fach­ge­rich­te15. Den­noch ist das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in beson­de­rem Maße dazu beru­fen, Ver­let­zun­gen des Völ­ker­rechts, die in der feh­ler­haf­ten Anwen­dung oder Nicht­be­ach­tung völ­ker­recht­li­cher Ver­pflich­tun­gen durch deut­sche Gerich­te lie­gen und eine völ­ker­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit Deutsch­lands begrün­den kön­nen, nach Mög­lich­keit zu ver­hin­dern und zu besei­ti­gen16. Inso­weit kann es gebo­ten sein, abwei­chend von dem her­kömm­li­chen Maß­stab die Anwen­dung und Aus­le­gung völ­ker­recht­li­cher Ver­trä­ge durch die Fach­ge­rich­te zu über­prü­fen17.

Im Sin­ne einer sol­chen, funk­ti­ons­ana­lo­gen Adap­ti­on der Gewähr­leis­tungs­ge­hal­te der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on kommt den aus Art. 5 Abs. 4 EMRK fol­gen­den Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en und der inso­weit ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te im Rah­men der Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs im Haft­be­schwer­de­ver­fah­ren beson­de­re Bedeu­tung zu.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2018 – 2 BvR 745/​18

  1. vgl. BVerfGE 74, 358, 370; 111, 307, 317; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12 127 []
  2. vgl. BVerfGE 74, 358, 370; 83, 119, 128; 111, 307, 316 f., 329; 120, 180, 200 f.; 128, 326, 367 f.; BVerfGK 3, 4, 8; 9, 174, 190; 10, 66, 77; 10, 234, 239; 20, 234, 247 []
  3. vgl. BVerfGE 74, 358, 370; 111, 307, 317; 120, 180, 200 f.; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12 128 []
  4. vgl. BVerfGE 111, 307, 320; 128, 326, 368; BVerfGK 10, 66, 77 f.; 10, 234, 239 []
  5. vgl. BVerfGE 111, 307, 328; 112, 1, 25 f.; BVerfGK 9, 174, 190, 193 []
  6. BVerfGE 137, 273, 320 f. Rn. 128; m.w.N. []
  7. vgl. BVerfGE 111, 307, 316; 128, 326, 370 []
  8. vgl. BVerfGE 128, 326, 370; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12 131, jeweils m.w.N. []
  9. vgl. BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12 132, m.w.N. []
  10. vgl. BVerfGE 111, 307, 329; 128, 326, 371; zur abso­lu­ten Gren­ze des Kern­ge­halts der Ver­fas­sungs­iden­ti­tät des Grund­ge­set­zes gemäß Art. 79 Abs. 3 GG vgl. BVerfGE 123, 267, 344 ff. []
  11. vgl. BVerfGE 111, 307, 329 []
  12. vgl. BVerfGE 111, 307, 319; BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12 133 []
  13. vgl. BVerfGE 111, 307, 327; 128, 326, 371 []
  14. vgl. BVerfG, Urteil vom 12.06.2018 – 2 BvR 1738/​12 135 []
  15. vgl. nur BVerfGE 65, 317, 322 []
  16. vgl. BVerfGE 58, 1, 34; 59, 63, 89; 109, 13, 23; 111, 307, 328 []
  17. vgl. BVerfGE 111, 307, 328 []