Die feh­len­de drit­te Unter­schrift auf dem Ver­bin­dungs­be­schluss

Ist in einem Straf­ver­fah­ren der schrift­li­che Ver­bin­dungs­be­schluss nur von zwei Rich­tern unter­zeich­net wor­den, so ist er den­noch wirk­sam.

Die feh­len­de drit­te Unter­schrift auf dem Ver­bin­dungs­be­schluss

Wel­che Fol­ge dem Feh­len einer rich­ter­li­chen Unter­schrift unter einem Eröff­nungs­be­schluss zukommt – für den Ver­bin­dungs­be­schluss gemäß § 4 StPO kann nichts ande­res gel­ten , wird unter­schied­lich beur­teilt. Nach einer Ansicht ist in der Unter­zeich­nung durch sämt­li­che Rich­ter eine wesent­li­che Förm­lich­keit zu sehen 1, nach ande­rer Auf­fas­sung soll es – unab­hän­gig von der Unter­schrifts­leis­tung – ent­schei­dend dar­auf ankom­men, ob der Beschluss von allen zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­tern gefasst wur­de 2.

Der Bun­des­ge­richts­hof, der die Fra­ge zuletzt offen­ge­las­sen hat 3, folgt der letzt­ge­nann­ten Ansicht. Inso­weit gilt Fol­gen­des:

Beschlüs­se außer­halb der Haupt­ver­hand­lung sind durch Zustel­lung oder form­lo­se Über­sen­dung bekannt zu machen und des­halb schrift­lich zu fas­sen (vgl. § 35 Abs. 2 StPO). Die Straf­pro­zess­ord­nung kennt indes kei­ne Defi­ni­ti­on der Schrift­form. Die in § 126 Abs. 1 BGB ent­hal­te­ne Begriffs­be­stim­mung ist wegen der Eigen­stän­dig­keit des Pro­zess­rechts auf Pro­zess­hand­lun­gen nicht über­trag­bar 4. Das all­ge­mei­ne Sprach­ver­ständ­nis setzt für Schrift­lich­keit eine Unter­schrifts­leis­tung durch den Urhe­ber des Doku­ments nicht vor­aus 5. Dass eine sol­che nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers nicht not­wen­di­ger Bestand­teil des Schrift­form­erfor­der­nis­ses ist, wird bereits dar­aus ersicht­lich, dass die Straf­pro­zess­ord­nung teil­wei­se über die blo­ße Schrift­form (vgl. § 314 Abs. 1, § 341 Abs. 1 StPO) hin­aus die Unter­zeich­nung des Schrift­stücks ver­langt (vgl. § 172 Abs. 3 Satz 2 Halb­satz 1, § 345 Abs. 2, § 366 Abs. 2, § 390 Abs. 2 StPO). Dies gilt vor­lie­gend umso mehr, als mit Blick auf gericht­li­che Ent­schei­dun­gen nur für Urtei­le eine ent­spre­chen­de Rege­lung besteht, § 275 Abs. 2 Satz 1 StPO. Dar­aus folgt im Umkehr­schluss, dass die Unter­zeich­nung eines Beschlus­ses durch den oder die erlas­sen­den Rich­ter kei­ne Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung ist 6.

Die­ser Auf­fas­sung steht die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht ent­ge­gen. Soweit sich in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen die For­mu­lie­rung fin­det, dass schrift­li­che Abfas­sung und Unter­zeich­nung wesent­li­che Förm­lich­kei­ten dar­stell­ten 7, war den zugrun­de­lie­gen­den Fäl­len gemein­sam, dass es bereits an der – nach all­ge­mei­ner Mei­nung erfor­der­li­chen 8 – schrift­li­chen Abfas­sung des Beschlus­ses fehl­te. Vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on ist dem­nach noch nicht tra­gend ent­schie­den wor­den. Dar­über hin­aus haben der 1. und 4. Straf­se­nat in spä­te­ren Ent­schei­dun­gen klar­ge­stellt, dass es auch für sie nicht auf die Zahl der Unter­schrif­ten, son­dern dar­auf ankom­me, dass der Beschluss von allen zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­tern gemein­sam getrof­fen wur­de 9.

Dass letz­te­res der Fall war, haben im vor­lie­gen­den Fall die vom Bun­des­ge­richts­hof ein­ge­hol­ten dienst­li­chen Stel­lung­nah­men der drei an dem Beschluss vom 11.07.2012 betei­lig­ten Rich­ter erge­ben. Die­se haben mit­ge­teilt, dass die Ent­schei­dung zur Ver­bin­dung Ergeb­nis einer münd­li­chen Bera­tung gewe­sen und ledig­lich die Unter­zeich­nung der schrift­lich nie­der­ge­leg­ten Grün­de durch einen der Rich­ter ver­se­hent­lich unter­blie­ben sei. Der Beschluss ist dem­nach nicht im soge­nann­ten Umlauf­ver­fah­ren getrof­fen wor­den, bei dem es sich bis zur Unter­zeich­nung durch alle Rich­ter ledig­lich um einen Ent­wurf han­delt 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Okto­ber 2013 – 3 StR 167/​13

  1. OLG Frank­furt, Beschluss vom 28.05.1991 – 1 Ss 43/​91, NJW 1991, 2849, 2850; SK-StPO/Pa­eff­gen, 4. Aufl., § 203 Rn. 8; wohl auch HK-StPO-Juli­us, 5. Aufl., § 207 Rn. 18[]
  2. Mey­er-Goß­ner, StPO, 56. Aufl., § 207 Rn. 11; KK-Schnei­der, StPO, 7. Aufl., § 207 Rn. 29; Radtke/​Hohmann/​Reinhart, StPO, § 207 Rn. 14; KMR-Seidl, StPO, § 207 Rn. 6 [Stand: Mai 2012][]
  3. BGH, Beschluss vom 29.09.2011 – 3 StR 280/​11, NStZ 2012, 225[]
  4. GmSOGB, Beschluss vom 30.04.1979 – GmS-OGB 1/​78, BGHZ 75, 340, 348[]
  5. eben­so BVerfG, Beschluss vom 19.02.1963 – 1 BvR 610/​62, BVerfGE 15, 288, 291 f. zu § 23 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG; GmSOGB, aaO[]
  6. RG, Urteil vom 03.02.1910 – III 1038/​09, RGSt 43, 217, 218; BayO­bLG, Beschluss vom 27.06.1989 – RReg 4 St 34/​89, StV 1990, 395 ff.; OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 07.11.1997 – 1 Ss 220/​97, NStZ-RR 1998, 75, 76; eben­so Stu­cken­berg, StV 2013, 133, 135; Mey­er-Goß­ner aaO, vor § 33 Rn. 6; KK-Maul, StPO, aaO, § 33 Rn. 4[]
  7. BGH, Urteil vom 01.03.1977 – 1 StR 771/​76; Beschluss vom 09.06.1981 – 4 StR 263/​81, NStZ 1981, 448; Beschluss vom 03.04.2012 – 2 StR 46/​12[]
  8. BGH, Beschluss vom 11.01.2011 – 3 StR 484/​10, NStZ-RR 2011, 150[]
  9. BGH, Urteil vom 08.06.1999 – 1 StR 87/​99, NStZ-RR 2000, 34; Beschluss vom 21.12 2011 – 4 StR 553/​11, NStZ-RR 2012, 117; so schon RG aaO; BGH, Urteil vom 14.05.1957 – 5 StR 145/​57, BGHSt 10, 278, 279[]
  10. BGH, Beschluss vom 15.01.1954 – 5 StR 703/​53, NJW 1954, 360, 361[]