Die fort­ge­setz­te Beschul­dig­ten­er­neh­mung – ohne erneu­te Beleh­rung

Es ist rechts­feh­ler­haft, wenn Poli­zei­be­am­ten eine Ver­neh­mung fort­set­zen, ohne den Beschul­dig­ten erneut über sein Recht auf Zuzie­hung eines Ver­tei­di­gers zu beleh­ren. Dies macht sei­ne Anga­ben unver­wert­bar.

Die fort­ge­setz­te Beschul­dig­ten­er­neh­mung – ohne erneu­te Beleh­rung

Bringt der Beschul­dig­te zum Aus­druck, sich mit einem Ver­tei­di­ger bespre­chen zu wol­len, kann die Ver­neh­mung nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ohne vor­an­ge­gan­ge­ne Kon­sul­ta­ti­on nur fort­ge­setzt wer­den, wenn sich der Beschul­dig­te nach erneu­tem Hin­weis auf sein Recht auf Zuzie­hung eines Ver­tei­di­gers mit der Fort­set­zung der Ver­neh­mung ein­ver­stan­den erklärt 1.

Zweck der wie­der­hol­ten Beleh­rung ist letzt­lich, dem Beschul­dig­ten vor Augen zu füh­ren, dass er sein Recht auf Ver­tei­di­ger­kon­sul­ta­ti­on nicht durch den fehl­ge­schla­ge­nen Kon­takt­ver­such ver­wirkt hat; sie trägt dadurch zur Sub­jekt­stel­lung des Beschul­dig­ten bei 2. Die­se Recht­spre­chung hat der Gesetz­ge­ber in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zum Zwei­ten Gesetz zur Stär­kung der Ver­fah­rens­rech­te von Beschul­dig­ten im Straf­ver­fah­ren und zur Ände­rung des Schöf­fen­rechts vom 27.08.2017 3 aus­drück­lich gebil­ligt 4.

Aus die­sem Rechts­ver­stoß folgt hier nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot 5.

Hier­auf beruht das Urteil jedoch nicht (vgl. § 337 Abs. 1 StPO), wenn das Gericht den Tat­nach­weis nicht auf die Anga­ben des Ange­klag­ten in der poli­zei­li­chen Ver­neh­mung, son­dern sich viel­mehr auf eine Gesamt­schau der Indi­zi­en stützt.

Dies gilt auch, soweit das Gericht an ein­zel­nen Stel­len die Anga­ben des Ange­klag­ten aus der poli­zei­li­chen Ver­neh­mung erwähnt, wenn die­se ohne­hin durch ande­re Beweis­mit­tel bestä­tigt wer­den. Es han­delt sich dem­ge­mäß um blo­ße Ergän­zun­gen, ohne dass die Straf­kam­mer dem wesent­li­chen Beweis­wert bei­gemes­sen hät­te. Wer­den Beweis­mit­tel nur ergän­zend im Urteil erwähnt und sogar aus­drück­lich für die Ent­schei­dung als nicht wesent­lich beschrie­ben, ist aber regel­mä­ßig aus­zu­schlie­ßen, dass das Tat­ge­richt bei Nicht­ver­wer­tung des Beweis­mit­tels zu einem ande­ren Ergeb­nis gelangt wäre 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juni 2019 – 5 StR 167/​19

  1. BGH, Urtei­le vom 12.01.1996 – 5 StR 756/​94, BGHSt 42, 15, 19; vom 27.06.2013 – 3 StR 435/​12, BGHSt 58, 301, 307; Beschluss vom 10.01.2013 – 1 StR 560/​12, NStZ 2013, 299; dar­über hin­aus auch ganz hM in der Lite­ra­tur, vgl. MeyerGoßner/​Schmitt, StPO, 62. Aufl., § 136 Rn. 10a; KK/​Diemer, StPO, 8. Aufl., § 136 Rn. 14; Geppert, Fest­schrift Otto, 2007, S. 913, 922[]
  2. Beul­ke, NStZ 1996, 257, 261[]
  3. BGBl. I S. 3295[]
  4. BT-Drs. 18/​9534, S. 22[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.10.1992 – 4 StR 126/​92, BGHSt 38, 372, 373 ff.; vom 12.01.1996 – 5 StR 756/​94, BGHSt 42, 15, 21 f.; Beschluss vom 27.02.1992 – 5 StR 190/​91, BGHSt 38, 214, 219 ff.[]
  6. BGH, Urteil vom 20.02.1997 – 4 StR 598/​96, NJW 1997, 1790, 1792; Beschluss vom 03.12 2003 – 5 StR 307/​03; und vom 10.01.2006 – 5 StR 341/​05, NJW 2006, 1008, 1010[]