Die Gefahr aus­län­di­scher Straf­ver­fol­gung – und das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht

Die Rege­lung des § 55 Abs. 1 StPO fin­det auch Anwen­dung, wenn ein Zeu­ge bei der Beant­wor­tung von Fra­gen in die Gefahr gerät, wegen einer vor der Ver­neh­mung began­ge­nen Tat im Aus­land straf­recht­lich ver­folgt zu wer­den 1.

Die Gefahr aus­län­di­scher Straf­ver­fol­gung – und das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht

§ 55 StPO ist Aus­fluss der durch die Garan­tie der Men­schen­wür­de und das Rechts­staats­ge­bot ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Selbst­be­las­tungs­frei­heit 2.

Die Vor­schrift, deren Wort­laut kei­ne Beschrän­kung auf eine inlän­di­sche Ver­fol­gung zu ent­neh­men ist, soll den Zeu­gen durch die Gewäh­rung eines Aus­kunfts­ver­wei­ge­rungs­rechts davor schüt­zen, Anga­ben machen zu müs­sen, die geeig­net sind, ihn zu belas­ten 3.

Die für die Zuer­ken­nung des Aus­kunfts­ver­wei­ge­rungs­rechts maß­geb­li­che Zwangs­la­ge besteht aber in glei­cher Wei­se unab­hän­gig davon, ob die Straf­ver­fol­gung für den Zeu­gen im Ino­der Aus­land droht. Dies gilt jeden­falls dann, wenn auf­grund der tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten, etwa wegen eines bereits ein­ge­lei­te­ten Straf­ver­fah­rens, mit einer Straf­ver­fol­gung im Aus­land kon­kret zu rech­nen ist 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. März 2019 – 4 StR 541/​18

  1. vgl. LG Frei­burg, NJW 1986, 3036; Eschel­bach in Satzger/​Schluckebier/​Widmaier, StPO, 3. Aufl., § 55 Rn. 6; Mai­er in Münch­Komm-StPO, § 55 Rn. 25; Ignor/​Bertheau in Löwe/​Rosenberg, StPO, 27. Aufl., § 55 Rn. 15; Rogall in SKSt­PO, 5. Aufl., § 55 Rn. 39; Otte in Radtke/​Hohmann, StPO, § 55 Rn. 4; Oden­thal, NStZ 1985, 117; Ahlbrecht/​Börgers, ZIS 2008, 218[]
  2. vgl. BVerfG, wis­tra 2010, 299 mwN; vgl. Mai­er in Münch­Komm-StPO aaO Rn. 1[]
  3. vgl. BVerfG, NJW 2003, 3045; NStZ 2002, 378; BGH, Beschluss vom 21.01.1958 – GSSt 4/​57, BGHSt 11, 213, 216[]
  4. vgl. Rogall aaO; Oden­thal aaO; Albrecht/​Börgers aaO S. 219 f.[]